Ein Zirkuswagen ist Geraldine Schüles Zuhause. Er steht auf einem Bauernhof im Schwarzwald.
+
Ein Zirkuswagen ist Geraldine Schüles Zuhause. Er steht auf einem Bauernhof im Schwarzwald.

Porträt

Geraldine Schüle: „Eine Clownin nimmt sich selbst nicht so wichtig“

  • Axel Veiel
    vonAxel Veiel
    schließen

Zirkustrainerin, Regisseurin, Schriftstellerin, Abenteuerreisende und Kriegsreporterin: Geraldine Schüle hat mit 27 Jahren viel getan – und viel erlebt. Vor allem eines hat sie früh gelernt: In jedem Scheitern steckt eine Chance.

  • Geraldine Schüle hat schon mit 27 Jahren ein aufregendes Leben hinter sich.
  • Über ihre Erfahrungen hat die gelernte Clownin ein Buch geschrieben: „Grenzenlos Leben. Meine 7 Reisen in die Welt und zu mir selbst.“
  • Die Themen ihres Buches reichen vom Circus über die Hisbollah bis zu Alligatoren.

Nirgends weiße Schminke im Gesicht. Die Nase leuchtet nicht knallrot. Kugelrund ist sie auch nicht. Und Geraldine Schüle trägt auch keine übergroßen Schuhe. In schwarzen Stiefelletten kommt sie daher. Eine Clownin zu sein, bedeutet für die 27-Jährige nicht, in die klassischen Klamotten dieses Tölpels zu schlüpfen und das Zirkuspublikum durch immer gleiche Späße aufzuheitern. Es heißt für sie, die innere Haltung einer Clownin einzunehmen, sich ihre Lebensphilosophie zu eigen zu machen.

Studium am Zirkus- und Artistikzentrum

Neugier attestiert sie ihr, die Bereitschaft, sich aufs Hier und Jetzt einzulassen, zu improvisieren, dem Bauchgefühl verpflichtet. Hinzu kommt eine Portion Gleichmut. „Eine Clownin nimmt sich selbst nicht so wichtig“, sagt Schüle. „Sie mag auf der Bühne noch so oft stolpern, noch so oft hinfallen, sie steht wieder auf, weil sie weiß, scheitern gehört im Leben dazu.“ Und was für Schüle das Allerwichtigste ist: „Clownin sein, heißt das eigene Scheitern nicht nur zu akzeptieren, sondern es als willkommene Chance zur Veränderung zu begreifen und zu nutzen.“

Und Schüle weiß, wovon sie spricht: Am Kölner Zirkus- und Artistik-Zentrum hat sie studiert. Zirkustrainerin und Zirkusregisseurin ist sie. Als Trainerin bildet sie Nachwuchsartisten aus, als Regisseurin entwirft sie eigene Shows. Im Müllheimer Zirkus Ragazzi wäre eine Show zu sehen, gäbe es nicht das Coronavirus.

Für Geraldine Schüle ist jede Niederlage eine Chance

Aus dem Glauben, dass eine Niederlage keine Katastrophe ist, sondern eine Chance zur Kurskorrektur, erwächst Mut. Mit der Neugier einer Clownin geht Schüle weiter, wo andere umkehren. Wenn sie reist, und das tut sie oft, riskiert sie Kopf und Kragen. Nach dem Abitur in Freiburg zog sie los, erkundete Israel. Über die Negev- und Sinai-Wüste schlug sie sich nach Kairo durch. Ziel war der Tahrir-Platz, wo Ägypter, vom arabischen Frühling beseelt, zu Tausenden Freiheit forderten.

Seiltänzerin, Jongleurin, Feuerschluckerin – mit dem Zirkus wuchs Schüle auf.

Von Kairo ging es nach Ramallah ins besetzte Westjordanland. Die Lage war dort nicht minder brisant. Schüle schloss sich einem Zirkus an, unterrichtete dort junge Palästinenser und ließ Kinder und Jugendliche den Reiz des Balancierens entdecken, die Freude des Zirkus-Machens. Die Zustimmung war enorm. Aber Schüle stieß schmerzlich an Grenzen. Einer ihrer Zirkusschüler wurde erschossen. Zwölf Jahre war er alt. Nach einem Disput mit dem Jungen hatten israelische Soldaten zur Waffe gegriffen.

