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Heiligabend

Gemeinsam nicht einsam

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Wie sich der Heiligabend auch ohne Familienanschluss aushalten lässt.

Es gibt sie, die Menschen, die Weihnachten bewusst allein verbringen. Einige von ihnen erzählen in Internet-Foren von ihrem ganz persönlichen Heiligabend, und ihre Berichte ähneln sich alle ein bisschen. Wie sie es sich gemütlich gemacht haben, sich etwas Gutes gekocht, ihr Zuhause geschmückt haben. Wie sie dann Musik gehört, gelesen oder Filme geschaut haben.

Und vor allem: Wie sie die Ruhe genossen haben. Wie froh sie waren, dass es weder Stress noch Streit gab, sie nicht zu obligatorischen Verwandtenbesuchen aufbrechen und keine dummen Kommentare zu Geschenken hören mussten. Gar nichts fehle ihnen an einem solch einsamen Heiligabend, heißt es immer wieder.

Es gibt aber auch die anderen, und die sind eindeutig in der Mehrheit. Für sie ist die Vorstellung, Weihnachten allein zu sein, ein Alptraum. Vergangenes Jahr rührte ein 79-jähriger Berliner viele Herzen. Er hatte am Schwarzen Brett eines Supermarktes einen Zettel in krakeliger Schrift befestigt: „Wo findet einsamer Rentner, Witwer, im kleinen Kreis zu Weihnachten einen Platz zum Mitfeiern“. Eine junge Frau postete ein Foto des Zettels auf Facebook, der Mann bekam unzählige Angebote aus der ganzen Republik, Medien suchten das Gespräch mit ihm. Und Weihnachten war er natürlich nicht allein.

Warum Gesellschaft an diesen Dezemberfeiertagen so wichtig ist, dazu haben zahllose Psychologen und Soziologen ihre Überlegungen ausgebreitet. Immer wieder haben sie beschrieben, wie das hierzulande emotional überfrachtete und mit der Familie verknüpfte Fest Menschen, die das Alleinsein das ganze Jahr über gut aushalten, kurz vor Weihnachten regelrecht in Panik geraten lässt.

Manchen hilft es, solche Gefühle einzudämmen, indem sie sich engagieren und an den Feiertagen zum Beispiel die Helfer unterstützen, die den Einsamen eine Anlaufstelle bieten. Doch auch wer lieber selber feiert, muss das nicht allein tun. Längst haben viele Restaurants an Heiligabend geöffnet; Kneipen und Bars nehmen nicht nur die Familienlosen, sondern zu späterer Stunde auch die Feierflüchtigen auf. Die lähmende Stille und Ausschließlichkeit, die den Heiligabend noch vor wenigen Jahrzehnten geprägt hat, ist längst passé.

Was man machen kann, wenn man Weihnachten nicht allein sein will, darüber gibt es hier einen Überblick. In einer kleinen und mehr oder weniger willkürlichen Auswahl, und natürlich ganz ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Aber mit den besten Aussichten für ein gelungenes Fest, ob allein, in der Großfamilie – oder ganz, ganz anders.

Reisen: Einfach mal raus

Verreisen geht immer. Die Tourismusbranche hat die vielen Singles und deren Weihnachtsnöte natürlich im Blick und bietet in vielen Varianten für Alleinreisende den Klassiker an: Weihnachten unter Palmen, irgendwo ganz weit weg von Tannenbaum, Schneeregen, Dunkelheit und Heiligabendgefühlen. Einen ganz anderen Ansatz verfolgen so genannte Weihnachtsarrangements für Singles, gerne im Vier-Sterne-Hotel, inklusive Glühweinempfang und Candlelight-Dinner. Orte, die sonst keine Urlauber anziehen, werden hier zum Ziel, weil sie verkehrsgünstig liegen – zum Beispiel Krefeld am Rand des Ruhrgebiets. Angekündigtes Highlight: „Am 1. und 2. Weihnachtstag Besuch vom Weihnachtsmann.“ 

Social Media: Echt soziale Netze

Ungewollte Einsamkeit an den Feiertagen will die Social-Media-Aktion #keinerbleibtallein der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Telefonseelsorge verhindern. Ob die Alleinerziehende mit kleinem Kind, die gern mit Frauen in ähnlicher Lage 
feiern möchte, oder der frisch verwitwete Endfünfziger: Wer Gemeinschaft sucht oder sie anbietet, kann sich auf Twitter oder Facebook melden. Der Verein #keinerbleibtallein sortiert dann nach Wohnorten und bringt Anbietende und Suchende zusammen. Für dieses Jahr ist es allerdings zu spät: Interessenten sollten sich bis zum 20. Dezember melden. 2017 hat die Aktion nach Angaben der Vermittler 2378 Menschen dazu gebracht, an Weihnachten Zeit mit Fremden zu verbringen; dieses Jahr haben sich rund 7500 Interessierte gemeldet. 

