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Beschneidung

„Es ist Körperverletzung und fertig“

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Die Beschneidung von Jungen hinterlässt bei manchen Betroffenen wie Victor Schierung und Önder Özgeday ein lebenslanges Trauma. Die beiden fordern eine entschiedenere gesetzliche Regelung, abseits kultureller und religiöser Wertvorstellungen.

MOGiS e.V. setzt sich für Menschen ein, die von sexuellem Missbrauch, sexueller Ausbeutung und sexualisierter Gewalt betroffen sind. Im Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener engagieren sich Jungen und Männer, die von Eingriffen an ihren Genitalien negativ betroffen sind. Ihr Ziel ist die politische und gesellschaftliche Ächtung aller Formen nicht-therapeutisch indizierter chirurgischer Eingriffe an einwilligungsunfähigen Menschen.

Sieben Jahre sind vergangen, seit das Kölner Landgericht einen Arzt wegen Körperverletzung verurteilt hat, der einen muslimischen Jungen beschnitten hatte. Was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem getan in Deutschland?
Schiering: Vonseiten der Politik und Medien ist das Thema bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr aufgenommen worden. Ganz anders sieht es in der Zivilgesellschaft aus: Immer mehr Verbände sehen, dass dringend Handlungsbedarf im Sinne von Kinderschutz und Beratungsangeboten besteht. Man kann Jungen nicht weiter aus der notwendigen Debatte um die genitale Selbstbestimmung von Kindern ausschließen. Besonders viel getan hat sich auf medizinischer Seite, die ja die mit Abstand größte Anzahl von Vorhautamputationen in Deutschland zu verantworten hat – mit häufig zweifelhafter Indikation. Auf juristischer Ebene wurde das Kölner Urteil damals überwiegend begrüßt, aber die dann beschlossene und leider noch immer aktuelle Gesetzeslage wird als mehrfach verfassungswidrig bewertet.

Im Dezember ist bei einer Beschneidung in Italien ein kleiner Junge aus Nigeria ums Leben gekommen. So kam das Thema mal wieder in die Nachrichten, aber dabei geht es selten um Hintergründe. Woran liegt das?
Özgeday: An der Tabuisierung. Und dass man dieses Thema den Interessen Erwachsener überlässt. Seien es religiöse Interessen, Bräuche, Kultur. Es wird wahrgenommen als eine Sache, die Gemeinschaften unter sich entscheiden sollen beziehungsweise die Eltern für ihr Kind. In keinem anderen Bereich wird ein körperlicher Übergriff auf diese Art toleriert. Aber es geht hier nicht um Religionen oder Gemeinschaften, auch nicht um Religionsfreiheit oder kulturelle Toleranz. Das Selbstbestimmungsrecht und das Recht auf körperliche Unversehrtheit geht vor.

Özgeday: „Ich hätte über dieses Stückchen Haut selbst verfügen wollen“

Es geht doch nur um ein Stückchen Haut, oder?
Özgeday: Ich könnte jetzt etliche anatomische und sexuelle Funktionen der Vorhaut auflisten. Nehmen wir aber an, es wäre nur ein Stückchen Haut. Das ändert nichts an meiner Argumentation. Selbst dann hätte ich über dieses Stückchen Haut selbst verfügen wollen und müssen. Wir leben in einem Rechtsstaat. Ich hatte das Recht, meine körperliche Beschaffenheit im Ganzen erfahren zu dürfen so wie jeder andere Mensch. Und nein! Die Vergleiche mit Impfen und Zahnarztbesuchen et cetera greifen nicht.

Schiering: Ist das die Art und Weise, wie wir Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution wieder über Genitalien sprechen wollen? Ihnen einen „Wert“ oder „Nichtwert“ zusprechen, der kollektivistisch festgelegt wird und den man hinzunehmen hat? Die männliche Vorhaut macht rund 50 Prozent der Haut des Penis‘ aus und ist aufgrund ihrer nervalen Beschaffenheit sein empfindlichster Teil. Sie ermöglicht den „Gleitmechanismus“, den die Natur offensichtlich vorgesehen hat. Es ist einfach unethisch und sexistisch, so über Teile von Genitalien zu sprechen.

Önder Özgeday (l.), geboren 1983 in Heidelberg, studiert Sozialwissenschaften, ist seit 2012 im Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener und seit 2017 Mitglied im Vorstand. Victor Schiering ist Jahrgang 1973, geboren in Bremen. Der Diplom-Musiker engagiert sich seit 2012 im Facharbeitskeis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. Seit 2017 ist er Vorsitzender.

