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Die Deutschen entdecken ein neues Hobby – Wandernde nahe der Wasserkuppe in Hessen.
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Die Deutschen entdecken ein neues Hobby – Wandernde nahe der Wasserkuppe in Hessen.

Wander-Boom

Gestresste Natur

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Die Pandemie treibt viele Menschen raus ins Grüne. Das hat Schattenseiten.

Raus ins Grüne. Oder, wenn Schnee liegt, ins Weiße. Und zwar, wegen Corona, meist in der Nähe der eigenen vier Wände. Das Wandern boomt, vor allem in der eigenen Region. Das belegt nun auch eine Umfrage des Deutschen Wanderverbandes (DWV). Doch die eigentlich positive Entwicklung – gut für Gesundheit und Fitness, weniger Ferntourismus – hat auch ihre Schattenseiten. Viele Wanderwege sind in der Saison überlaufen, es häufen sich Reibereien mit Natursportlern, und die Umwelt wird beeinträchtigt.

Die Nutzung von Wanderwegen ist im vorigen Jahr aufgrund der Pandemie im Vergleich zu 2019 deutlich angestiegen, wie die Befragung innerhalb der Branche zeigt. Rund 92 Prozent der Befragten bestätigten diese Entwicklung, 30 Prozent sahen sogar einen starken Anstieg, aber nur sechs Prozent keine Veränderungen. DWV-Studienleiter Erik Neumeyer führt das steigende Interesse am Wandern auf die Einschränkungen der Pandemie zurück. „Es gibt schlicht keine andere Einflussgröße, mit der diese Entwicklung bundesweit zu begründen ist – viele Menschen haben das Wandern neu für sich entdeckt“, sagte er.

Laut den Angaben waren besonders häufig Halbtages- und Tagestouren (90 Prozent) gefragt, gefolgt von Familienwanderangeboten (43) und Mehrtagestouren (35). Diese haben laut dem Verband auch schon vor der Pandemie eine zunehmende Rolle gespielt. Neumeyer kommentiert: „Damit hat die Corona-Pandemie wie in vielen anderen Lebensbereichen auch beim Wandern eine verstärkende Wirkung auf bestehende Trends.“ Befragt wurden unter anderem Wandervereine, Naturschutzverwaltungen, Wandertourismus-Expert:innen und Beherbergungsbetriebe.

Vor dem verschärften Lockdown im Dezember konnten die heimischen Gastronomie- und Hotelbetriebe von dem Boom profitieren, inzwischen ist das anders. Viele Gastgeber, die sich auf die Bedürfnisse von Wander:innen spezialisiert haben, verzeichneten bis November eine höhere Auslastung. Neumeyer rechnet nun damit, dass der harte Lockdown tiefgreifende Auswirkungen auf die Gastronomie haben wird – je länger und härter die Maßnahmen ausfallen, desto stärker. „Zusätzlich steigt damit die Gefahr, dass hier Strukturen nachhaltig verloren gehen und den Wanderboom blockieren“, sagt er. Die Teilnehmenden der DWV-Befragung, die allerdings noch im November durchgeführt worden war, zeigten sich da noch optimistischer: 42 Prozent äußerten, dass der mit der Pandemie einsetzende Wanderboom sich auch 2021 und 2022 fortsetzen werde.

Der Verband blendet die Schattenseite des Booms aber auch nicht aus: mehr Autos auf den Straßen in den Wanderregionen, mehr Konflikte zwischen den Nutzern der Wanderwege, zunehmende Vermüllung auf den Wegen und in deren Nähe. Laut der Geschäftsführerin des Wanderverbandes, Ute Dicks, war in manchen Wanderregionen in der Nähe von Ballungsräumen der Ansturm so groß, dass es teils sogar Sperrungen von Wegen geben musste.

Konflikte zwischen Nutzerinnen und Nutzern von Wanderwegen sind ein großes Thema. Die Mehrheit der Befragten (56 Prozent) sieht dieses Problem. Besonders häufig wurden Konflikte zwischen Wandernden und Mountainbiker:innen (87) genannt, aber auch zwischen Wandernden und Hundebesitzer:innen (27), Naturschützer:innen (26) sowie anderen Wandernden und Landwirt:innen (jeweils 25) spielen eine Rolle. Beeinträchtigungen der Umwelt haben laut 53 Prozent der Befragten zugenommen. Stichworte: mehr Müll am Wegesrand, mehr Verkehr, wildes Parken, unerlaubtes Campen und die Störung der Tierwelt.

Wie sich der Wanderboom vor Ort konkret auswirkt, beschrieb jüngst der Ranger Martin Schwenninger aus dem Naturschutzgebiet Wutachschlucht, einem der beliebtesten Wanderziele im Schwarzwald. Die Besucherzahlen seien dort im Frühsommer nach dem ersten Lockdown stark angestiegen. „Die Parkplätze waren massiv überfüllt. Die Autos standen bis auf die Straße“, berichtete er den „Stuttgarter Nachrichten“. Gekommen seien nicht nur Menschen aus der nahen Umgebung, sondern auch aus Großstädten wie Stuttgart und Konstanz. Wildes Campen mit Wohnmobilen an Waldrändern und auf Waldparkplätzen habe stark zugenommen. Das beunruhige die Natur, zum Beispiel, so Schwenninger, „wenn Menschen früh und spät rausgehen, um eine Runde mit ihren Hunden zu drehen“. Vielen sei nicht bewusst, dass Wildtiere große Angst vor Menschen haben. Generell habe auch das Müllaufkommen in der Wutachschlucht zugenommen, proportional zum Besucheransturm. Die meisten wüssten nicht, dass Papiertaschentücher oder Bananenschalen mehrere Jahre bis zum kompletten Abbau brauchten, von Plastikverpackungen ganz zu schweigen.

DWV-Experte Neumeyer jedenfalls sieht „enorme Herausforderungen für eine zukunftsfähige Entwicklung des Wandertourismus und seiner Infrastruktur“. Mit der Pandemie sei der „Besucherlenkungsbedarf“ noch einmal gestiegen, dafür brauche es entsprechende Finanzmittel. „Hier sind die politischen Entscheidungsträger gefragt. Sie müssen Verantwortung übernehmen.“

Merke: Corona verkompliziert alles, sogar das Wandern …

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