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"Die meisten von uns sind ehrbare Leute", sagen die Menschen in Cambados. Aber jetzt kommen viele Fremde und wollen mehr über Sito Miñanco und das Kokain wissen.

Galicien

Die Gentleman-Mafia

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Galicien im Nordwesten Spaniens ist seit Jahrzehnten einer der großen Umschlagplätze für Kokain. In Europa hat man davon bisher wenig mitbekommen ? wohl auch, weil die Kartelle diskret und nahezu ohne Gewalt arbeiten. Nun glorifiziert eine Serie das Geschäft mit dem Rausch.

Es ist nicht schwer, mit den Menschen in Cambados ins Gespräch zu kommen. Sie reden ohne Scheu, wenn sie vielleicht auch gerne über andere Dinge reden würden als über Sito Miñanco und das Kokain. Aber sie reden. Nur ihre Namen behalten sie lieber für sich. „Er ist hier nicht schlecht angesehen“, sagt einer, der 55 Jahre alt ist und Sito Miñanco seit seiner Kindheit kennt. „Es gab eine gewisse Bewunderung für ihn, was nicht in Ordnung ist, aber es gab sie. Als Mensch kann hier niemand schlecht über ihn reden. Weil er kein schlechter Mensch war. Er ist ein guter Mensch, der schlechte Sachen gemacht hat. Das ist er für mich. Ein guter Mensch, der schlechte Sachen gemacht hat.“

Die schlechten Sachen sind schnell beim Namen genannt: José Ramón Prado Bugallo, genannt Sito Miñanco, hat jahrelang tonnenweise kolumbianisches Kokain nach Europa geschleust. Er ist einer der großen Drogenhändler Europas. Das hat ihm aber in seinem Heimatort Cambados, einem Städtchen an der galicischen Atlantikküste, niemand übel genommen: weil er ein freundlicher Kerl ist, sagen sie alle, und weil er niemanden umgebracht hat oder umbringen ließ, soweit man weiß. „Halt ihn in Ehren“, sagte ein alter Mann dem Schauspieler Javier Rey ins Ohr, als der in der Gegend von Cambados eine Szene der Fernsehserie „Fariña“ drehte. Rey spielt darin Sito Miñanco als guten Menschen, der schlechte Sachen macht. Die Serie ist fantastisch, vom Besten, was das spanische Fernsehen jemals hervorgebracht hat, und ist gerade (unter dem internationalen Verleihtitel „Cocaine Coast“) in der halben Welt auf Netflix zu sehen. Jetzt kommen plötzlich wildfremde Leute nach Cambados und wollen mehr über Sito Miñanco und das Kokain wissen. „Es schmerzt, dass das die stärkste Reklame für Cambados ist“, sagt eine Verkäuferin, „wo doch der Ort so schön ist, wir so gute Meeresfrüchte und so schöne Strände haben und die Menschen so freundlich sind.“ Und ihr Mann sagt: „Wir möchten das gerne ein bisschen vergessen. Die meisten von uns sind ehrbare Leute.“

Unter den freundlichen, ehrbaren Leuten von Cambados und der benachbarten Küstenorte entstand in den 1980er Jahren eine Drogenmafia, die Galicien zum wichtigsten europäischen Umschlagplatz für kolumbianisches Kokain machte. Außerhalb Spaniens weiß das kaum jemand, was wahrscheinlich daran liegt, sagt der Journalist Benito Leiro, dass die galicische eine „andersartige Mafia“ ist: eine extrem erfolgreiche, aber wenig gewalttätige. Es hat keine ernsthaften Bandenkriege gegeben,  man hat keine Polizisten erschossen, keine Richter oder Journalisten. Das Geschäft funktionierte auch so. Und funktioniert immer noch. „Das organisierte Verbrechen in Galicien hat Jahrzehnte überlebt dank seiner Diskretion“, sagt Nacho Carretero, der Autor des Buches „Fariña“, auf dem die gleichnamige Fernsehserie basiert. „Sie haben immer gewusst, dass Gewalt und öffentliche Aufmerksamkeit schlecht fürs Geschäft sind.“

Es half dem Geschäft, dass der Schmuggel in Galicien eine lange Tradition hatte: einst mit Kaffee oder Penicillin oder was auch immer, über die Grenze im Süden aus Portugal oder über die schwer zu kontrollierende Atlantikküste mit ihren vielen, sich tief ins Land hineinziehenden Buchten. Schmuggler waren keine Gauner, sondern Ehrenleute, die dem vergleichweise armen Landstrich im Nordwesten Spaniens ein klein wenig Wohlstand brachten. So sahen das die meisten.

