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1932 in der Modefirma Leopold Seligmann.

Fashion Week Berlin

Das hat gesessen

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Perfekte Schneiderkunst, hervorragender Sitz: Jahrzehnte bevor junge Labels ihre Kollektionen in Berlin präsentierten, machten jüdische Konfektionäre den Stil der Stadt weltberühmt. Eines der Modehäuser wird nun wiederbelebt.

Die Suchmaschine spuckt ein buntes Wirrwarr aus. Mit dem Begriff „Berliner Damenmantel“ kann sie im Jahr 2020 nur wenig anfangen. Zwischen grellen Streetstyle-Fotos aus Kreuzberg und Produktbildern von Billiganbietern, die einen „Berlin Style“ versprechen, machen lediglich ein paar historische Modezeichnungen deutlich: der Berliner Damenmantel – das war mal was!

„Ein Einreiher in Dreiviertellänge, mit Raglanärmeln, vier Außen- und zwei Innentaschen, aus ganz unterschiedlichen Stoffqualitäten“, beschreibt der Historiker Uwe Westphal. „Die Frage war, ob man einen Mantel aus Berlin auch in Italien verkaufen konnte, in Argentinien, Brasilien oder den USA.“ Man konnte, damals, vor rund 100 Jahren, als „Berliner Chic“ auch in britischen und amerikanischen Modegazetten zum Schlagwort geworden war. In den 1920ern erreichte die deutsche Modegeschichte einen Höhepunkt, über den Westphal ein Buch geschrieben hat. Und das gleich zwei Mal.

Kurz darauf wurde der Unternehmer Seligmann enteignet.

Bereits 1987 erschien „Mode Metropole Berlin – Entstehung und Zerstörung der jüdischen Konfektionshäuser 1836–1939“ als schmaler Band, im vergangenen Jahr brachte Westphal eine stark erweiterte, seitenstarke Ausgabe heraus. Darin beschreibt er, wie vor allem rund um den Berliner Hausvogteiplatz jüdisch geführte Modehäuser entstanden, in besagten 20ern waren es bereits 2800 Firmen mit 900 000 Angestellten. Erst die rechtliche Gleichstellung jüdischer Schneider rund 100 Jahre zuvor hatte es ihnen überhaupt erlaubt, eigene Unternehmen zu gründen. „Zu diesem Zeitpunkt wurde die Gewerbefreiheit für Juden gelockert, die vorher nicht mal Mitglied der Zünfte werden durften“, so Westphal.

Die Entstehung der Großstädte und Warenhäuser, die Erfindung der Nähmaschine zudem, begünstigten ein schnelles Wachstum der Modefirmen. Die wichtigsten Faktoren aber kamen von den jüdischen Unternehmern selbst. Westphal beschreibt Valentin Manheimer, Herrmann Gerson, Norbert Jutschenka und all die anderen als brillante Köpfe mit weltmännischem Blick, die nicht nur kreative Kollektionen erdachten. „Sie wussten auch mit den Medien gut umzugehen, haben Kostüme für Filmproduktionen gemacht und sich umgekehrt von diesen inspirieren lassen“, sagt Westphal.

„Ich würde es schätzen, wenn auch den jüngeren Generationen nähergelegt wird, dass es da mal etwas gab, das sich gut verkauft hat, klug war, mitten in der Gesellschaft platziert.“ 

Uwe Westphal, Historiker und Autor

„Wenn Marlene Dietrich damals in einem Anzug aufgetreten ist, der von einer Frau nach konventionellen Vorstellungen gar nicht hätte getragen werden dürfen, dann hing so ein Design zehn Tage später im Kaufhaus Nathan Israel und wurde in einer Auflage von 150 000 verkauft.“ Dass Mode überhaupt in großen Stückzahlen produziert werden konnte – auch das war eine Errungenschaft der jüdischen Modeunternehmer. „Sie waren die ersten, die Maße standardisiert haben“, sagt Westphal, die Idee eines Größensystems, wie es heute überall auf der Welt existiert, stammt aus Berlin. Gerson und Manheimer gehören zu den Erfindern der Konfektion.

