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Von der Noblesse zur Tristesse – der schnelle Aufstieg und der tiefe Fall der einst reichsten Region Europas lässt sich in vier Worten zusammenfassen: Industrialisierung, Wirtschaftsboom, Kohle-Aus, Umnutzung.

Gelsenkirchen

Von der stolzen Kohle-Stadt zum "Sozialfall"

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Schlechteste Lebensqualität, größte Armut: Gelsenkirchen ist ständig Schlusslicht. Streifzug durch eine Stadt, die einst alles gewann - und jetzt nichts mehr zu verlieren hat.

Es ist eine bittersüße Liebeserklärung, das Gelsenkirchen Lied. Kabarettist Georg Kreisler hat es 1958 komponiert und gesungen, zur Blütezeit der Kohle. „Lieblich schweben durch die Luft die schwarzen Dämpfe / Und mit heiterem Gesang / Nimmt man Kohlen in Empfang / Wer zu lang dort lebt, bekommt beim Atmen leichte Krämpfe / Aber wer lebt dort schon lang?“

Olivier Kruschinski, Halbfranzose und Vollblut-Gelsenkirchener, lebt hier für immer. Kruschinski – Familienvater, Ex-Lehramtsstudent und Schalke-Fan – ist Gästeführer in der Ruhrgebietsstadt. Ja, Gelsenkirchen hat Gäste. Sogar rund vier Millionen pro Jahr, den allgegenwärtigen Negativschlagzeilen zum Trotz. Es sind vor allem Fußballtouristen, aber auch Schulklassen und feiernde Junggesellen, die Olivier Kruschinski an Originalschauplätze von Schalke- und Industriegeschichte führt. 250.000 Menschen habe er bisher die Stadt gezeigt, sagt er, und es würden immer mehr. „Die Romantisierung der Kohlezeit fängt ja jetzt erst an.“ Industrialisierung, Wirtschaftsboom, Kohle-Aus, Umnutzung. Der schnelle Aufstieg, der tiefe Fall der einst reichsten Region Europas lässt sich in vier Worten zusammenfassen.

150 Jahre Bergbaugeschichte hat das Ruhrgebiet hinter sich gelassen, allein in Gelsenkirchen gab es zu Höchstzeiten 14 Zechen, 70 Schächte und mehr Förder- als Kirchtürme. Arbeiter zogen von überall her, aus Bauernschaften wurden Dörfer, und die Dörfer explodierten zur Großstadt. Die „Kathedralen der Arbeit“ brachten nach dem Zweiten Weltkrieg 50.000 Gelsenkirchener in Lohn und Brot. Sie brachten Geld in die Region und noch mehr Industrie. Chemie, Glas, Kohle, Stahl und Textil – die fünf Säulen des Wirtschaftswunders von damals spiegeln sich noch heute im bunten Glasfenster am Hauptbahnhof der Stadt. Das Ende der Bergbauära ab Anfang der 1990er Jahre bedeutete dann den Wegfall von Zehntausenden Arbeitsplätzen. Der letzte Pütt schloss Ende 2018 im benachbarten Bottrop.

Sozialfall Ruhrgebiet, der neue Osten, die Armutsmetropole – es gibt etliche Elendsgeschichten, die immer dann erzählt werden, wenn neue Studien und Statistiken das Schwarz-Weiß-Gemälde vom reichen Süden und dem ach so armen Herzen NRWs nachzeichnen. Und dem Schlusslicht Gelsenkirchen, der Stadt mit der schlechtesten Lebensqualität Deutschlands (ZDF-Studie), der größten Armut (Bertelsmann-Studie), dem niedrigsten Durchschnittseinkommen (Hans-Böckler-Stiftung). Dass es zwischen Duisburg und Dortmund längst Graustufen gibt, die nichts mit Kohlenstaub zu tun haben, wird gern übersehen. Dass das Image mit dem Selbstbild der Bürger oft wenig gemein hat, sowieso.

