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Das Datum ihrer Befreiung kennt Evelyn Amony genau: der 22. Januar. An dieser Stelle, außerhalb des Dorfes Atiak in Norduganda, wurde sie entführt.

Uganda

Ein geraubtes Leben

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Mit elf Jahren wird Evelyn Amony von Schergen der ugandischen Terrormiliz LRA entführt. Als sie 14 ist, macht Joseph Kony, der meistgesuchte Warlord weltweit, sie zu seiner Ehefrau. Elf Jahre verbringt sie mit Kony im Busch, bekommt von dem Massenmörder drei Kinder. Die Geschichte einer Befreiung.

Es war im August 1994 als die Rebellen unseren Hof überfielen.“ Evelyn Amony starrt vor sich in die sanft geschwungene Ebene trockenen Buschlands, das bis zum Horizont reicht. Die junge Frau blickt in die Ferne. Ihre schwarzen Augen suchen keinen Kontakt. Die Arme hält sie verschränkt vor ihrem kräftigen Leib. Sie atmet tief, versucht sich zusammenzureißen, damit die Erinnerung sie nicht übermannt. Doch dann kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Amony steht inmitten des Buschlands von Kalalo, ein paar Hundert Meter entfernt von der Hauptstraße nach Atiak im äußersten Norden Ugandas. Die Grenze zum Südsudan ist keine 40 Kilometer entfernt. Bis 2006 wütete in dieser Region einer der brutalsten Rebellenkriege in der Geschichte Afrikas. Fast zwei Jahrzehnte kämpften die Schwadronen der christlich-fundamentalistischen „Lords Resistance Army“ (LRA) gegen die ugandische Armee, forderten eine unabhängige Provinz. Beide Seiten plünderten die Dörfer, brannten sie nieder, töteten die eigenen Leute. Um zu rekrutieren, rissen die Rebellen Kinder von den Schulbänken oder nachts aus den Betten und verschleppten sie in den Busch. Die Jungen drillten sie zu Killern, die imstande waren, ihre eigenen Eltern und Geschwister zu erschlagen. Aus den Mädchen machten sie Träger und Handlanger, die später den Rebellen vor allem als „Ehefrauen“ dienten. Viele waren bei ihrer Entführung Kinder. Evelyn Amony war elf Jahre alt.

Die kleine Rundhüttensiedlung, die einst an dieser Stelle im Busch nahe Kalalo stand, wurde im Bürgerkrieg in den 1990er Jahren zerstört. Nur zwei Mangobäume auf der Anhöhe zeugen von ihrem früheren Zuhause. „Ich kam von der Schule“, beginnt Amony leise, aber entschlossen zu erzählen und deutet dabei in Richtung Hauptstraße. „Sie warteten auf dem Hof.“ Ihre rechte Daumenkuppe malträtiert die Innenfläche ihrer linken Hand. „Sie waren ausgesandt worden, um uns Kinder für den Buschkrieg zu rauben. Mutter war zum Wasserholen. Ich bin gerannt, nach nebenan ins Haus meiner Großmutter. Die Rebellen waren bewaffnet. Sie stürmten von Hütte zu Hütte, traten Großmutters Tür ein. Sie rissen mich von ihr weg, brüllten, sie würden mich töten, wenn sie mich nicht gehen ließe. Sie stießen mich in den Innenhof zu den anderen beiden Kindern, meiner Freundin und einem Cousin, die sie als neue Rekruten ausgesucht hatten. Dann warfen sie uns Berge von Diebesgut zu, das sie in unserer Siedlung zusammengeraubt hatten, und stießen uns Kinder damit vorwärts in den Busch.“ Amony wischt sich mit dem Ärmel ihres Kleides die Tränen vom Gesicht. „Am 22. Januar vor zwölf Jahren bin ich freigekommen“, sagt sie, als wäre ihr das gerade erst wieder eingefallen.

Evelyn Amony, 34, ist eine stille Frau. Sie spricht bedächtig, leise, lächelt dabei viel. Was ihr widerfuhr, war das Schlimmste, was einem Kind zustoßen kann. Sie teilt dieses Schicksal mit Zehntausenden Kindern in Norduganda, die von Ende der 1980er Jahre bis 2006 ihren Familien entrissen wurden, um der LRA und ihrem selbst ernannten Propheten und Anführer Joseph Kony zu dienen. Amony verbrachte elf Jahre in ihren Reihen. Wie die anderen Buschkinder schleppte sie barfuß, mit blutenden Füßen tagelang Lasten durch den Busch bis in den Südsudan, wo sich Kony mit seinen Schergen eine Zeitlang vor der ugandischen Armee versteckte. „Wenn du nach tagelangem Marschieren auf der Flucht vor der Armee gestolpert bist, haben sie dir in den Kopf geschossen. Wenn du nach Hause wolltest, haben sie dir in den Kopf geschossen, und wenn sie spürten, dass du Angst hast, haben sie dich auch erschossen“, erzählt sie heute. Sie höre manchmal noch die Schreie der Kinder, die zu Tode geprügelt wurden, nachdem sie vor Erschöpfung zusammengebrochen waren. Sie habe damals eine Entscheidung getroffen. „Gehorche, sonst wirst du getötet.“ Sie hat sich ihrem Schicksal gefügt und sich dabei oft den schnellen Tod gewünscht.