Auch noch in den 1970er Jahren, als sich die Schmugglerclans auf amerikanischen Tabak spezialisierten. Die Guardia Civil drückte beide Augen zu und verdiente mit. Die Regionalpolitiker auch, vor allem die von der konservativen Volksallianz. Schmuggler waren Geschäftsleute, man behandelte sie anständig – und wurde anständig behandelt. Erst 1982 stellte Spanien den Schmuggel unter Strafe. Das war unerhört. „Wir werden behandelt, als wären wir Kriminelle“, sagt ein überraschter Clanchef in der Serie „Fariña“.

Sito Miñanco aus Cambados war einer der ersten, die wegen Tabakschmuggels ins Gefängnis kamen. Dort, im Madrider Gefängnis Carabanchel, lernte er 1984 Jorge Luis Ochoa vom kolumbianischen Drogenkartell aus Medellín kennen. Ihre Bekanntschaft markiert, nach allem, was man heute weiß, den Beginn des galicischen Kokainzeitalters, des Zeitalters von Fariña (was das galicische Wort für Mehl ist). Sito Miñanco stieg vom Tabak- ins Drogengeschäft um und half den Kolumbianern, Galicien zu ihrem Tor nach Europa zu machen. Er wurde darüber reich und zum Wohltäter: ein galicischer Pablo Escobar (dem er damals verblüffend ähnlich sah), aber ohne dessen mörderische Rücksichtslosigkeit. Den Fußballclub vom Cambados, einem 14 000-Einwohner-Städtchen, führte er in die dritte und beinahe in die zweite spanische Liga. „Das war eine Supermannschaft“, erinnert sich einer aus dem Ort noch heute voller Anerkennung. Die Cambadeses liebten ihren Sito.

Brüchig wurde diese Liebe wegen des Heroins. In den 1980er Jahren brach das Heroin über Spanien herein, es drang in alle Winkel des Landes vor, auch nach Galicien, auch nach Cambados. „Die jungen Leute meiner Generation wollten Neues ausprobieren. Sie saßen auf der Plaza Mayor, konsumierten und verfielen immer mehr. Die meisten starben an Aids, an Hepatitis oder an einer Überdosis“, erzählt einer aus Cambados. Das Heroin kam über die Türkei nach Spanien. Mit den Kolumbianern und ihren galicischen Partnern hatte das nichts zu tun. Weder Sito Miñanco noch die anderen heimischen Drogenbarone ließen sich nach Kenntnis der spanischen Polizei und Justiz jemals auf den Heroinhandel ein. Doch die galicischen Mütter, die Mitte der 1980er Jahre gegen das Drogenelend in ihrer Heimat zu protestieren begannen, richteten ihren Zorn gegen ihre Landsleute, die mit Tabak, Haschisch oder Kokain reich geworden waren.

Drogen waren Drogen, so genau unterschied man damals nicht. „Wir haben die Drogen sichtbar gemacht“, sagt Carmen Avendaño, die berühmteste Aktivistin aus jener Zeit, mit Stolz in der Stimme. 1990 ordnete der Untersuchungsrichter Baltasar Garzón eine erste großangelegte Razzia gegen den Drogenhandel in Galicien an. An die „Operation Necora“, bei der Garzón selbst per Hubschrauber eingeflogen kam, erinnern sich die Spanier bis heute. Damals wurden Sito Miñanco und die anderen galicischen Narcos im ganzen Land zu bekannten Figuren. Das war schlecht fürs Geschäft. Aufgehört hat es trotzdem nie.

Sito Miñanco ereilte das gewöhnliche Schicksal eines Gesetzesbrechers: Er wurde mehrfach festgenommen, vor Gericht gestellt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Heute ist er 63 Jahre alt und müde geworden, das konnte man im Oktober sehen, als er sich im Provinzgericht von Pontevedra einem Prozess wegen Geldwäsche stellen musste. Er saß still in der ersten Reihe, eingerahmt von zwei Polizisten, sonst ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen. Miñanco mag berühmt sein, dank „Fariña“ noch etwas berühmter als ohnehin schon, aber er ist nicht Chapo Guzmán, und Pontevedra ist nicht New York. Immerhin hat er, der Star, einen Staranwalt, Gonzalo Boye, der zurzeit in Spanien wegen eines anderen Klienten, des katalanischen Ex-Ministerpräsidenten Carles Puigdemont, in aller Munde ist. Boye sagt über Sito Miñanco: „Wenn er aus einer anderen Familie käme, aus anderen Kreisen, dann wäre er heute ein erfolgreicher Geschäftsmann.“ Er ist aber Drogenschmuggler, was in Galicien nicht unbedingt eine Schande ist.