Beschnittene Männer wissen in der Regel nicht, was ihnen fehlt, denn meistens wird die Operation im Kindesalter durchgeführt, noch vor Geschlechtsreife und ausgeprägter sexueller Aktivität. Oft haben sie kein Bewusstsein davon, dass ihnen überhaupt etwas fehlt. Ihnen beiden hingegen ist dies bewusst geworden. Wie kam das?
Schiering: Ja, es werden Tatsachen an Kindern geschaffen, die überhaupt nicht begreifen können, was mit ihnen geschieht. Sie werden damit einfach für den Rest des Lebens allein gelassen. Ich war sechs Jahre alt, als die Amputation bei mir durchgeführt wurde. Ich habe mich immer unwohl damit gefühlt. Lange nach der Pubertät fühlte ich mich unvollständig. Ich hasste mein Entblößtsein. Jeder sieht es auf zehn Metern Entfernung, dass ich dort mit einem Messer traktiert wurde. Ich konnte es lange nicht konkretisieren, es war ja angeblich so wahnsinnig notwendig und so „normal“. Ich habe aber immer alle Vollständigen um ihre Vollständigkeit beneidet. Irgendwann im Jahr 2011 ging es nicht mehr. Ich wollte wissen, ob ich der einzige bin, der so empfindet. Dann lernte ich immer mehr Betroffene kennen.

In Ihrem Fall war die Amputation also medizinisch indiziert?
Schiering: Ja. Die Schulmedizin handelte damals meist nach dem Motto: Wenn sich eine Vorhaut zu Schuleintritt nicht voll bewegen lässt, wird sie abgeschnitten. Meine hielt sich wie unzählige andere einfach auch nicht an dieses Zeitschema. Die Ärzte erlebte ich als durchaus hartnäckig dabei. Ein Drittel aller Jungs in meiner ersten Klasse wurde in die Chirurgie überwiesen. Ich hatte nie eine Entzündung oder Ähnliches.

Offenbar sind Sie nicht der Einzige, der so empfindet. Betroffene berichten von suizidalen Gedanken als Folge ihrer Beschneidung.
Schiering: Zum Teil sind wirklich gravierende psychische Folgen festzustellen. Zudem werden Betroffene oft lächerlich gemacht. Die Debatte 2012 hat bei vielen Betroffenen Spuren hinterlassen und das Vertrauen in den Rechtsstaat und an faire politische Prozesse extrem erschüttert. Eigentlich stehen wir immer noch ungläubig davor, was damals geschehen ist: Menschenrechte sind wieder relativierbar, auf höchster gesetzlicher Ebene.

Wie viele unnötige Beschneidungen werden in Deutschland pro Jahr vorgenommen?
Schiering: Aus einer Studie von 2007 und dem heutigen Wissen um tatsächliche Indikationen ergibt sich ein Durchschnittswert von jährlich 28 000 fälschlich medizinisch indizierten Vorhautamputationen an Jungen. Zahlen inklusive rituell motivierter Eingriffe sind immer ungefähr, weil viele davon nicht registriert werden.

Hat das Kölner Urteil für Sensibilisierung gesorgt?
Schiering: Ja, natürlich, es war ein großartiges Signal. Der Jahrestag des Kölner Urteils wird seitdem als „Weltweiter Tag der genitalen Selbstbestimmung“ für alle Kinder unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Tradition und Religion gefeiert. Über 50 Organisationen aus zwölf Ländern auf fünf Kontinenten unterstützen ihn.

Schiering: „Jedes Kind zählt“

Bemerken Sie einen Rückgang von Beschneidungen?
Schiering: Es gibt noch keine neuen Zahlen. Hoffnung machen Meldungen wie die, dass ein Essener Klinikum seine Amputationsrate aufgrund von kindlichen Vorhautengen um 90 Prozent senken konnte – einfach weil seriöse Diagnosen gestellt und nicht beschwerdefreie natürliche Zustände pathologisiert wurden. Das muss weiter Schule machen. Jedes Kind zählt.