Doch Evelyn Amony sollte dem Buschkrieg näherkommen als jede andere der Mädchen und Frauen. Sie begegnete dem „Schlächter von Uganda“, wie Kony genannt wurde, zum ersten Mal mit 13 in einem der LRA-Buschlager. „Er wirkte nicht, wie ich ihn mir aus den Erzählungen der anderen vorgestellt hatte“, erzählt sie. „Kein kleiner, dicklicher Mann mit brutaler Visage, ein Monster, das ohne Gewissen tötet. Kony war groß, ein fröhlicher Typ, der andauernd scherzte und schallend darüber lachte.“ Der Warlord fand Gefallen an dem stillen Mädchen. Er machte die 14-jährige Amony zur liebsten seiner 27 Ehefrauen.

Seine Brutalität sollte sie schnell kennenlernen. Anfangs habe er sie nur bedrängt. Um ihm zu entkommen, versteckte sie sich nachts oder schloss sich in ihrer Hütte ein. „Dann ist er irgendwann zu mir gekommen und hat die Tür hinter sich geschlossen“, sagt sie. Amony wurde beim ersten Mal schwanger. Mit 14 gebar sie ihre erste Tochter von dem Tyrannen. Zwei weitere Mädchen sollten folgen. Kony gab ihrer Erstgeborenen den Namen Bakita, „Schicksal“.

Im Hof eines kleinen Anwesens nahe Gulu, etwa 50 Kilometer südlich von Atiak, tobt eine Handvoll Kinder durch den Garten. Evelyn Amony wohnt heute dort mit ihrem neuen Ehemann Issa Mubarak und den Kindern. Kim ist die jüngste und ihre gemeinsame Tochter, Rebecca ein Nachkriegskind, das von einem anderen Mann stammt. Bakita, 19, und Grace, 12, (Anm. der Red.: Grace ist ein Pseudonym, den richtigen Namen hält die Mutter zum Schutz der Tochter geheim) sind Kony-Töchter. Die dritte Kony-Tochter Winnie ist bei einem der Luftangriffe der Armee im Busch verloren gegangen. Noch heute breche es ihr das Herz, wenn sie daran denke, gesteht Amony. Auf ihrem Schoß auf dem breiten Sofa im Wohnzimmer hält sie ein Buch und blättert darin. Sie hat ihre Erinnerungen an jene Zeit als Konys Ehefrau niederschreiben lassen. „Ich bin Evelyn Amony“ wurde 2015 international veröffentlicht. „Es war diese unsäglich egoistische, tägliche Angst ums nackte Überleben“, schreibt sie darin. Sie schildert die Strukturen in der LRA und zeichnet ein Bild von Kony, der sich vermutlich mit dem Rest seiner versprengten Truppen noch heute irgendwo im zentralafrikanischen Dschungel oder im Südsudan versteckt hält. Sie erzählt von Freundschaften und Feindschaften unter den vielen Ehefrauen Konys, deren Schicksal abhing vom Willen ihres Führers. Der gilt inzwischen als der meist gesuchte Warlord weltweit und ist beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag des Massenmords angeklagt.

Was sie heute dabei empfinde, die Kinder dieses Verbrechers aufzuziehen? „Meine Kinder können nichts dafür“, sagt sie entschieden, während sie das Buch beiseite legt und sich aus dem Bastkörbchen zu ihren Füßen Perlen greift, die sie zu einer Kette fädelt. Handarbeit, mit der sie sich heute ihren Lebensunterhalt verdient. Vor allem mit Bakita verbinde sie eine nahezu komplizenhafte Beziehung, sagt sie. „Die kennt ihren Vater und hat den Krieg bewusst erlebt. Meine Älteste hat das alles mit mir zusammen durchgestanden und die jüngere Schwester Grace durchgebracht.“ Auch mit ihrem Mann teile sie die Vergangenheit. Er bringe Verständnis für sie auf, weil auch er einst von der LRA entführt und gezwungen wurde, als Kindersoldat für die Rebellen zu kämpfen. „Issa hat die Kinder angenommen“, sagt Amony. Sie weiß, dass sie damit großes Glück hat. Die meisten Frauen, die mit Kindern der Rebellen aus dem Busch heimkehrten, blieben später allein, weil die vom Krieg traumatisierten Männer keine Rebellenkinder aufziehen wollten. Wie etwa ihre enge Freundin Vicky Nyanjura. Die Frauen lernten sich im Busch kennen. Victoria Nyanjura ist eines von 139 Mädchen, die von Konys Schergen im Oktober 1996 bei einem Überfall auf die St. Mary’s Mädchenschule in Aboke südlich von Gulu entführt wurden. Der Fall ging als „Aboke-Entführung“ in die Geschichte ein. Einige der Mädchen kamen noch am selben Tag frei, die meisten anderen nahmen die Rebellen mit. Nyanjura wurde einem LRA-Kommandanten zur Ehefrau gegeben. Sie ist eines von 25 dieser Aboke-Girls, die den Busch überlebten. Sie kehrte mit zwei Kindern nach Gulu zurück.