Wohnen und arbeiten im Hisbollah-Viertel

Schüle beschloss, sich dem Nahost-Konflikt zuzuwenden. Für sie hieß das, sich ihm auszusetzen, dorthin zu gehen, wo es wehtut. Kriegsreporterin im Libanon wollte sie werden. Ein Kriegsreporter vermittelte ihr ein Treffen mit zwei Hisbollah-Kämpfern. Die Männer holten sie im Geländewagen am Beiruter Flughafen ab, brachten die Verschleierte bei sich zu Hause unter. Ein schmuddeliges Zimmer in einem Hochhaus des Hisbollah-Viertels Dachiye war fortan Schlafzimmer, Wohnraum und Büro der angehenden Reporterin.

Die Männer zeigten ihr palästinensische Flüchtlingslager. Wenn sie ohne die Deutsche fortgingen – und das taten sie oft – schlossen sie die Wohnung ab. Schüle begriff: Sie war Gefangene der in vielen Ländern als Terrormiliz eingestuften „Partei Gottes“. Als die Männer sie mit Heiratsplänen bedrängten und ihr zögerliches Nein den Verdacht aufkommen ließ, sie könne lesbisch sein und den Tod verdient haben, nutzte sie eine Nachlässigkeit ihrer Bewacher zur Flucht.

„Ich war gescheiter. Die Stunde null war das.“

„Ich war als Kriegsreporterin gescheitert. Die Stunde null war das“, erzählt Schüle, „zugleich aber auch die Chance, ganz neu anzufangen, das Gefühl, jetzt kann es nur noch nach oben gehen.“ Konkret ging es nach Köln, wo sie den Bachelor in Ethnologie und Geografie machte und am Zirkus- und Artistik-Zentrum die Ausbildung zur Zirkustrainerin und Regisseurin absolvierte.

Doch das Reisen ließ sie nicht los: So ging es im vergangenen Winter nach Mittelamerika. Im mexikanischen Cancun stiegen Schüle und ihr Lebensgefährte Patrick Ortlieb aufs Fahrrad und fuhren 2000 Kilometer bis Costa Rica. Sie durchquerten mit El Salvador und Honduras zwei Länder mit rekordverdächtig hohen Mordraten. So hoch wie der Einsatz war der Gewinn: Was Reiseführer und Auswärtiges Amt als No-go-Area ausweisen, erlebten die beiden als Hort der Gastfreundschaft. „Wohl auch weil Touristen das Land meiden, haben Einheimische uns ganz besonders herzlich aufgenommen“, erzählt Schüle. Als gefährlich erwiesen sich nur die Tiere – Alligatoren in Flüssen, Schlangen und Taranteln im hohen Gras, Moskitoschwärme in der Luft.

Geraldine Schüle hat mit Mitte zwanzig viel erlebt

Aus diesen Reiseerlebnissen ist ein Buch hervorgegangen. Mit Pablo Nerudas Memoiren-Titel „Ich bekenne, ich habe gelebt“ könnte es überschrieben sein, hat die Autorin doch bis Mitte zwanzig mehr erlebt als andere, die dreimal so alt sind. Aber für Memoiren ist es natürlich zu früh. Schüle ist nicht am Ende, sie fängt erst an. Und so lautet der Titel des im Mai erschienenen Buches schlicht: „Grenzenlos leben – Meine 7 Reisen in die Welt und zu mir selbst“.

Und natürlich wohnt so eine Frau voller Neugier, Veränderungsdrang und Improvisationslust nicht in einem auf festem Fundament errichteten Gebäude, sondern auf Rädern. Ein Zirkuswagen ist ihr Zuhause. Er steht in einem Vorort des Schwarzwalddorfes Staufen auf dem Bauernhof der Eltern ihres Lebensgefährten.

Leben in einer heilen Welt?

Am Rand des Hofs hat Schüle einen Bistrotisch aufgestellt. Sie bringt selbst gepressten Apfelsaft, stellt Gläser auf den Tisch. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Im benachbarten Kirschbaumhain zwitschern Vögel. Auf dem Hof gackern Hühner. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Eine rundum heile Welt. Doch das Idyll trügt. Auch hier kommt es, wie Schüle es mag, nämlich anders als man denkt.

