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Ebola-Behandlung.

Dr. Hontschiks Diagnose

Frei von Moral und Menschlichkeit: Wie der Finanzmarkt an tödlichen Seuchen verdient

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Niemand weit und breit setzt der zynischen Kreativität des Finanzmarkts Grenzen.

Von 2013 bis 2016 hat Ebola in den westafrikanischen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea, also in drei der ärmsten Länder der Welt, über elftausend Todesopfer gefordert. Die sogenannte Weltgemeinschaft hat der Katastrophe lange nur zugeschaut und dann viel zu spät mit Hilfsprogrammen und massiven Einsätzen vor Ort eingegriffen. Der Weltbankpräsident Jim Yong Kim sprach von „kollektivem Versagen“. Nach Schätzungen der Weltbank entstehen durch solche Pandemien jedes Jahr wirtschaftliche Schäden von mehr als 500 Milliarden Dollar.

Damit sich solche Katastrophen nicht in einem derart gewaltigen und unkontrollierbaren Ausmaß wiederholen können, haben sich die Anführer*innen der sieben größten Industrienationen im Jahr 2015 bei ihrem Gipfeltreffen auf Schloss Elmau etwas Feines ausgedacht. Sie gründeten einen Fonds, genannt Pandemic Emergency Financing Facility, kurz PEF. Dieser finanziert sich durch die Ausgabe von Anleihen, auf die sich Pensionskassen, Stiftungen und sonstige Vermögensverwalter sofort stürzten. Die Anleihen waren angesichts der weltweiten Niedrigzinsen rasch überzeichnet, denn die Weltbank versprach eine Rendite von bis zu 13 Prozent.

Ein einfacher Ebola-Ausbruch führt noch nicht zu einer Auszahlung der PEF-Gelder

Der PEF verfügt über ein Volumen von 500 Millionen Dollar, um betroffenen Ländern sofort helfen zu können. Aufgabe des Fonds ist es nach Auskunft der Bundesregierung, „die kritische Finanzierungslücke zwischen dem Beginn einer Gesundheitskrise und dem erfolgreichen Einwerben von Mitteln“ bei Geber-Konferenzen zu überbrücken, ein „innovatives Finanzierungsmodell unter Einbeziehung der Privatwirtschaft“. Aber eine derart exorbitant hohe Rendite gibt es natürlich auch beim PEF nicht ohne Risiko. Denn die ganze Konstruktion funktioniert wie eine Wette. Entweder kommt es nicht zu einer Epidemie, dann erhalten die Investoren nach einer bestimmten Zeit ihr Geld zurück und haben außerdem jedes Jahr dreizehn Prozent Rendite eingestrichen. Oder es kommt zu einem erneuten Krankheitsausbruch, dann wird der PEF an die betroffenen Länder ausgezahlt und das Geld ist für die Investoren weg, nur die Rendite ist ihnen geblieben. Ein einfacher Ebola-Ausbruch führt aber noch lange nicht zu einer Auszahlung der PEF-Gelder. Das ist streng geregelt. Der PEF kommt nämlich nur dann zur Auszahlung, wenn es vor Ort mindestens 250 Tote gegeben hat, und wenn mindestens zwei weitere angrenzende Länder davon betroffen sind, in denen es in einem vorgegebenen Zeitraum zu mindestens zwanzig Todesopfern gekommen sein muss.

Ebola ist erneut ausgebrochen

Die tödliche Infektionskrankheit Ebola ist nun vor wenigen Monaten erneut ausgebrochen, diesmal im Kongo. Der jetzige Ausbruch ist der zweitgrößte seit der Entdeckung des Ebola-Virus und hat dort bisher etwas mehr als 2000 Menschen das Leben gekostet. Jetzt müssen die Finanzinvestoren zittern. Aber noch sind sie hoffnungsvoll. Der PEF musste bislang keinen einzigen Cent seiner 500 Millionen auszahlen. Ebola darf weiter wüten. Denn bis heute hat die Seuche lediglich auf Uganda übergegriffen und dort erst zu einigen wenigen Todesfällen geführt.

Dass unser nationales Gesundheitswesen Schritt für Schritt zu einer marktgesteuerten Gesundheitswirtschaft mutiert wird, ist an sich schon zutiefst beunruhigend. Dass aber nun auch die internationale Finanzierung der Weltgesundheit von finanzmarktgesteuerten Wettbüros abhängt, die frei von jeder Moral und Menschlichkeit Tote und Länder zählen, ist nicht zu fassen. Während die Ärmsten der Armen sterben, werden die Reichsten der Reichen dadurch reicher. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis nicht nur die Bekämpfung, sondern schon der Ausbruch von Seuchen zum Gegenstand von Wetten und hohen Renditen werden wird. Niemand weit und breit setzt der zynischen Kreativität des Finanzmarkts Grenzen.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

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