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Resistenzen gegen Antibiotika: Todeszahlen steigen in „besorgniserregendem“ Ausmaß

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Von: Pamela Dörhöfer

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Aufsteller einer Kampagne für einen verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika.
Aufsteller einer Kampagne für einen verantwortungsvollen Einsatz von Antibiotika. © obs

In Europa sterben täglich 100 Menschen, weil Keime gegen Antibiotika resistent sind. Fachleute kritisieren den oftmals unnötigen Einsatz der Medikamente.

Stockholm – In der Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) sterben jedes Jahr geschätzt mehr als 35.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Keimen, die auf eine Behandlung mit Antibiotika nicht mehr ansprechen. Das meldete das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) am Donnerstag. Die Schätzung bezieht sich auf die Jahre 2016 bis 2020 und schließt den EWR mit den Nicht-EU-Ländern Island, Liechtenstein und Norwegen ein.

Die Zahl der Infektionen und der dadurch verursachten Todesfälle soll demnach im Vergleich zu früheren Jahren deutlich gestiegen sein – eine Entwicklung, die ECDC-Direktorin Andrea Ammon als „besorgniserregend“ bezeichnet, auch deshalb, weil immer mehr resistente Keime, die auch gegen antimikrobielle Mittel der „letzten Wahl“ unempfindlich sind, die Verursacher sind.

Infektionen mit resistenten Keimen: Täglich 100 Tote in der EU

„Jeden Tag sterben in der EU/im europäischen Wirtschaftsraum fast 100 Menschen an diesen Infektionen“, sagt Andrea Ammon. Die gesundheitlichen Auswirkungen der Antibiotikaresistenzen sehen die Fachleute der ECDC als „vergleichbar mit denen von Influenza, Tuberkulose und HIV/Aids“ an. Es seien „weitere Anstrengungen erforderlich“, um den „unnötigen Einsatz antimikrobieller Mittel“ zu reduzieren und die Praktiken zur Vorbeugung von Infektionen und deren Kontrolle zu verbessern, erklärt Andra Ammon.

Das oft medizinisch nicht angezeigte Verordnen von Antibiotika – etwa bei Virusinfektionen, gegen die sie nicht wirken – ist einer der Hauptgründe für zunehmende Resistenzen, weil es einen Evolutionsdruck auf Bakterien ausübt, dem sich die Erreger zu entziehen versuchen. Diese Medikamente müssen unbedingt „restriktiver eingesetzt“ werden, sagt auch Mathias Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena. Er sieht einen Grund für die zu häufige Antibiotika-Gabe auch im mangelnden Wissen von Ärztinnen und Ärzten.

Falscher Einsatz von Antibiotika: Rückgang von Verschreibungen ist nicht genug

Zwar sei der Einsatz von Antibiotika in der EU und dem Europäischen Wirtschaftsraum zwischen 2012 und 2021 um 23 Prozent zurückgegangen, heißt es im Bericht der ECDC. Der Anteil der Breitspektrum-Antibiotika, die gegen eine Vielzahl von Erregern wirken (und deshalb potenziell entsprechend viele Resistenzen hervorrufen können) sei jedoch gestiegen, ebenso der Verbrauch von Carbapenemen, die ein sehr breites Wirkspektrum umfassen und oft als letztes Mittel eingesetzt werden. Der Verbrauch von Reserve-Antibiotika, die nur bei bestätigten Infektionen mit multiresistenten Keimen gegeben werden sollen, habe sich sogar mehr als verdoppelt.

Was die Verbreitung der verschiedenen bakteriellen Erreger angeht, so ging die Zahl der gemeldeten Fälle zwischen 2020 und 2021 für alle nach oben. Besonders stark war der Anstieg von Infektionen mit der Spezies Acinetobacter, ihre Zahl hat sich mehr als verdoppelt. Acinetobacter sind gram-negative Bakterien, die eitrige Infektionen in nahezu jedem Organsystem hervorrufen können und vor allem bei Patient:innen in Krankenhäusern vorkommen.

Ebenfalls häufiger geworden sind Klebsiella pneumoniae-Fälle, die eine häufige Ursache für Harnwegs-, Atemwegs- und Blutbahninfektionen sind, diese Keime zeigen Resistenzen gegen Carbapeneme. Fast verdoppelt hat sich laut ECDC zwischen 2020 und 2021 zudem die Zahl der gemeldeten Infektionen mit Candida auris, einem 2009 erstmals in Japan beschriebenen Hefepilz, der sich leicht in Krankenhäusern ausbreiten kann.

Resistente Keime: Häufigste Infektionsverursacher sind Darm-Keime

Insgesamt blieben im vergangenen Jahr aber die im Darm vorkommenden Escherichia coli die am häufigsten gemeldeten Verursacher (39,4 Prozent der Fälle), vor allem im Zusammenhang mit nosokomialen Infektionen, die man sich bei medizinischen Maßnahmen holen kann, gefolgt von Staphylococcus aureus, der Infektionen der Haut, der Herzklappen und Knochen sowie Lungenentzünden hervorruft (22,1 Prozent). In einigen Ländern, auch in Deutschland, seien Infektionen mit multiresistentem Staphylococcus aureus (MRSA) indes zurückgegangen, sagt Mathias Pletz. Das habe auch mit der verbesserten Hygiene in Krankenhäusern zu tun: Da MRSA die Haut besiedelt, lässt er sich durch Desinfektion leicht beseitigen. Platz drei unter den häufigsten Infektionsverursachern belegt Klebsiella pneumoniae, ein Stäbchenbakterium, das unter anderem Lungenentzündungen auslöst.

Generell ist, was die Verbreitung multiresistenter Keime angeht, die Lage in Nordwest-Europa im Schnitt wesentlich besser als in Osteuropa inklusive Russland, sagt Tim Eckmanns, Leiter des Fachgebiets Nosokomiale Infektionen am Robert Koch-Institut. So gebe es bei Infektionen mit Klebsiella pneumoniae-Erregern in Deutschland und Österreich nur einen Anstieg von einem Prozent zu verzeichnen, in Griechenland betrage er hingegen mehr als 50 Prozent, aber auch in Italien ging es für dieses Bakterium um 25 bis 50 Prozent nach oben. Problematisch sei die Situation in Bezug auf resistente E.coli insbesondere auch im Mittleren Osten und Vorderasien, erklärt Eckmanns.

Der Wissenschaftler findet es zudem „absolut notwendig“, beim Thema Resistenzen den „globalen Blick“ einzunehmen. So berichtet er, dass es in Afrika südlich der Sahara die meisten Todesfälle durch Infektionen mit resistenten Keimen gebe, obwohl dort am wenigsten Antibiotika verbraucht würden. Allerdings, und das sei eine Ursache der vielen dort dramatisch verlaufenden Fälle, würden Antibiotika gerade in armen Ländern oft nicht zielgerichtet eingesetzt, oft, weil es an Expertinnen und Experten fehle und die Gesundheitsversorgung insgesamt schlecht sei. Oder die Menschen müssten die Medikamente selbst bezahlen und würden die Therapie deshalb vorzeitig abbrechen – etwas, das man gerade bei Antibiotika grundsätzlich nie auf eigene Faust tun sollte. (Pamela Dörhöfer)

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