Vor ein paar Tagen hat ein Wolf in der Nachbarschaft eine Ziege gerissen. Später kam nachts der Fuchs, tötete unweit des Zirkuswagens eine Gans, richtete eine weitere so schwer zu, dass sie geschlachtet werden musste. Als Patrick Ortlieb hinzukam und den Fuchs in die Enge trieb, biss ihn das Tier in die Hand. Eine Woche zuvor war es noch schlimmer gekommen: Da stand der Zirkuswagen in Flammen, brannte zur Hälfte ab. Schuld waren wohl ein nicht vollständig verglühtes Holzscheit eines Feuers und der Wind.

Geraldine Schüle verlangt es nach Veränderung

Womit Schüle wieder tun kann, wonach die Clownin in ihr verlangt: sich auf Veränderungen einlassen, improvisieren. Sie steht auf und zeigt, was improvisieren bedeutet. Vor dem Saunahäuschen des Hofs macht sie Halt, öffnet die schwere Holztür. Der Blick fällt auf Gemüsekisten, aus denen Kleider und Wäsche quellen. „Unser provisorischer Kleiderschrank“, sagt sie. Nächster Stopp ist der ehemalige Schafstall. Im Halbdunkel zeichnen sich Umrisse eines Tischs ab. „Zurzeit mein Büro.“

Geraldine Schüle: Grenzenlos Leben. Meine 7 Reisen in die Welt und zu mir selbst.

Der Zirkuswagen, oder was von ihm übrig ist, ruht auf einem Lkw-Fahrgestell. Der Schlafbereich hat das Feuer überlebt. Auch das Handy ist noch da. Auch für den Wagenbrand gilt: Er eröffnet Chancen zur Veränderung. Nach der Renovierung wird das Gefährt mehr Platz bieten. Einen Meter länger soll es werden. Draußen zeigt sich, dass selbst die Augenfarbe der Besitzerin zu Veränderungen neigt. Je nach Lichteinfall changiert sie zwischen blau, grün und grau.

Das zweite Buch von Geraldine Schüle ist in Arbeit

Das Leben auf Rädern ist Schüle seit früher Kindheit vertraut. Als Tochter von Schaustellern kommt sie 1993 in Freiburg auf die Welt. Die Mutter ist Handleserin, der Vater verkauft Holzspielzeug und selbst gestaltete Kinderbücher. In Staufen haben die Eltern zwar eine feste Bleibe. Oft aber sind sie unterwegs, im Zirkuswagen mit Geraldine, ihrer Schwester Magdalena und manchmal auch Oma Helga. Von einem Mittelaltermarkt zum nächsten. Und die Schule? Mal sind Ferien, dann wieder werden die Kinder vom Unterricht freigestellt oder praktizieren Homeschooling.

Geraldine schaut dem Treiben der Gaukler und Harlekins nicht nur zu. Sie macht mit, verstreut Glasscherben, gibt den Fakir. Sie versucht sich als Seiltänzerin, Jongleurin und Feuerschluckerin. Sie tanzt in einem mit brennenden Fackeln bestückten Hula-Hoop-Reifen. Clownin ist das Mädchen natürlich auch. Wenn die Familie nach Staufen zurückkehrt, schließt sich Geraldine dem dortigen Kinderzirkus Faustino an, übt für weitere Auftritte.

Und schon in der Kindheit galt es, an Niederlagen zu wachsen. Dyskalkulie macht dem Mädchen zu schaffen. Es tut sich schwer mit Zahlen und Zeiten, hat Mühe, die Zeiger der Uhr zu deuten, Himmelsrichtungen zu verorten. Vom Rechnen ganz zu schweigen. Eine dieser Niederlagen eben, die Chancen eröffnen. Weil Geraldine der Zutritt zur Welt der Zahlen erschwert ist, stürzt sich in die Welt der Bilder und Assoziationen, wird eines Tages Erzählerin. Ein zweites Buch ist im Entstehen. Es handelt vom Leben im Zirkuswagen. Von Axel Veiel

Kommentare