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Bewaffnete Polizisten sichern den „Bunker“, einen Hochsicherheitstrakt des Amsterdamer Gerichts.
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Bewaffnete Polizisten sichern den „Bunker“, einen Hochsicherheitstrakt des Amsterdamer Gerichts.

Drogenschmuggel

Geregelter Ausnahmezustand

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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Mit Drogen werden in den Niederlanden pro Jahr geschätzte 18,9 Milliarden Euro verdient. Der Anschlag auf TV-Fahnder de Vries lenkt den Blick auf Amsterdams Unterwelt. Und den Drogenkrieg.

Irgendwann gegen Ende des Jahres 2015 verliert Ridouan Taghi die Geduld. „Es herrscht Krieg“, textet Taghi in einer Botschaft, welche die Polizei später entschlüsselt, und schildert seine Lage. „Danny und Karim haben Geld auf meinen Kopf ausgesetzt“. Taghi schlägt zurück und – so die Überzeugung der Polizei – heuert selbst einen Auftragsmörder an. Der gibt im Chat freimütig zu: „So gut bin ich noch nicht. Aber auf zehn Meter in den Oberkörper, dann hingehen und Kopf – das kriegt auch ein Anfänger hin.“

Ein Anfänger ist Ridouan Taghi, 43, nach Ansicht der niederländischen Justiz nicht. Vielmehr soll es sich bei ihm um den Paten des niederländischen Kokainhandels drehen. Vor einem Gericht in Amsterdam muss er sich derzeit im sogenannten Marengo-Prozess mit sechzehn weiteren Angeklagten für Auftragsmord, Bedrohung, Nötigung und andere Delikte verantworten. Eine weiteres könnte hinzukommen: der Auftrag für das Attentat auf TV-Fahnder Peter R. de Vries, der Taghis gefährlichsten Gegenspieler beriet: Nabil B., der 2017 aus Taghis Gang ausstieg und im Marengo-Prozess der Kronzeuge der Anklage ist.

Das Verfahren in einem Hochsicherheitstrakt, genannt der Bunker, lenkt die Augen auf die Amsterdamer Unterwelt. Jahrelang sei Spanien das Tor zum europäischen Markt gewesen, aber längst sei die iberische Halbinsel abgelöst durch die Niederlande und Belgien, konstatiert ein Bericht der globalen Initiative gegen transnationale organisierte Kriminalität. „Werden die Niederlande ein Drogenstaat?“, fragte schon vor zwei Jahren die BBC.

„Es gibt eine Schattenwelt, die stets mächtiger wird mit Blick auf Geld und Gewalt“, sagte Jan Tromp dem „Financiel Dagblad“. Der Journalist Tromp hat mit Pieter Tops, Dozent an der niederländischen Polizeihochschule, das Buch „Nederland Drugsland“ geschrieben – Drogenland Niederlande. Tromp und Tops werteten verdächtige Finanztransaktionen aus. Ihr Ergebnis: Rund 18,9 Milliarden Euro werden in den Niederlanden pro Jahr mit krummen Geschäften umgesetzt. „Da geht’s auch um Betrug, aber ein Großteil kommt aus Drogengeschäften.“

Verdächtige wie Taghi verhalten sich da eher unauffällig. Geboren 1977 in Marokko, kommt er mit drei Jahren in die Niederlande. In Polizeiakten taucht Taghi lange überhaupt nicht auf. Als er Mitte des vergangenen Jahrzehnts ins Visier der Fahndung gerät, finden sich exakt zwei Einträge über ihn: zu schnelles Fahren und Mobiltelefon am Steuer. Spaniens Justiz war er da schon wegen Kokainhandels aufgefallen.

verdächtige gefasst

Die niederländische Polizei hat noch in der Nacht nach dem Anschlag drei Verdächtige festgenommen. Die Schüsse auf de Vries soll Danilo G. abgefeuert haben, ein 21-jähriger Rapper aus Rotterdam. Den Fluchtwagen soll Kamil E. gefahren haben, ein 35-jähriger EU-Bürger aus Polen. Peter R. de Vries liegt weiter auf der Intensivstation einer Amsterdamer Klinik. rp

