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Schmusepause: Jewels, die Gartenchefin, und Cat (li.) lassen Spaten und Harke ruhen.

Schottland

Gestrandet im Glück

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Vor knapp 60 Jahren bezog hier eine mittellose Familie einen Wohnwagen – heute ist das schottische Findhorn eine lebendige Kommune, in der nachhaltiges Leben und Mehrgenerationen-Projekte längst Alltag sind.

Eine Kerze flackert in der Mitte der riesigen „Universal Hall“. Findhorns Auditorium ist gut gefüllt. Am Beginn der Gemeinschaftsmeditation mit allen Dorfbewohnern und Gästen ist es mucksmäuschenstill. Heimlich blinzele ich nach links, sehe meine Sitznachbarn mit geschlossenen Augen; sie wirken entspannt und vertieft. Müde von der Anreise, habe ich Sorge, direkt einzuschlafen oder schlimmer noch: ein Geräusch von mir zu geben. Ein Hüsteln etwa, ein Magenknurren, ein Handypiepsen oder gar einen Lachanfall. Und dann passiert es wirklich, glücklicherweise nicht mir: ein Telefon bimmelt, der Klingelton obendrein ein Popsong. Großes Gelächter. Hier leben also auch nur ganz normale Menschen, denke ich und komme endlich zur Ruhe.

Mehrfach hatte ich von Findhorn gehört, jetzt hat mich die Neugier gepackt und ich bin endlich ein paar Tage zu Gast im internationalen Ökodorf. Versteckt im entlegenen Nordosten Schottlands, liegt es rund eine Meile vom gleichnamigen idyllischen Fischerdorf entfernt. Gleich hinter einem breiten Dünen- und Waldgürtel brandet das Meer an einem schier endlosen Strand an.

Basisarbeit: Unkraut gibt es ja angeblich nicht, aber Julia rupft trotzdem was raus.

Vor meiner Ankunft hatte ich Bilder von Dreadlocks und weiten, wehenden Hosen im Kopf; von gealterten Blumenkindern, die im Schneidersitz den New Age Song „Age of Aquarius“ summen, während sie Kräuter in den Tabak mischen. Allein: Ein Dorf voll von Hippies finde ich nicht vor. Vielmehr einen Ort mit weltoffenen Menschen sämtlicher Berufe aus aller Welt: Architekten, Ingenieure, Lehrer. Sie suchen Sinn und Inspiration, Natur und eine Gemeinschaft – und vielleicht immer auch ein bisschen sich selbst.

Viele tausend Menschen haben diesen Ort bereits besucht, seit das Ökodorf 1962 völlig ungeplant entstanden ist. Wer durch den verwunschenen ursprünglichen Findhorn-Garten spaziert, in dem noch immer der alte, himmelblaue Retro-Caravan der Gründerfamilie steht, kann sich kaum vorstellen, dass dies einst ein trostloser, sandiger Campingplatz auf den Resten eines Luftwaffenstützpunktes der Royal Airforce war. Zumindest, bis Peter und Eileen Caddy mitsamt ihren drei Söhnen und der gemeinsamen Freundin Dorothy Maclean in diesen Campingwagen zogen. Kurz zuvor arbeitslos geworden, konnten sie hier auf kleinem Fuß leben und hofften – damals noch unerfahren im Gärtnern – mit selbst gezogenem Gemüse ein wenig Geld zu sparen.

Dann geschah etwas Außergewöhnliches: Im unfruchtbaren Sandboden gediehen unter anderem 40 Pfund schwere Kohlköpfe. Biologen staunten, konnten diesen Riesenwuchs aber nicht erklären. Zwar blieb dies eine Ausnahmeernte, aber die Kunde vom „Wundergarten“ verbreitete sich schnell und zog immer mehr Menschen aus aller Welt an, die ebenfalls spirituell und im Einklang mit der Natur leben wollten. Bald waren es zehn, schließlich mehr als hundert Menschen – eine Community war geboren. Seit mehr als 20 Jahren ist die gemeinnützige, spirituelle Findhorn Foundation sogar von der UN als offizielle Nichtregierungsorganisation anerkannt.

Verwandlungskunst: Diese Häuser waren einst Whiskyfässer.

Rund um den blauen Caravan sprießt heute ein duftender, üppiger Garten, in dem Vögel zwitschern und ein kleiner Brunnen plätschert. Und um den ein ganzes Dorf gewachsen ist. Gleich nebenan wohnt immer noch Mitbegründerin Dorothy Maclean selbst. Mit ihren stolzen 99 Jahren ist sie die älteste der derzeit rund 400 Bewohner Findhorns, die jüngsten sind noch Babys. Hartnäckig hält sich das Gerücht, hier lebe eine Sekte, dabei ist die Gemeinschaft an der Nordsee das genaue Gegenteil: ein offener, überkonfessioneller Ort, kurz „The Park“ genannt.