Özgeday: Ich wurde mit zehn Jahren beschnitten. Ungefähr zum Eintritt der Pubertät, als ich langsam verstand, was wirklich geschehen war, hatte ich massive posttraumatische Belastungsstörungen und führte einen Suizidversuch durch. Noch heute werde ich die Bilder nicht los. Es geschah bei lokaler Betäubung. Ich konnte das Blut spritzen sehen. Eine Assistentin bekam es ins Gesicht. Das Geräusch der Instrumente hörte ich. ich war chic gekleidet und war stolz, ich wollte mutig sein für meine Eltern. Es war kein „Unfall“, der mich entstellte. Sondern meine liebenden Eltern hatten bewusst jemanden beauftragt im guten Willen. Dieser Konflikt hat mich meiner Herkunftskultur entrissen und mein Urvertrauen tief erschüttert. Ich bin nun Vater eines fünfjährigen Sohnes. Es schnürt mir die Luft ab beim Gedanken, dass jemand an ihm herummanipuliert. In meinem Fall wurde es sogar groß und mit viel Trara in einem Saal gefeiert. Ich empfinde einen großen Ekel.

Ihre Beschneidung erfolgte aus rituellen Gründen?
Özgeday: Ich würde es „kulturell“ nennen. Mein Vater war Atheist, wie auch ich selbst. Der Islam war nie Teil meiner Erziehung. Es war eher eine „Mannwerdung“. Die Beschneidung ist einfach so extrem in den Köpfen verankert. Dass es Vorteile bringt. medizinisch, ästhetisch, Präferenz des anderen Geschlechts.

Ein Rabbi segnet ein Neugeborenes, das beschnitten werden soll.

Bei Ihnen gab es Komplikationen bei der Heilung?
Özgeday: Allerdings. Die „Heilung“ dauerte rund drei Monate. Es gab zahlreiche Entzündungen. Ich habe bis heute oft Schmerzen und Missempfinden. Oft vermeide ich, mich unten anzuschauen. Die Bagatellisierung der Beschneidung ist für mich persönlich sehr verletzend.

Ärzteverbände raten inzwischen von voreiligen und vorbeugenden Vorhautamputationen ab. Wie kommentieren Sie das?
Schiering: Die Leitlinie „Phimose und Paraphimose“ unter der Leitung der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie von 2017 bedeutet einen großen Fortschritt. Endlich flogen die Behauptungen zu beschwerdefreien kindlichen Vorhautengen hinaus, für die es nie wissenschaftliche Daten gegeben hatte. Zugleich wird jetzt die sexualsensorische Bedeutung und die natürliche Entwicklung der Vorhaut mit zahlreichen Quellen dargestellt.

Die Empfehlungen der Ärzteschaft scheinen noch nicht bei allen Ärzten angekommen zu sein. 2017 hat ein Arzt einen zwei Wochen alten Säugling auf einem Küchentisch in Nürnberg beschnitten. Das Kind wäre fast verblutet. Das Verfahren gegen den Arzt wurde gegen eine „Geldauflage“ eingestellt.
Schiering: Der Gesetzgeber hat am 12.12.2012 mit §1631d BGB de facto Küchentisch- beziehungsweise Hinterhof-Beschneidungen gesetzlich legalisiert, auch wenn das immer abgestritten wird.

Özgeday: Ich bin für ein Verbot der MGM („Male Genital Mutilation“, also männliche Genitalverstümmelung, Anm. d. Red.). Bei weiblicher Beschneidung bestreitet niemand, dass ein Verbot notwendig ist. Es würde endlich das nötige Zeichen setzen, dass Genitalmanipulationen an Kindern eben nicht das Recht der Eltern sind und dass die körperliche Unversehrtheit, wie auch im Grundgesetz verankert, geschützt wird! Beschneidungen müssen endlich geächtet werden! Überaus wichtig finde ich auch, dass man sich den Totschlagargumenten wie „Antisemitismus“ oder „Islamophobie“ endlich mutig entgegenstellt und nicht einknickt. Ich möchte, dass wir stolz sind auf die Menschenrechte. Wir klären Mädchen auf, „Nein“ zu sagen und selbstbestimmt und unabhängig zu werden, doch wirst du als Junge geboren, ist der sensibelste Teil deines Körpers quasi der Willkür der Eltern und Ärzten überlassen. Das ist krank!