Gelsenkirchen: "Besser Leben als Leerstand"

Hans-Georg Knickmann-Kursch sitzt im Stadtteilladen in Gelsenkirchen-Bismarck und guckt durch das Schaufenster auf den Döner-Imbiss Topkapi. Der türkische Supermarkt daneben war mal eine Tengelmann-Filiale, die polnische Polsterei gegenüber eine urdeutsche Kneipe. „Besser Leben als Leerstand“, findet Knickmann-Kursch, offenes Karohemd, T-Shirt, Dreitagebart. Dass er katholischer Pastoralreferent ist und der Laden ein sozialpastorales Zentrum, fällt erst auf den zweiten Blick auf. Dann sieht man das pinke Kirchenlogo an der Scheibe, das schlichte Holzkreuz im Eingang, Segenswünsche im Fenster. „Demnächst steht da eben,wir wünschen einen gesegneten Ramadan‘“, sagt Knickmann-Kursch.

Seit gut einem Jahr betreibt der Theologe, der sich selbst lieber Praktiker nennt, zusammen mit Sozialarbeiterin Katharina Müller den Stadtteilladen. Es ist eins von 20 Projekten des Bistums Essen, die 2015 aus der Frage entstanden: Wie kann Kirche zukunftsfähig werden? Nah an den Menschen bleiben, war wohl eine Antwort. Und die Menschen trennt die Kirche längst nicht mehr in Katholiken, Protestanten, Muslime oder Ungläubige.

Schon gar nicht in Gelsenkirchen. Den Stadtteil Bismarck beschreibt Knickmann-Kursch als bürgerlich, bunt, mit Arbeitern, Arbeitslosen und Alleinerziehenden, „durchschnittlich problematisch“. Die Menschen hier hätten gern mehr Spielplätze als Spielhallen. Der hohe Ausländeranteil und die Drogenszene am Park stören sie. Aber sie schätzen die gute Nachbarschaft, die Kulturvielfalt, den nahegelegenen Zoo und den Consol-Park, das alte Zechengelände. Das ergab eine Bürgerbefragung der Universität Duisburg-Essen für den Stadtteilladen. Durchschnittlich problematisch also. Der Durchschnitt ist ein Mittelwert, es gibt Ausreißer nach oben und es gibt Ausreißer nach unten. Sie liegen in Bismarck, eigentlich in ganz Gelsenkirchen, nah beieinander.

Ein paar Hundert Meter vom Stadtteilladen etwa liegt die Straße Ahlmannshof, ein Block voll verwitterter, verrußter Gründerzeithäuser, nur teilweise bewohnt. Prospekte und Müll flattern in Hauseingängen, Fensterscheiben sind mit Klebeband geflickt, ein alter Kühlschrank steht an der Straße. Für Hape Kerkelings Kinofilm „Der Junge muss an die frische Luft“ hat eine Filmcrew hier gedreht – weil es in dessen Originalwohnort Recklinghausen nicht schäbig genug war, erzählt man sich in Gelsenkirchen.

Bergbau und Fußballkultur statt "Hafencity" und "Kreativ-Quartier"

Sonst zieht es hier niemanden hin. Keine drei Kilometer entfernt liegt der „Stölting Harbour“, im neu hergerichteten „Quartier Graf Bismarck“, der „künftigen Hafencity von Gelsenkirchen“. So hatte der damalige NRW-Bauminister Michael Groschek die Pläne für den alten Kohlehafen vorgestellt. 25 Millionen Euro investierte das Dienstleistungsunternehmen Stölting in die „nautische Wohlfühloase am Rhein-Herne-Kanal“, einem hellen Architektenwerk ähnlich der Kölner Kranhäuser, mit Bürofläche, Penthouse-Wohnungen, Gastronomie und einem Club, der mit großen DJ-Namen und Live-Musik junge Menschen ins junge Viertel locken soll. Ältere, wohlhabendere Menschen, sollen sich offenbar im Reihenhausraster auf der ehemaligen Industriebrache drum herum ansiedeln. Für 440.000 Euro kann man eines der baugleichen, weißen Einfamilienhäuschen im sogenannten Gartenviertel erwerben.