Zur Findhorn Community gehört auch das Cluny Hill College, vor allem als Seminarstandort. Es thront, untergebracht in den herrschaftlichen Mauern des einstigen Cluny Hill Hotels, einige Kilometer entfernt nahe dem Küstenort Forres. Eingebettet in eine liebliche Hügellandschaft und umgeben von einem wunderschönen Garten, genießen Gäste hier die unbeschreibliche Ruhe und einen bewegenden Weitblick bis in die Highlands.

Dort lebt etwa Community-Mitglied Sverre Koxvold, der hier bereits vor gut 20 Jahren im wahrsten Sinne gestrandet ist. Der gebürtige Norweger, einst erfolgreicher Finanzmanager, war fünf Jahre auf seinem Segelboot und damit auf dem Meer zu Hause. „Dann lief ich am Hafen des Fischerorts Findhorn auf Grund und blieb ganze zehn Tage stecken“, erzählt er. Als der damals 53-Jährige schließlich weitersegeln konnte, blieb er. In dieser Zeit nämlich hatte er die benachbarte Community kennengelernt.

Und da ist Koxvolds Partnerin Simone Pesson, ursprünglich Stuttgarterin, die nach 16 Jahren in Australien wegen großer persönlicher Umbrüche eigentlich nur ein wenig auf Reisen gehen wollte. Von allen Ländern und Orten, die sie besuchte, war Findhorn der Platz, der sie nicht mehr losließ. Auch die 47-Jährige lebt seit mehr als vier Jahren in der schottischen Gemeinschaft und leitet Erfahrungswochen für die zahlreichen internationalen (und auch vielen deutschen) Gäste. „Wir leben hier in Cluny in einer Art Mehrgenerationenhaushalt“, erzählt sie. „Der jüngste Stiftungsmitarbeiter ist erst 20, der älteste 76. Ich bin superstolz auf uns, dass wir unsere Lebenserfahrung teilen, insbesondere wenn so viele Menschen im Alter einsam sind und jüngere Menschen oft keinen Kontakt zu Älteren haben.“

Schildersprache: In sich hineinhören ist eines der Grundprinzipien in Findhorn.

Sowohl die „Parkys“ als auch die Community-Mitglieder auf Cluny Hill führen ein geregeltes „Angestellten“-Leben, arbeiten in der Küche oder dem drei Hektar großen Community-Garten, sie kümmern sich um die Gäste oder unterstützen das Marketing-Team. Dafür bekommen sie Kost und Logis gestellt sowie einen kleinen monatlichen Verdienst von umgerechnet rund 270 Euro. Gäste, die an einer Erfahrungswoche teilnehmen, werden während des Aufenthalts ebenfalls Teil dieser Gemeinschaft. Sie helfen etwa bei der Zubereitung von Speisen, beim Unkrautjäten oder bei der Ernte.

Zurück im „Park“: Auch Michael Mitton, der in Findhorn aufgewachsen ist, zog es nach Jahren in Florida wieder zurück in die Community. Findhorn sei wie ein Buffett, von dem sich jeder nehmen könne, was er gerade braucht, erzählt der 43-Jährige: „Für manche Gäste ist es der ökologische Aspekt, für andere der spirituelle oder die persönliche Weiterentwicklung.“ Michael führt uns durch das „Field of Dreams“. Auf vielen Dächern der farbenfrohen Ökohäuser im „Park“ sind Solarpaneele montiert. In der Ferne drehen sich Windräder. Kein anderes Dorf in Großbritannien hat einen niedrigeren CO2-Fußabdruck: Es wird recycelt, getauscht, kompostiert, nachhaltig gebaut und gut gedämmt. Holz und Steine aus der Gegend kommen zum Einsatz und manche Hauswand ist mit Strohballen gefüllt – oder mit recyceltem Papier.

Einige wenige haben sogar das Glück, in echten Whiskyfässern zu leben. Wie Roger Doudna, 76, den die Idee nicht losließ, die ausgemusterten, riesigen Destillerie-Holzfässer in kleine Wohnhäuser zu verwandeln. Er verfolgte diesen Plan, bis er die Baugenehmigung erhielt. Seit 32 Jahren lebt der ehemalige Universitätsdozent aus den USA, der sich früh gegen eine akademische Laufbahn und für ein Leben in der Findhorn-Gemeinschaft entschied, auf rund 30 Quadratmetern mit Kochnische, Wohnzimmer und Bad – und einem Bett unterm Dach, das nur über eine Leiter neben dem gut bestückten Bücherregal zu erklimmen ist. „In den ersten Jahren roch es hier drinnen noch nach Whisky“, scherzt Roger Doudna. Schottischer geht’s nicht.

Transparenzhinweis: Der Aufenthalt in Findhorn wurde von der Findhorn Foundation unterstützt.

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