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Der alarmierende Pflegepersonalmangel wird nicht durch eine Verbesserung der Bezahlung oder der Arbeitwsbedingungen bekämpft.

Dr. Hontschiks Diagnose

Klar zur Wende! Die Rufe nach einem Umsteuern in der Medizin werden lauter

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Gibt es 2020 eine Verbesserung im Gesundheitswesen? Es besteht Hoffnung. Die Kolumne von Bernd Hontschik.

Im vergangenen Jahr hat das große Schiff Gesundheitswesen seine Fahrt unter den Segeln der Privatisierung und den Regeln der Börse weiter fortgesetzt. Es steht zu befürchten, dass das im kommenden Jahr auch nicht anders werden wird. So wird beispielsweise der alarmierende Pflegepersonalmangel nicht durch eine Verbesserung der Bezahlung, der Arbeitsbedingungen und der Wertschätzung bekämpft, womit man Zehntausende von ehemaligen Pflegekräften umgehend zurück in ihren angestammten Beruf locken könnte. 

Stattdessen reist Jens Spahn durch Ost- und Südosteuropa und bis nach Mexiko, um die wenigen qualifizierten Arbeitskräfte, die es dort gibt, hierher zu holen. Und sein „Digitales Versorgungs-Gesetz“ wird ganz sicher nicht zur besseren „digitalen Versorgung“ von Patient*innen beitragen, sondern es wird sie der Hoheit über ihre Daten berauben. Digital gut versorgt werden hingegen die bekannten weltweit agierenden Datenkraken mit all den Gesundheitsdaten, nach denen sie schon so viele Jahre gieren.

„Der marktgerechte Patient“: Film zeigt unhaltbare Zustände in Krankenhäusern

Es gab im vergangenen Jahr aber trotz alledem auch Grund zur Hoffnung. Bereits zu Anfang des Jahres hatten die Hamburger Filmschaffenden Herdolor Lorenz und Leslie Franke mit dem Film „Der marktgerechte Patient“ eine wahre Lawine von Filmvorführungen und Folgeveranstaltungen im ganzen Land ausgelöst. Der Film illustriert die schwerwiegenden Folgen der wahnsinnigen Idee, dass ein Krankenhaus schwarze Zahlen schreiben müsse, statt von der Gesellschaft mit genügend Mitteln für die Erfüllung seiner Aufgaben ausgestattet zu werden. 

Gezeigt werden unhaltbare Zustände in immer mehr Krankenhäusern, verursacht durch das Diktat der Privatisierung und durch das moderne Bezahlsystem, dass an der Schwere der Diagnosen orientiert ist statt am Bedarf und am Aufwand. Der Film macht die Arbeitshetze und die dramatischen Folgen des eklatanten Personalmangels deutlich: Existentielle medizinische Bereiche wie die Diabetologie oder die Kinderheilkunde verkümmern, Kreißsäle werden geschlossen, Intensivstationen stehen leer.

Widerstand gegen die Kommerzialisierung der Medizin

Und noch ein weiteres Mal fand der Widerstand gegen die Kommerzialisierung der Medizin breite öffentliche Beachtung. Das Hamburger Magazin „Stern“ prangerte im September mit einer beispiellosen Aktion die rasante Verschlechterung der Situation an den Krankenhäusern an. 

Unter dem Titel „Rettet die Medizin!“ war es dem Arzt und Journalisten Bernhard Albrecht gelungen, die Folgen der Privatisierung und Profitorientierung in den Krankenhäusern so eindringlich darzustellen, dass sich nicht nur Tausende von Ärzt*innen dem Appell anschlossen. Die drei Forderungen nach Abschaffung des Fallpauschalensystems, nach einem Stopp von ökonomisch verursachten Fehlversorgungen und nach einer bedarfsorientierten Krankenhausplanung wurden außerdem von fast allen großen ärztlichen Berufsverbänden und Fachgesellschaften unterstützt.

In Krankenhäusern werden Forderungen nach einem Umsteuern immer lauter

Die mediale Resonanz war zunächst groß. Auch Talkshows nahmen sich des Themas an. Aber wie so oft: Nach nicht allzu langer Zeit war das Thema wieder verschwunden. 

Aber das täuscht. In vielen Krankenhäusern sind Gruppen entstanden, die weitere Aktionen planen, insbesondere im pflegerischen Bereich. In Berufsverbänden ist das Bewusstsein über die Deformation der Medizin durch die Kommerzialisierung soweit gestiegen, dass auch von dort Forderungen nach einem Umsteuern immer lauter werden. Das lässt hoffen. Auf ein gutes Neues Jahr!

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

Aktuell von ihm im Buchhandel: „Erkranken schadet Ihrer Gesundheit“. 

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