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Anti-Gema-Demo in Berlin: „Wenn man Gema hört, kriegt der Normalnutzer Ausschlag“, heißt es beim Bund der Gemazahler.

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„Wenn man Gema hört, kriegt der Normalnutzer Ausschlag“

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Wenn irgendwo Musik läuft oder Bands spielen, werden Gema-Gebühren fällig. Komponisten und Textern sichert die Organisation auf diese Weise die Einnahmen, treibt mit ihrer Bürokratie aber so manchen Veranstalter zur Verzweiflung.

Heike Endres hat sich ein Kissen in den Rücken geklemmt, sie muss viel sitzen bei der Arbeit. Durch ihre Brille blickt die feingliedrige Sachbearbeiterin auf zwei Monitore. Links ein Online-Fenster mit Dokumentennummer und Barcode für ein Konzert demnächst in Leipzig, rechts der Scan eines Blatt Papiers mit einer Liste der Lieder, die dort gespielt werden. „Gema-frei“, hat die Veranstalterin per Hand dazugeschrieben. „Bitte Überprüfung der Musikfolge“, tippt Endres in das Hinweisfenster für die Kollegen. Es ist sehr ruhig in dem Büro, durch das offene Fenster dringt etwas Vogelgezwitscher herein. Doch das Hauptgeräusch hier ist das Klicken der Computermaus.

Es kommt nicht oft vor, dass die Gema sich über die Schulter blicken lässt. Die „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“ für Musik wirkt im Stillen, aber das mit weiterreichendem Effekt: Jeder, der in Deutschland eine Veranstaltung mit Musik organisiert, ganz gleich, ob sie live auf einer Bühne gespielt wird oder von einem Tonträger an der Bar kommt, auch jeder Betreiber eines Ladens, in dem Musik läuft, bekommt es früher oder später potenziell mit der Gema zu tun.

Jedes öffentliche Ereignis mit Musik muss der Gema gemeldet werden

Die Verwertungsgesellschaft verlangt Lizenzvergütungen für die öffentliche Aufführung und Nutzung von Musikstücken ihrer rund 74 000 in Deutschland angeschlossenen Musikautoren und Komponisten sowie von über zwei Millionen Rechteinhabern aus aller Welt. Das tut sie schon lange, ihre Anfänge reichen bin zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Während also jüngst in Europa und Deutschland die heiß diskutierte Urheberrechtsreform beschlossen und somit an die Anforderungen der Digitalgesellschaft angepasst wurde, hat die Gema längst tagtäglich mit Fragen von Nutzungsrechten zu tun – und was dafür zu zahlen ist. Allerdings sind da statt Uploadfiltern eher Formulare im Einsatz.

Und da heutzutage überall Musik läuft, im Konzertsaal, im Tanzclub, in der Kneipe, im Supermarkt, im Klamottenladen, auf dem Sportplatz, im Vereinsheim und nicht zuletzt im Internet, betrifft das immer mehr Menschen. Jedes öffentliche Ereignis mit Musikbeschallung muss eigentlich der Gema gemeldet werden – allein schon zur Überprüfung, ob hier Urheberrechte tangiert sind. Und wer sich nicht daran hält, dem drohen Strafzahlungen. Nachgespürt wird dem durch Mitarbeiter, die das Internet nach Events durchforsten und auch inkognito Veranstaltungen besuchen.

„Es geht um Wertschätzung für diejenigen, die hinter der Musik stecken“, betont Frank Bröckl, Leiter der Geschäftsstelle in Wiesbaden, einer von bundesweit noch fünf Lizenzierungsstandorten. In einer zunehmenden Event- und Erlebniskultur spielten die Produkte ihrer Mitglieder eine immer tragendere Rolle. Beispiel Musikfestivals. „Dieser Markt ist in den letzten Jahren extrem explodiert, was die Größe und Eintrittspreise angeht“, erläutert der junge Betriebswirtschaftler. „Und die Entwicklung haben sie im Sport auch, einfach 90 Minuten Fußball gucken ist nicht mehr, das ist mittlerweile ein Event.“

Dass indes auch ein ehrenamtlicher Kindersachenflohmarkt mit Hintergrundmusik eigentlich bei der Gema angemeldet werden muss und im Falle des Abspielens von Musik ihrer Lizenznehmer auch eine Vergütung fällig wird, ist längst nicht jedem klar. „Wir unterscheiden nicht zwischen Groß und Klein“, betont Bröckl. „Wir unterliegen ganz klar einem Gleichbehandlungsgrundsatz.“ Die Berechnung der Vergütung geschieht dabei auf Grundlage von Größe der beschallten Fläche, Anzahl der Besucher und Höhe des Eintritts.