„Hafencity“, „Qualitätsstandort“, „Kreativ-Quartier“ – Olivier Kruschinski kann solche Begriffe nicht mehr hören. „Solarstadt, Digitale Stadt, Stadt mit Herz – was wollte Gelsenkirchen nicht schon alles sein? Nur nicht das, was es eigentlich ist.“ Die DNA der Stadt ist für ihn Industrie-, Bergbau- und Fußballkultur. Dinge, auf die man stolz sein könnte, stolz sein müsste. „Aber das haben wir verlernt“, sagt Kruschinski. „Wir gucken in Gelsenkirchen nur noch auf Zuwanderungszahlen, Harzt-IV-Quoten, Gehaltsstudien. Wir haben die Defizitbrille auf, wir müssen mehr durch die Potenzialbrille sehen!“

Christopher Schmitt, Wirtschaftsdezernent von Gelsenkirchen, muss beide Perspektiven einnehmen. Die meisten Hartz-IV-Empfänger, das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen – er kennt die harten Fakten seiner Stadt. Und ihre Zusammenhänge. 12,5 Prozent Arbeitslose gibt es, davon sind 80 Prozent Langzeitarbeitslose. Die ziehen Statistiken zu Durchschnittseinkommen natürlich runter. 260.000 Menschen leben in Gelsenkirchen, davon sind 8000 Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien sowie 7000 Geflüchtete.

„Natürlich drückt das auch auf die Gesamtstatistik“, sagt Schmitt. Vor allem die kinderreichen Familien der Zuwanderer ließen die Harzt-IV-Quote steigen, denn die Kinder eines Empfängers zählten jeweils auch als Empfänger. Seit die EU die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen 2014 erweitert hat, hat sich die Zahl der SGB-II- Empfänger aus diesen Ländern in Gelsenkirchen mehr als verdoppelt. Auf 28 Millionen Euro schätzt die Stadt ihren Eigenanteil an Kosten für Geflüchtete und Zuwanderer allein für das Jahr 2019.

Autozulieferer und Digitales: Gelsenkirchen will wieder Industriestandort sein

Zuzug erlebt Gelsenkirchen aber eben auch in der Wirtschaft. „Der Strukturbruch durch das Kohle-Aus ist eine schwere Hypothek“, sagt SPD-Politiker Schmitt, „aber wir sehen uns immer noch als Industriestandort. Gelsenkirchen liegt günstig, hat Bauflächen – und keinen Fachkräftemangel.“ Seit 2008 entstünden jährlich 1000 neue Beschäftigungsverhältnisse. Vor allem die Autozulieferer-Branche lasse sich nieder, viele Start-Ups im Wissenschaftspark, aber auch die Digitalbranche. Der Arena-Park auf Schalke ist Testgebiet für Autonomes Fahren, die Straßenbahnen werden derzeit mit WLAN ausgestattet, und in fast allen Schulen Gelsenkirchens sind Tafeln längst gegen elektronische Whiteboards getauscht worden. „Aber das interessiert keine Statistik“, sagt Schmitt.

Kommt drauf an, wie man es verkauft, würde Olivier Kruschinski wohl sagen. Ja, Gelsenkirchen hat das renommierte „Musiktheater im Revier“, die „Zoom-Erlebniswelt“, und auch die „Westfälische Hochschule“, die bis 2012 noch Fachhochschule Gelsenkirchen hieß. Warum steht man nicht zu seinem Namen, spielt mit seinem Ruf, steht über der ständigen Kritik? „Dass die Oberbürgermeister im Ruhrgebiet jetzt ihre Teilnahme an Studien verweigern wollen, ist wie einem Kleinkind die Rassel wegnehmen“, sagt Kruschinski. Statt sich über einen Klischee beladenen Dortmund-„Tatort“ aufzuregen, hätte der Oberbürgermeister es locker nehmen und die Filmemacher einladen sollen. „Der wurde ja nicht mal in Dortmund gedreht, sondern in Duisburg“, lacht der 44-Jährige.

Touritouren zu Fuß, mit Rad oder im Laufschritt als „Sight Run“, Kruschinski macht alles, nur nicht aus Gelsenkirchen weggehen. Er zeigt die schönen Fahrradtrassen, den Eiffelturm Gelsenkirchens auf Zeche Consol, und er zeigt die Schrottimmobilien, die dunklen Ecken, die Gräber ewiger Helden. Er arbeitet an Konzepten für schwache Stadtteile, hält Vorträge und Menschen den Spiegel vor: Als Gelsenkirchen von 401 „getesteten Städten“ mal wieder den letzten Platz belegte, erfand er den Hashtag „#401“, druckte ihn auf T-Shirts, startete eine Social-Media-Kampagne. „Auf Veränderung hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie anne Köttelbecke zu stehen und auf die Queen Mary 2 zu warten“ ist einer seiner Slogans.

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