Ein großes Erbe also, auf das nun Lothar Eckstein blickt. Der Geschäftsmann ist einer von fünf Investoren, die das Modehaus Manheimer mit neuem Leben füllen wollen. Auch Ingo Brinkmeier, der als Produktionschef für Jil Sander und Strenesse arbeitete, oder Agenturchef und Kunstsammler Christian Boros gehören dazu. Gemeinsam haben sie einen siebenstelligen Betrag in die Hände genommen, so heißt es aus Berliner Kreisen, um das 1937 gegründete Modehaus Valentin Manheimers neu zu eröffnen.

Sein Beitrag zur Erfindung der Konfektion sei schließlich entscheidend gewesen „für die Entwicklung Berlins zu einem der damals bedeutendsten Modestandorte Europas“, so Eckstein. Es ist aber nicht nur das Größensystem, das Manheimer entwickelte. Auch der Berliner Damenmantel stammte von ihm. Bei der Marke, die jetzt seinen Namen trägt, wird es ihn trotzdem nicht geben: Das Label richtet sich heute ausschließlich an Männer. Ein paar Details der akkurat geschnittenen Anzüge und schlichten Herrenmäntel erinnern dennoch an den Stil Valentin Manheimers. Auch die Werbefotos geben dezente Hinweise auf den Glamour der 20er Jahre – die für den Firmengründer Manheimer selbst allerdings wenig glanzvoll zu Ende gingen. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise musste er Konkurs anmelden. Lange aber hätte Manheimer sein Geschäft wohl ohnehin nicht fortführen können.

Letzte Hand angelegt: Manheimer wurde wiedereröffnet.

Kurz nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 gab es erste Boykotts jüdischer Warenhäuser, es folgten die sukzessive Einstellung von Bankkrediten, die systematische Zerstörung ihrer Logistik, Enteignung, Deportation. 1939 existieren von den 2800 jüdischen Modebetrieben gerade noch 60, erzählt Uwe Westphal. In seinem Buch schreibt er auch von den Zwangsarbeitslagern, die unweit von Konzentrationslagern aufgebaut wurden. Jüdische Näherinnen, Vorarbeiter, Schneider, Modemacher mussten dort Aufträge für deutsche Unternehmer wie Josef Neckermann und Hugo Boss abarbeiten oder Uniformen für die SS nähen – auf ihren eigenen Maschinen, die ihnen zuvor weggenommen, entrissen, gestohlen wurden. „Etwa 52 Prozent der deutschen Bekleidung wurden zur NS-Zeit in solchen Zwangsarbeitslagern hergestellt“, sagt Westphal.

Am Hausvogteiplatz erinnert heute ein Mahnmal an die jüdischen Modeunternehmen – ansonsten scheint die Hochzeit der Berliner Mode beinahe vergessen. Die Wiedereröffnung des Modehauses Manheimer könnte daran etwas ändern. Wenn denn hinter den gut gestalteten Kollektionen auch die nötige Sensibilität für die Geschichte steht. Zumindest unterstütze man „eine Reihe an Projekten, die helfen, das zum Teil immer noch viel zu wenig bekannte jüdische Erbe der Berliner Modegeschichte wieder sichtbarer zu machen“, sagt Eckstein. Und auch die Unterstützung der Familienerben habe man sich zugesichert. Manheimers Ururenkel Andreas Valentin, der heute in Brasilien lebt, war nicht nur zu einer ersten Präsentation des Labels im November geladen. Am morgigen Donnerstag nimmt er auch an einem Pressegespräch während der Berliner Modewoche teil.

Dass die Branchenvertreterinnen und -vertreter dort ganz genau zuhören, dürfte sich Uwe Westphal wünschen. Er fordert eine Erinnerungskultur, die auch die deutsche Modeszene endlich erreicht. „Ich würde es schätzen, wenn auch den jüngeren Generationen nähergelegt wird, dass es da mal etwas gab, das sich gut verkauft hat, klug war, mitten in der Gesellschaft platziert“, sagt Westphal. Der Historiker spricht von „einer wirklichen Verbindung zwischen Mode, Kultur und Gesellschaft, die es in Deutschland so nicht mehr gibt.“ Schließlich seien die jüdischen Modemacher damals in die Akademie der Künste eingeladen worden, um Vorträge zu halten, hätten enge Verbindungen zu den Brücke-Malern gepflegt, ihren Einfluss auf Theater und Film geltend gemacht. Und großartige Mode kreierten sie sowieso. Der Berliner Damenmantel zeugt ja davon. Wenn auch nicht im bunten Bilder-Wirrwarr moderner Suchmaschinen.

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