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Zartschmelzender Publikumsmagnet: Jährlich 550 000 Besucher zieht das Haus an; mehr als jedes andere Museum Kölns.

Schokoladenmuseum

Genuss und Politik

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Wo lässt sich denn das vereinen? Im Kölner Schokoladenmuseum,das derzeit Jubiläum feiert. Besucher können Leckereien verzehren und etwas über die Anbaubedingungen der Kakaobauern lernen.

Die süße Versuchung hat seit einem Vierteljahrhundert ihren Ort: In Sichtweite des majestätischen Kölner Doms scheint das Schokoladenmuseum wie ein Schiff aus Glas und Metall im Rhein zu schwimmen. In dem nach den Plänen des Architekten Fritz Eller gebauten markanten Haus wird vom heutigen Donnerstag bis zum Sonntag das 25-jährige Bestehen gefeiert.

Vielleicht ist es die Kombination aus der außergewöhnlichen Lage und einem Produkt, das fast jeder liebt, die das Schokoladenmuseum zum meistbesuchten Museum der Stadt machen. Geschäftsführerin Annette Imhoff zumindest berichtet, dass das Haus mit 550 000 Besuchern so viele Menschen anzieht, wie alle anderen Museen der Stadt zusammen. Insgesamt 14 Millionen Menschen hätten sich seit Bestehen auf den Weg in das Haus gemacht, das Imhoff mit ihrem Mann Christian Unterberg-Imhoff in zweiter Generation führt.

„Schokolade hat einfach eine unglaubliche Zugkraft“, sagt sie. Was sich auch ganz konkret daran ablesen lasse, dass die Deutschen mit dem Konsum von 9,75 Kilo Schokolade pro Jahr klar die Nummer eins in Europa sind. Das Museum nähert sich dem hoffentlich zart schmelzenden Produkt auf zweierlei Weisen: Zum einen wird die 5000-jährige Kultur- und Industriegeschichte der Schokolade nachgezeichnet, zum anderen das Sinnliche des Produkts vermittelt. Für Letzteres steht etwa ein mehrere Meter hoher Schokoladenbrunnen: Nicht selten stellt sich, wer sich vor dem Brunnen eingereiht und eine in warme Schokolade getunkte Waffel reichen lassen hat, direkt wieder hinten an.

Das sinnliche Moment zieht sich durchs Museum: In der Schokoladenmanufaktur, in der Chocolatiers ihr Handwerk zeigen, im Pralinenkurs, in der die Besucher ihre ganz eigene Kreationen erschaffen, an Riechstationen steigt der Duft von Nelken oder Kardamom in die Nase. In einem Tropenhaus wiederum hat die Familie Imhoff die klimatischen Bedingungen geschaffen, um neben Papayas, Bananen und Orchideen auch Kakaopflanzen zu ziehen – bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit.

Als Herzstück des Museums gilt allerdings die hauseigene Schokoladenfabrik: Was dort in Form von Nachbauten konstruiert und im Laufe der Jahre immer weiter ausgebaut wurde, ähnelt einem Besuch bei der Sendung mit der Maus: In großen Bottichen wird die Schokoladenmasse, die sogenannte Conche, 72 Stunden gerührt. Danach wird die cremige Masse in kleine Täfelchenformen gefüllt und über die Kühlstraße geschickt, ehe sie maschinell eingepackt wird. Per Knopfdruck kann jeder Besucher einen kleinen Roboter auffordern, ihm ein frisches Täfelchen als Kostprobe zu reichen. Klingt komisch, ist aber so.

Das Museum zeichnet mit 10 000 Exponaten auch viele tausend Jahre Kulturgeschichte der Schokolade nach. Bereits vor 5000 Jahren wurde in Mittelamerika Kakao angebaut. 1500 Jahre vor Christus wurde der Kakao in Mittelamerika dann unter der Hochkultur der Maya zum wichtigsten Handelsgut und Zahlungsmittel. Das älteste Exponat im Kölner Museum – eine mexikanische Tonfigur – stammt aus der Zeit um 1150 vor Christus.

Vom Luxusgetränk des Adels im 17. Jahrhundert zum Statussymbol des Bürgertums bis zum Überraschungsei für Jedermann: Imhoffs wollen die Kolonialgeschichte der Kakaobohne und ihren Weg nach Europa nacherzählen. „Schokolade ist ein Spiegel der Zeit“, sagt die Geschäftsführerin. So zu sehen im Obergeschoss, wo sich die Kultprodukte der Generationen aufreihen – von besagtem Ei bis zur Kinderschokoladenschachtel, die in jeder Generation andere Gesichter zierte. „Schokolade ist einfach immer mit Erinnerung verknüpft.“

Darüber hinaus versteht sich das Museum allerdings auch als ein Ort der politischen Bildung. „Wie die Menschen am Anfang der Wertschöpfungskette leben, darf uns einfach nicht egal sein“, erklärt Christian Unterberg-Imhoff. Am Beispiel der Kakaobohne könne man alle Probleme darstellen, die mit Kolonialisierung, Globalisierung und weltweitem Handel verbunden seien.

Viele Exponate veranschaulichen die Lebensumstände und Arbeit der Kakaobauern, von denen der größte Teil inzwischen in Afrika lebt. Die Elfenbeinküste und Ghana sind die größten Exporteure. In der sogenannten Schoko-Schule lernen Schüler angeleitet durch Museumspädagogen, was das für diese Länder bedeutet. Etwa, dass dort der Regenwald abgeholzt wird: Allein an der Elfenbeinküste verschwindet pro Jahr eine Waldfläche in der Größe des Saarlandes – abgeholzt für Kakaoplantagen.

Die Bildungsangebote des Museums spannen den Bogen von Anbaubedingungen über schwankende Weltmarktpreise bis zur Kinderarbeit. Die meisten Kinder und Jugendlichen hätten einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Die Bedeutung fairer Handelsbedingungen und Löhne seien ihnen eingängig, sagt Annette Imhoff. „Unsere Botschaft ist: Fang mal an, dich damit auseinanderzusetzen.“ Etwa indem man beim Einkauf auf entsprechende Siegel achtet. Auch hier bietet die Schoko-Schule Orientierung.

In der Zukunft möchte das Museumsteam seine Bedeutung als außerschulischer Lernort für Nachhaltigkeit denn auch weiter ausbauen. Die Botschaft, so Unterberg-Imhoff, solle auch über das Jubiläum hinaus die gleiche bleiben: „Kakao ist ein tolles Produkt und Schokolade eine Delikatesse. Aber nur, wenn sie unter Bedingungen angebaut und produziert wird, die Glück und Chancen für alle bietet.“

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