Auszeit im Kloster: Rückzug ins Ich

Weihnachten als Zeit der Besinnung – das lässt sich auch anders interpretieren als Christmette und Heiligabendpredigt. Dem einen oder der anderen liegen da Meditation, Yoga und Spaziergänge mehr, zumal in Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Land. Das Kloster Gerode in Sonnenstein, Thüringen, etwa lockt: „Finden Sie Zeit und Muße für sich selbst“ und verspricht „neue Energie“, „entspannend und belebend zugleich“. Über die Feiertage kann sich, wer innere Einkehr sucht, dort einquartieren – inklusive „hervorragender internationaler vegetarischer Küche“. 

Telefongespräche: Offenes Ohr

Wer es nicht mehr aus dem Haus schafft, aber gerne reden will, kann bei „Silbernetz“ anrufen. Anders als bei der Telefonseelsorge, die ebenfalls während der Feiertage erreichbar ist, geht es hier nicht darum, Kummer und Verzweiflung loszuwerden oder sich Rat und Hilfe zu holen. Die Berliner Initiative, bei der sich nach eigenen Angaben pro Woche 10 000 Menschen melden, will Einsamen an „neuralgischen Tagen wie Weihnachten und Silvester“ einfach die Möglichkeit zu einem Gespräch bieten. Und das ohne kirchlichen Hintergrund: Träger ist der Humanistische Verband. 

„Silbernetz“ ist unter 0800 4 708 090 zu erreichen, die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222.

Sozialverbände: Gleich um die Ecke

Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Diakonie – Sozialverbände fangen an Weihnachten die Menschen auf, die sonst niemanden haben. Auf lokaler Ebene bieten sie unterschiedliche Möglichkeiten, sich an den Feiertagen mit anderen Menschen zu unterhalten, zu essen und zu trinken. Das kann dann so aussehen wie die Heiligabend-Einladung der Initiative „Freunde alter Menschen“ (les petits frères des pauvres) in Berlin: „Bei Kaffee und Kuchen werden kleine Geschichten oder Gedichte vorgelesen. Und am Abend wird der Weihnachtsbraten genossen. Natürlich schaut auch der Weihnachtsmann vorbei.“ Ähnliche Angebote gibt es überall. Und manchmal auch Geschenke: In Frankfurt verteilen die „Street Angels“, die einen Foodtruck für Obdachlose und andere Bedürftige im Bahnhofsviertel betreiben, zu Weihnachten gespendete Schuhkartons voller nützlicher Gaben.

Ebay Kleinanzeigen: Geben und nehmen 

Gemeinsamkeit als Geschenk: Nicht nur über Kontaktinserate, auch über Kleinanzeigen finden diejenigen zusammen, die sich Gesellschaft wünschen. Zum Beispiel bei Ebay, unter der Rubrik „Zu verschenken“. Eine Frau mittleren Alters etwa sucht dort „nette Leute“, die Weihnachten „auch allein“ sind, ein Mann in den Vierzigern hat „Lust auf einen gemütlichen Fondue-Abend“. Aber auch die Angebotsseite ist üppig vertreten: So lädt eine Familie für den Heiligabend zu sich nach Hause zum Essen ein, „da wir selber wissen, wie traurig es ist, Weihnachten alleine zu feiern“. 

Studierende: Fern der Heimat

Allein im Studentenwohnheim oder der WG sitzen, während alle anderen bei Kerzenschein Gans essen und Geschenke auswickeln? Auch junge Menschen können an den Feiertagen einsam sein, und dagegen arbeitet etwa in Hamburg die Initiative „Internationaler Weihnachtsgast“ an. 
Studierende aus Indien, Äthiopien, Vietnam oder anderen fernen Ländern, für die die Heimreise zu teuer oder „zeitintensiv“ wäre, können an der Aktion teilnehmen. Das Studierendenwerk vermittelt ihnen Gastgeber in der Stadt, die sie an einem oder mehreren Tagen vom 24. bis 26. Dezember zu sich einladen, um gemeinsam „ein unvergessliches Weihnachtsfest“ zu feiern. sha

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