„Ich habe es oft gesagt, und ich wiederhole es: Schmuggler gibt es wenige, Opportunisten Millionen“, sagt Laureano Oubiña, ein guter Freund Miñancos, der sich in seinem langen Leben dem illegalen Tabak- und Haschischgeschäft gewidmet hat. „Ich habe den Schmuggel im Blut“. Oubiña ist 72 Jahre alt und sagt, dass er davon 32 Jahre im Gefängnis verbracht habe. Vor einem Jahr kam er frei und hat ein Buch über dieses Leben geschrieben, auf das er stolz ist, auch wenn er es niemandem zur Nachahmung empfiehlt. Seine Geschäfte müssen gut gegangen sein, er fährt eine teure Limousine und trägt eine teure Uhr. Statt mit Tabak oder Haschisch handelt er jetzt mit seinem Buch. „Aber wenn du mich auf die Probe stellen willst, bereite einen Haschischtransport vor, und mal sehen, ob ich hier im Restaurant sitzen bleibe oder ob ich da draußen bin und ablade.“ Oubiña hat eine große Klappe, auch vor Gericht hat er sich nie zurückgehalten und sich damit bei seinen Richtern unbeliebt gemacht. So ist er berühmt geworden und taucht natürlich auch in „Fariña“ auf. Er hat für die Serie aber kein gutes Wort übrig. Außer den Namen der Protagonisten sei alles erfunden. „Der Hurensohn, der mich gespielt hat – mit dem ich hier im Restaurant in der Ecke dort gegessen habe – hat Glück, dass ich 72 Jahre alt bin. Der erwischt mich mit unter 30, und ich bringe ihn nicht vor Gericht, sondern auf den Friedhof.“ Wie gesagt, ein Großmaul. Und in seiner Großmäuligkeit schon wieder sympathisch. Der Schauspieler Carlos Blanco, der in „Fariña“ den Oubiña gibt, muss nicht um sein Leben fürchten.

Die Fernsehserie hat noch mal aller Welt in Erinnerung gebracht, dass Spanien seine eigenen Narcos hat, in jener abgelegenen Ecke des Landes, aus der sonst nicht viele Nachrichten dringen, im meerumschlungenen Galicien. Jetzt kommen plötzlich Touristen nach Cambados, die sich für Sito Miñanco interessieren, und wer etwas Geduld hat, der kann den Moment erleben, in dem jemand aufgeregt flüstert: „Die Frau dort, das ist seine Schwiegermutter! Sie liebt ihren Schwiegersohn!“ Am Ende haben hier alle von Sito profitiert, sagen sie, auch das Ladenbesitzerpaar, das ungenannt bleiben will: „Ich kann ja Sito nicht sagen: Du kommst hier nicht rein in mein Geschäft.“

Der Polizist Emilio Rodríguez glaubt nicht an die Segnungen des Kokains: „Die Drogen in Galicien schaffen keinen Reichtum“, sagt der Chef der Spezialeinheit zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens in der Provinzhauptstadt Pontevedra. „Das Geld fließt nicht, es bleibt in den Händen von sehr wenigen.“ Auch Rodríguez hält wenig von der Serie „Fariña“, aber aus anderen Gründen als Laureano Oubiña: Der Polizist sieht die Gefahr, dass die Figuren der Drogenhändler darin „zum Mythos erhoben“ würden. Für Rodríguez aber sind sie gewöhnliche Kriminelle. „Im Drogenhandel gibt es keine Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Wir kennen niemanden, der ein normales Leben führt.“ Sie alle haben, wie Oubiña, „den Schmuggel im Blut“. Rodríguez und seine Kollegen bleiben ihnen auf den Fersen. „Viel Beobachtung. Viele Leute auf der Straße. Viel Zeit.“ So kriegen sie sie. Einen nach dem anderen. Aber nie alle. Das Spiel geht weiter.

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