Die Gema hat 2016 eine grundlegende Umorganisation vorgenommen

Um dabei angesichts wachsender Anforderungen ökonomischer Arbeiten zu können, hat die Gema zum 1. Juli 2016 eine grundlegende Umorganisation vorgenommen: Zuvor wurden die Musiknutzungsmeldungen regional in Bezirksdirektionen bearbeitet, nun heißen diese Geschäftsstellen und rechnen branchenspezifisch ab.

So ist man in Wiesbaden nicht mehr für alle Musikereignisse in der Umgebung zuständig, sondern bundesweit speziell für die Bereiche Karneval, Handel, Gesundheits- sowie Bildungswesen. Die Post wird seither zentral über Berlin abgewickelt. Und Anrufer landen nicht mehr vor Ort, sondern gebündelt in einem zentralisierten Kundencenter in Dresden.

Deswegen bleibt das Telefon auf Heike Endres Bürotisch nun auch meist still, und sie kann ungestört ihrer Arbeit nachgehen. „Das ist eine große Erleichterung für uns“, stellt die kaufmännische Angestellte fest. Ihr Chef hört das gerne. „Genau deswegen haben wir diese Umstrukturierung gemacht, sie können nun viel fokussierter Arbeiten als vorher“, erläutert er mit Blick auf die knapp 50 Mitarbeiter in Wiesbaden, die pro Tag 1000 bis 1200 Vorgänge bearbeiten. „Vorher hat ständig das Telefon geklingelt.“

Doch am anderen Ende der Leitung kommt die neue Struktur nicht überall gut an und hat viel Verwirrung gestiftet. Veranstalter erhielten plötzlich monatelang keine Abrechnungen und waren irritiert, dass sie in ihrer gewohnten Bezirksdirektion niemand mehr erreichten. Denn dass es eine Umstrukturierung gab und vor Ort nicht mehr angerufen kann, hatte die Gema längst nicht jedem mitgeteilt.

Gelitten hat etwa Rembert Stiewe. Er ist bei dem Plattenlabel Glitterhouse im nordrhein-westfälischen Beverungen für das jährliche „Orange Blossom“-Festival zuständig. Als er vor dem letzten Festival bei der Gema anrief, kam die Ansage, die Nummer sei nicht vergeben. Das neue Online-Formular habe er nur über Umwege finden und herunterladen können. Und als die Veranstaltung schon Wochen zurücklag, hatte er noch immer keine Rechnung erhalten. – Damit das keiner falsch versteht: „Ich finde die Vergütung von Urheberrechten prima“, stellt Stiewe klar. „Aber wie vieles in Deutschland ein bisschen überreguliert und überbürokratisiert.“ Er fragt sich, wie die vielen nichtprofessionellen Veranstalter, die es gibt, das bewältigen.

Monatelang auf Abrechnungen der Gema gewartet

Das bekrittelt auch Martti „Mäkkelä“ Trillitzsch, Musiker, Labelbetreiber und Veranstalter aus Fürth bei Nürnberg. Er hat monatelang irritiert auf Abrechnungen gewartet, dann wurden ihm plötzlich nicht nachvollziehbare Mahnungen geschickt, und erreicht hat er ewig niemanden. „Das ist ein neues Level“, moniert er. Früher habe man bei seiner Bezirksdirektion auf Anruf Fragen schnell klären können.