Beschneidungen - „eine Beratungspflicht wäre die Mindestsofortmaßnahme“

Der Gesetzgeber behauptet, das grundgesetzlich geschützte Rechtsgut des Kindeswohls durchaus zu berücksichtigen – in Abwägung mit dem Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit, der Religionsfreiheit und des Rechts der Eltern auf Erziehung. Eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ist „ohne unnötige Schmerzen“, wie es in einem Schreiben des Justizministeriums heißt, grundsätzlich zulässig.
Schiering: Zu dieser Quadratur des Kreises und der mehrfachen Verfassungswidrigkeit haben schon viele juristische Fachleute detailliert Stellung bezogen. Hier bestand ein politischer Wille, ein gewünschtes Ergebnis zu erzielen. Dem wurden Fakten und eine offene Debatte untergeordnet. Besonders dieses Zitat ist einfach nur furchtbar. „Unnötige Schmerzen“? Das muss man sich einmal vorstellen. Kinder haben eben „nötige Schmerzen“ zu ertragen, wenn ihnen Erwachsene Teile der Sexualorgane abschneiden wollen. Und so etwas nickt ein Bundestag ab. Das ist ein entsetzlicher ethischer Offenbarungseid.

Özgeday: Der Paragraph §1631d BGB ist zweifellos nicht verfassungskonform. Er ist ein Fremdkörper in der Gesetzgebung. Ein Skandal. Eine sexistische Diskriminierung.

Gibt es Anstrengungen, gegen den Paragraphen vorzugehen?
Schiering: Dagegen kann nur eine Normenkontrolle des Bundestages, eine Landesregierung oder ein vom Gesetz selbst Betroffener vorgehen, dessen Ansprüche aber, so weit ich informiert bin, mit Erreichen der Volljährigkeit verjährt sein dürften.

Was halten Sie von dem Vorschlag des Juristen Jochen Bittner, eine Beratungspflicht in den Paragraphen einzubauen und Beschneidungen ab dem ersten Lebensjahr zu verbieten?
Schiering: Eine Beratungspflicht wäre die Mindestsofortmaßnahme, um die erfolgte völlige Rechtlosstellung in einer Übergangsfrist zumindest abzumildern. Hinzu muss kommen, was in den Abschlussforderungen der Fachtagung „Jungenbeschneidung in Deutschland“ am Universitätsklinikum Düsseldorf 2017 formuliert wurde: Das Kind soll, auch als Erwachsener, das Recht haben, die Einwilligung der Eltern zu widerrufen. Übt der Beschnittene dieses Recht aus, begründet dies eine Schadensersatzpflicht der Sorgeberechtigten.

Bittner hat dabei den Religionsfrieden im Auge. Der war wohl auch maßgeblich für den Paragrafen in der jetzigen Gestalt.
Özgeday: Das wäre absolut ein falsches Signal beziehungsweise gar kein Signal. Aufklärung ist der richtige Ansatz. Welche Eltern wollen ihren Kindern denn bewusst schaden? Kinder sind kein Besitz. Die Religionen fungieren oft als Träger solcher alten Traditionen und Denkweisen. Viele von ihnen haben wir erfolgreich überwunden. MGM ist aber eine besondere Geschichte. Man ist noch nicht mal so weit, die Schwere des Übergriffs anzuerkennen.

Schiering: „Frieden“ auf Kosten von Kinderschutz ist niemals Frieden. „Frieden“ kann es auch nur auf der Basis unteilbarer Menschenrechte geben. Jegliche Relativierung gefährdet letztendlich Frieden.

Vorhautamputation - ein irreversibler Eingriff

Eine der physischen Folgen der Amputation ist die „Verlederung“ der Eichel, die nicht mehr von der Vorhaut geschützt wird. Welchen Einfluss hat das auf das sexuelle Empfinden?
Schiering: Neben dem Verlust der erogenen Zone Vorhaut an sich und der Zerstörung des natürlichen Stimulationsmechanismus ist die Verhornung der Eichel eine zwingende Folge der Vorhautamputation. Betroffene haben die Möglichkeit des umgekehrten Vorgangs durch Maßnahmen der Vorhaut-„Wiederherstellung“.

Wie kann man eine Vorhaut wiederherstellen?
Schiering: Die Vorhautamputation ist irreversibel. Aber man kann die verbliebenen Teile unter Umständen resensibilisieren. Ich kann durch bestimmte Dehngeräte, die in den USA zu Hunderttausenden verkauft werden, Haut gewinnen, so dass ein Stimulationsmechanismus, dem ursprünglichen ähnlich, wieder möglich wird.

Wie lange dauert es, um auf diese Weise einen ausreichenden Vorhaut-Ersatz wiederherzustellen?
Schiering: Resensibilisierende Effekte stellen sich meist schon nach einigen Monaten ein. Bis eine volle Bedeckung erreicht wird, dauert es je nach „Fleiß“ mindestens zwei Jahre.