Nyanjura und Amony setzen sich heute beide für betroffene Frauen ein: Nyanjura als Sozialarbeiterin, Amony leitet ein Netzwerk zur Wiedereingliederung für Frauen aus dem Busch. „Ich habe Privilegien erfahren, die andere mitgefangene Frauen nicht hatten“, begründet Amony heute ihr Engagement. „Wir fertigen Schmuck und verkaufen ihn mit anderen Handarbeiten bis in die Hauptstadt Kampala. Jede der Frauen soll lernen, eigenes Geld zu verdienen, um sich und ihre Kinder zu versorgen.“ Aber das sei nur ein wirtschaftlicher Nebeneffekt. Beschäftigung lenke diese Frauen ab, bringe Anerkennung, Würde und das Vertrauen in andere zurück. Gefühle, die sie im Busch verloren haben. Alle Frauen im Netzwerk sind mit Kindern aus dem Busch zurückgekommen, viele wurden von den Dorfbewohnern als Rebellenhuren oder Mörderinnen beschimpft. Ihre eigenen Familien haben sie abgelehnt. Doch wenn Unterstützung fehlt, fangen die Probleme erst richtig an. „Viele Frauen sind gebrochen und verroht zurückgekehrt. Sie projizieren die Wut auf den Kindsvater nun auf ihre Kinder. Viele quälen Schuldgefühle“, sagt Amony. Nichts sei schlimmer, als sie damit allein zu lassen.

Schuld, die auf tiefe Verletzung trifft. Noch heute stehen die Menschen in den ehemaligen Kriegsgebieten reihenweise unter Schock. Jede Familie im Distrikt Gulu ist vom Krieg gezeichnet. Sie haben Mütter, Väter, Brüder oder Schwestern durch die Rebellen verloren, fast alle von ihnen hausten jahrzehntelang in den Flüchtlingscamps der Regierung.

Zwar leisteten Hilfsorganisationen nach Kriegsende psychische Nothilfe bei den Opfern. Die Akuthilfe ist jedoch vorbei, die Organisationen haben ihre Leute inzwischen abgezogen in Richtung Südsudan und Zentralafrikanische Republik. Die ugandische Regierung unter Yoweri Museveni müsste längst Verantwortung übernehmen in Sachen Aufarbeitung, zeigt jedoch wenig Interesse am Norden.

Wann ist man Opfer, wann wird man zum Täter? Bis heute muss sich Evelyn Amony oft mit dieser Frage auseinandersetzen. Nicht zuletzt in ihrer eigenen Familie. „Issas Verwandte setzen ihn unter Druck“, sagt sie. „Ich sei immer noch Konys Ehefrau.“ So zumindest sehe es der Warlord selbst. Was, wenn er eines Tages zurückkehre? Was, wenn er von ihrem Buch erfahre? Eine Sorge, die Amony durchaus teilt.

Derzeit verhandelt der Strafgerichtshof in Den Haag genau einen solchen Fall, den von Dominic Ongwen. Der ehemalige LRA-Kommandant und Vertraute Konys muss sich als Erster aus der Führungsriege der Miliz vor einem internationalen Gericht verantworten. Ongwen ist in 70 Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt, darunter Folter, Verstümmelung, Vergewaltigung und Zwangsprostitution. Ongwen, 42, verteidigt sich damit, dass er als Kind ebenfalls von der LRA entführt und zum Kindersoldaten gedrillt wurde. Allerdings hat er als Erwachsener ohne jeden Skrupel Menschen gequält und ermordet.

Fühlt sich Amony in ihrer Rolle als Geliebte Konys schuldig? „Nein“, sagt sie entschieden. „Ich habe nie einen Menschen töten müssen. Ich fühle mich meiner Jugend beraubt und der Chancen, die ich heute hätte, wäre ich nicht entführt worden.“ Sie wird mit der Erinnerung leben müssen und der Tatsache, dass sie ihr Leben lang mit Kony verbunden bleibt. „Das Buch ist für meine Töchter“, sagt Amony. „Sie sollen wissen, was ich als Kind erlebt habe, wer ihr Vater ist und was er getan hat.“

Bakita hat angefangen, es zu lesen und immer wieder weggelegt. „Sie hat ja die Zeit bewusst erlebt“, sagt Evelyn. Im Zimmer, welches sich Bakita mit ihrer Schwester Grace teilt, liegt neben schwarzen Absatzschuhen das Buch der nigerianischen zeitgenössischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie „We should all be feminists“. Bakita sagt, sie will Anwältin werden, damit anderen Gerechtigkeit widerfahre. Eine Zeit lang ging sie in Gulu zur Schule. Jetzt ist sie auf einem Internat in der Hauptstadt Kampala. „Es ist besser, wenn sie anonym bleibt“, sagt ihre Mutter. Ihre Schwester Grace weiß bis heute nicht, dass Kony ihr Vater ist. „Ich werde es ihr erzählen. Auch Grace soll das Buch lesen. Irgendwann.“

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