Taghis Geschäftsmodell: Er polte nach Ansicht der Polizei eine alte Drogenroute aus Nordafrika von Cannabis auf Kokain um. Um sich durchzusetzen, soll er rücksichtslos vorgegangen sein – gegen Konkurrenten und Verräter in den eigenen Reihen. „Ich bin schon betrunken und hab‘ Blut nötig“, heißt es in einer entschlüsselten Nachricht, die die Polizei ihm zuschreibt. Die Gruppe geht brutal vor. „Schlafen schicken“ oder „Ticket ohne Rückfahrtschein“ lauten die Umschreibungen für die Todesurteile über Konkurrenten oder Überläufer.

Zwölf Morde bringen die Ermittler mit dem Marengo-Prozess in Verbindung. Darunter auch den am Bruder des Marengo-Kronzeugen Nabil B. sowie dessen Anwalt Derk Wiersum. Zum Verhängnis wird dem Trio ausgerechnet die akkurate Buchführung. „Sir in den Rechnungsbüchern stehen die Datum’s wann die Hitter ausbezahlt worden“, heißt es – grammatikalisch nicht ganz korrekt, aber aufschlussreich – in einer Textnachricht, die ebenfalls dechiffriert wurde. Und diese Auszahlungsdaten decken sich mit den Todestagen.

Das alles wird derzeit vor Gericht in Amsterdam offengelegt. Die Verhandlung gegen Taghi liest sich wie die Vorlage zur Netflixserie „Narcos: Mexico“. Dort geht es um den Aufstieg eines Drogenkartells, das von Cannabis umstellt auf das lukrativere Geschäft mit Kokain. Auch dort geht es um die scheinbare Machtlosigkeit der Justiz. Und so geht es nach dem Anschlag auf de Vries auch um die Frage staatlicher Drogenpolitik.

Von einer „Spitze des Eisbergs“ sprechen Tromp und Tops in ihrem Buch „Nederland Drugsland“. Die Niederlande sind längst ein gewaltiger Umschlagplatz im internationalen Drogenhandel. „80 Prozent der synthetischen Drogen wird exportiert ins Ausland“, ist sich Pieter Tops sicher. Sein Kollege Jan Tromp räumt freimütig ein „gekifft und eine Pille“ konsumiert zu haben. Es geht den beiden Autoren nicht um die Legalisierung von Drogen, aber um einen entspannteren Umgang: „Heroin ist in den 80er-Jahren durch veränderte Gesetze – etwa Methadonprogramme – aus dem Straßenbild verschwunden“, so Tops.

Tops und Tromp geht es vor allem um die große Drogenkriminalität. Sie fragen aber auch nach Hintermännern und Praktiken, wie die Milliardenumsätze gewaschen werden. Ein Teil ihrer Erklärung: Der rasante Anstieg der Immobilienpreise in Amsterdam sei auch auf das Geld aus dem Drogenhandel zurückzuführen. Ihre Klage: Auch Ehrenwerte wie Notare, Makler und Banker verdienen mit am Verschleiern der Spur der Scheine. Die Niederlande, ein Staat im geregelten Ausnahmezustand.

„Uns geht es vor allem um die Kriminalität und die Finanzströme“, sagt Tops. Seine Empfehlung: eine strengere Justiz – nicht gegen die Dealer auf der Straße, sondern die Hintermänner: Als die USA ankündigten, die Absender des Drogenschmuggels in den Vereinigten Staaten vor Gericht zu stellen, habe der Import rasant nachgelassen, so die Experten.

Peter R. de Vries ist nicht der erste Journalist, der auf einer Todesliste der Drogenmafia landete. 2016 wurde Martin Kok ermordet, der in seinem Crime-Blog auch über Taghi schrieb. „Es scheint, als ob der Preis niedriger ist denn je und noch weiter fällt“, gestand Justizminister Ferdinand Grapperhaus schon vor drei Jahren im niederländischen Parlament ein und nannte damals alarmierende Zahlen: Ein Auftragsmord in Amsterdam sei schon für „2000 bis 5000 Euro“ zu haben.

De Vries, hier im Juni, hatte Personenschutz stets abgelehnt. afp

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