Beschnittene Männer berichten von einer gesteigerten sexuellen Leistungsfähigkeit, weil es weniger häufig zu einem frühzeitigen Orgasmus kommt.
Schiering: Wenn das ein als Erwachsener in mündiger und informierter Einwilligung Beschnittener für sich so wahrnimmt, ist das völlig in Ordnung. Es gibt auch Leute, die sich tätowieren lassen und das toll finden. Keiner käme aber jemals auf die Idee, diese eigenen Vorlieben auf Kinder zu projizieren. Das ist der alles entscheidende Punkt! Die gesamte Diskussion müssen wir ja nicht führen, weil manche Leute auf kosmetische Veränderungen an Penissen stehen. Sondern weil man Jungen die Selbstbestimmung über ihre Genitalien einschränkt!

Was sagen Sie zur Haltung bestimmter Gruppen, etwa Juden und Muslime, welche die Beschneidung als Ausdruck ihrer religiösen und sozio-kulturellen Selbstbestimmtheit erklären, weil sie sie als identitätsstiftend erfahren?
Schiering: Selbstbestimmung kann nicht dafür stehen, anderen Menschen eine Selbstbestimmung zu verunmöglichen. Genitalverstümmelungen, egal an welchen Kindern, sind immer nur dann in Gesellschaften Massenphänomen, wenn sie an Kindern ausgeführt werden. Man schafft in physischer und psychischer Überlegenheit Tatsachen. Die Allgemeinen Menschenrechte kennen aber kein Recht auf Zwang, kein Recht auf Identität durch Verletzung der Rechte anderer Menschen.

Im Hintergrund schwingt hier das Antisemitismus-Problem mit, das der ganzen Debatte seit dem Kölner Urteil anhaftet. Was Selbstbestimmung betrifft, sind gerade die Juden vor dem Hintergrund des Genozids, den Deutsche an ihnen verübt haben, eine unerträglich schwer betroffene Gruppe.
Schiering: Die unermesslichen deutschen Verbrechen an jüdischen Menschen dürfen nicht dazu führen, dass heute Kinder Verletzungen ausgesetzt sind.

Es besteht offenbar ein Dissens zwischen Traditionen und Geboten und den als universell erklärten Menschenrechten. Dieser Dissens entzündet sich an der Frage, was man als grundlegend einstuft: die Traditionen oder die Menschenrechte? Haben Sie eine Idee, wie dieser Dissens aufgelöst werden kann?

Özgeday: Zunächst braucht es hierbei keine Theologen. Überhaupt diesen religiösen Aspekt einzubringen, ist für mich falsch. Es ist Körperverletzung und fertig.

Ihr Vater war nicht religiös und wollte trotzdem einen beschnittenen Sohn. Er hat diesen Wunsch offensichtlich nicht hinterfragt. Wie lange wird es dauern, bis solche dicken Bretter gebohrt sind?
Özgeday: Nein, er hat es nicht hinterfragt. Meine Eltern haben außer mir niemanden kennengelernt, der damit unzufrieden gewesen wäre oder es hinterfragt hat. Das gibt es einfach nicht. Es macht jeder so, also wird es gemacht. Die einzige Hoffnung wäre für mich, dass beispielsweise türkische Eltern dieser Generation da zugänglicher sind.

Schiering: Freie Sexualität macht frei. Das Recht darauf, sein ganzes Sexualpotenzial zu entdecken, ohne Einschränkungen von außen, erst Recht keine mit dem Messer, müssen wir wohl wieder neu verteidigen. Wir müssen leider erkennen, dass der Wunsch, Genitalverstümmelung an Jungen weiter zu akzeptieren, so weit geht, elementare Bewusstseinswerdungen der letzten Jahrzehnte wieder infrage zu stellen. Religionen sind für mich Privatsache und deren freie Ausübung ein Grundrecht. Die Grenze stellen für mich die Allgemeinen Menschenrechte dar.

Interview: Lutz Büge

Zur Sache

Für den 11. Mai rufen der Verein und das dazugehörige Netzwerk zur Kundgebung in Köln anlässlich des Welttags der genitalen Selbstbestimmung auf. Die zentrale Kundgebung findet um 11.30 Uhr auf dem Wallrafplatz am WDR-Funkhaus statt.

Weitere Information: www.genitale-selbstbestimmung.de

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