Nicht nur deswegen ist der Halbfinne bereits vor Jahren mit seinen Songs zur finnischen Verwertungsgesellschaft gewechselt. „Ich habe da eine wesentlich bessere Kontrolle und bekomme mehr als das Doppelte raus.“ Rund 3000 Euro nehme er im Jahr für die Musikrechte ein. „Gerade für Musiker ab des Mainstreams ist das eine wichtige Einnahmequelle“, betont er.

„Wenn man Gema hört, kriegt der Normalnutzer Ausschlag“, schimpft Monika Paula Brechtl vom Bund der Gemazahler, der 2011 gegründet wurde und mittlerweile 1500 Mitglieder vertritt. Im Zuge der Zentralisierung sei auch ihrer Wahrnehmung nach hinlängliches Chaos entstanden. Die Neustrukturierung hält sie für einen Rückschritt: „Als es die Bezirksdirektionen noch gab, konnte man mit denen reden. Schnell was klären, gibt’s nun nicht mehr.“

Beim Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft sieht man das ähnlich: „Für unsere Mitglieder sind Problemlösungen auf dem kurzen Dienstweg damit leider schwerer geworden“ sagt Präsident und Geschäftsführer Jens Michow. Die Festschreibung einer angemessenen Vergütung für Musikautoren hält auch er für unerlässlich. „Die Geister scheiden sich allerdings immer wieder bei der Frage, was denn tatsächlich angemessen ist.“ Und bei allem Gleichbehandlungsgebot gibt der Jurist zu bedenken: „Es gibt durchaus Fälle, in denen Einzelfallregelungen zu treffen sind.“

Aber genau das ist nicht mehr erwünscht, wie eine Sprecherin der Gema in München bestätigt. „Es ist natürlich immer nett, wenn man jemanden kennt, den man anruft“, räumt sie ein. Aber es müssten nun mal immer die gleichen Tarife angewandt werden, und das sei in einer Zentralisierung viel leichter zu gewährleisten. „Wir haben die Aufgabe, so effizient wie möglich zu arbeiten.“ Und das betreffe nicht zuletzt die Personalkosten. Aus wirtschaftlichen Gründen wurde deshalb im Zuge der Umstrukturierung auch die Bezirksdirektion Dortmund stillgelegt. Die rund 80 Mitarbeiter sind auf andere Stellen verteilt worden.

Für Heike Endres hat sich nichts geändert. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet sie am Gema-Standort in Wiesbaden. „Im Prinzip macht man dasselbe wie früher, nur deutschlandweit“, stellt sie fest. Dabei lerne man natürlich viele neue Orte kennen. Zum Beispiel das Konzert in Leipzig, das sie gerade auf dem Bildschirm hat, das sei in einer Kunstgalerie, wo öfter No-Name-Bands spielen. Wenn die „Gema-frei“ auf das Formular schreiben, stimme das schon.

Und wenn sie mal die Meldung eines Konzerts bearbeite, das gut klingt und in der Nähe ist, schaue sie dort auch mal selbst vorbei. Aber ganz privat. „Ich gehe selbst sehr gerne auf Konzerte“, sagt Heike Endres – und betont bei der Verabschiedung. „Wir sind alle keine Bösewichte hier“. Dann klickt wieder nur die Computermaus.

Gema

Die Abkürzung steht für „Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte“. In dieser Verwertungsgesellschaft haben sich Komponisten und Textdichter als Urheber von Musikwerken sowie Musikverleger zusammengeschlossen. Laut Homepage der Gema vertritt diese nicht nur „weltweit die Ansprüche ihrer Mitglieder auf Vergütung, wenn deren urheberrechtlich geschützten Musikwerke genutzt werden“, sondern engagiert sich auch „in zahlreichen Förderprojekten für eine vielfältige Musikkultur“. Neben den etwa 74 000 Mitgliedern vertritt die Gema als Repräsentant internationaler Verwertungsgesellschaften in Deutschland fast zwei Millionen Rechteinhaber aus aller Welt.

Die Gema hat seit Juli 2016 eine neue Organisationsstruktur. Die Generaldirektionen befinden sich in München und Berlin. Geschäftsstellen werden in Berlin, Hamburg, Stuttgart, Nürnberg und Wiesbaden unterhalten, die Kundencenter sind in Berlin und Dresden angesiedelt. (FR)

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