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Gentrifizierung in Mexiko-City: Wer kann sich das leisten?

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In hippen Stadtteilen wie Condesa entstehen Hotels, während Mieten immer höher steigen.
In hippen Stadtteilen wie Condesa entstehen Hotels, während Mieten immer höher steigen. © Imago

Mexiko-Stadt gilt seit der Pandemie als aufstrebender Hotspot. Vor allem dorthin Ausgewanderte profitieren von dem neuen Image. Bei den Einheimischen macht sich hingegen Ärger breit.

Wer in Mexiko-Stadt durch die hippen Stadtteile Condesa und Roma läuft, muss schon die Ohren spitzen, um noch Spanisch zu hören. Meist sprechen nur noch die Bedienungen in den Cafés und die Verkäufer:innen in den Geschäften die Landessprache. Englisch ist in mehreren Gegenden der 20-Millionen-Metropole mittlerweile die Umgangssprache. Cafés bieten das „Desayuno Yankee“, das Yankee-Frühstück an: Eier mit Speck und Pfannkuchen.

Seit der Pandemie erlebt die mexikanische Hauptstadt einen Boom, trotz Smogs, Kriminalität und der Tatsache, dass Hausbesitzer:innen, Restaurants und Straßenhändlerinnen und -händler die Kaufkraft der Menschen aus dem Ausland nach Kräften ausnutzen. Mit der Folge, dass Mieten und die Lebenshaltungskosten in den vergangenen drei Jahren explodiert sind. Auf einem völlig deregulierten Wohnungsmarkt werden mittlerweile Mieten von 2500 bis 4000 Euro für 100-Quadratmeter-Wohnungen aufgerufen. Nicht selten sind diese Apartments dunkel, dreckig und feucht. Aber man kann es ja mal versuchen.

Der Mietspiegel steigt seit Jahren kräftig an. Da Mietverträge immer für nur ein Jahr ausgestellt werden, stellen Vermieter:innen die einheimischen Mieter:innen zum Jahresende vor die Wahl: entweder 300 Prozent Mieterhöhung in Kauf nehmen oder ausziehen. Zudem gehen Tausende der schönsten Wohnungen über die Kurzzeitvermietungs-Plattformen weg. Darüber hinaus sind legale und illegale Boutique-Hotels aus dem Boden geschossen.

Apropos illegal: Die besonders hässliche Seite der Gentrifizierung ist das, was die Menschen in Mexiko „Desalojo“ nennen. Alte, baufällige, aber sehr traditionelle Bausubstanz wird von großen Immobilieninvestoren abgerissen, um neue schicke Hochhäuser mit Lofts und Dachgärten zu errichten. Um sich lange Entmietungsprozesse zu sparen, rücken im Morgengrauen Polizeikommandos an, um die Familien nach Jahrzehnten auf die Straße zu setzen. Im wahren Wortsinn. In bestimmten Stadtteilen haben sich Zeltlager gebildet, wo die Familien mit ihren Habseligkeiten leben.

Mexico City hat sich während der Pandemie und vor allem anschließend zum neuen Hotspot der Auswanderer und Auswanderinnen entwickelt, digitale Nomaden schlagen zu Zehntausenden ihre Zelte hier auf und arbeiten virtuell für ihre Arbeitgeber daheim. Die Regierung hatte selbst zur Hochphase der globalen Covid-Infektionen keine Einreisebeschränkungen verhängt. Mittlerweile stehen das Land und Mexiko-Stadt auf vielen internationalen Rankings ganz oben bei der Beliebtheit als Ziel zur Auswanderung. Zuletzt hat sich das Expat-Netzwerk Internations lobend geäußert und Mexiko-Stadt auf der Liste der „lebenswertesten Städte für Expats weltweit“ auf Platz drei eingeordnet – hinter Dubai und dem spanischen Valencia.

Dabei hat sich die Lebensqualität in Stadt und Land in den vergangenen Jahren nicht gerade verbessert. Neben der Kartell-Gewalt und der allgemeinen Kriminalität, die immer weiter um sich greifen, hat sich der mexikanische Peso in diesem Jahr zur stärksten Währung der Welt entwickelt. Seit Sommer 2020 hat er um 25 Prozent aufgewertet. Das heißt: Wer hier in Euro oder Dollar verdient, hat immer weniger Geld im Portemonnaie. Die Inflation ist hingegen im lateinamerikanischen Vergleich moderat und lag zuletzt bei knapp unter sieben Prozent.

Längst fühlt sich die alte einheimische Bevölkerung verdrängt. Aus alten Eisenwarenläden und lokalen kleinen Supermärkten werden Jazz-Bars, vegane Restaurants und Fresstempel mit eingeflogenen Chefinnen und Chefs aus New York.

Viele „Chilangos“, wie die Einheimischen in Mexiko-Stadt genannt werden, haben inzwischen die Nase voll von dieser „neuen Form des Kolonialismus“. Vor Monaten tauchten Plakate auf, die schnell wieder verschwanden. Darauf stand in Englisch: „Neu in der Stadt? Arbeitest Du virtuell? Du bist eine verdammte Plage und die Einheimischen hassen dich, verdammt noch mal. Verschwinde.“

Dieses Gefühl spiegelte sich in Hunderten Reaktionen wider, die ein junger US-Amerikaner provozierte, als er in einem Tweet schrieb: „Tun Sie sich selbst einen Gefallen und arbeiten Sie in Mexiko-Stadt – es ist wirklich magisch.“ „Bitte nicht“, lautete eine der freundlicheren Antworten. „Diese Stadt wird jeden Tag teurer, auch wegen Leuten wie dir, und du merkst es nicht einmal oder kümmerst dich nicht darum.“

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