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Das Wohnhaus.

Corviale

Geliebtes Monster

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Das Corviale am Rande Roms ist das längste Wohnhaus Europas, manche nennen das Gebäude einen Sozialfall und Abrisskandidaten. Für die Bewohner ist es ein Zuhause – und für Architektin Laura Peretti sogar ein Zukunftsprojekt.

Laura Peretti beugt sich über das Betongeländer und zeigt auf die grünen Wiesen, die sich vor ihr ausbreiten. Links traben Pferde auf einer Koppel, weiter hinten grasen friedlich Schafe unter blauem Himmel. „Die Menschen sehen die schönste Natur, haben aber keinen Balkon und keinen direkten Weg hinaus,“ sagt sie und schüttelt den Kopf. Das möchte sie ändern. Peretti ist Architektin und hat einen Plan, wie man das Leben in dem Wohnblock, aus dem sie herauslugt, verbessern kann.

Weniger Grau: Die Römer nennen das Gebäude „Il Serpentone“, die Riesenschlange.

Der Betonriegel am Stadtrand Roms heißt Corviale und ist das längste Wohnhaus Europas – bewundert und beschimpft, berühmt und berüchtigt. Ein Plattenbau, der fast einen Kilometer lang und neun Stockwerke hoch ist und zwischen der Stadt und dem Meer liegt. Die Römer nennen ihn „Il Serpentone“, die Riesenschlange. Derzeit leben hier geschätzt 5000 Menschen. Ein Teil der 1200 Wohnungen ist illegal besetzt. Im Treppenhaus hängt ein Aufzug fest, Rohre ragen aus geplatzten Betonwänden. Auf den ramponierten Blechbriefkästen stehen Namen unterschiedlicher Nationalitäten. Es ist dunkel und feucht in der Betonfestung.

Diese Festung will Peretti jetzt öffnen, aufknacken sozusagen. Es soll mehr Ein- und Durchgänge, weniger Garagen, mehr Beleuchtung, mehr Grün und eine große Piazza geben. Aus der bewohnten Stadtmauer soll ein Durchgang zur Natur werden. Mit diesem Projekt hat ihr römisches Architekturbüro den internationalen Wettbewerb zur Regenerierung der öffentlichen Räume im Corviale gewonnen, ausgeschrieben von der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft ATER und finanziert von der Region Latium. Dies ist an sich schon etwas Besonderes. Nur selten erhalten Frauen in der männlich dominierten Welt der Architektur den Zuschlag für ein solches Megaprojekt.

Laura Perettis Corviale-Modell erregt Aufsehen. 2018 wurde es bei der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt. Die Architektin ist 58 Jahre alt, stammt aus der norditalienischen Stadt Vicenza und lebt seit 15 Jahren in Rom. Am Anfang hat sie in Büros von bekannten Architekten wie Vittorio Gregoretti, Gae Aulenti und dem Portugiesen Eduardo Souto De Moura gearbeitet. Danach entwarf sie selbst Hotels, Parks, Kinos, Wohnhäuser und Museen in Italien, Portugal, Russland, Aserbaidschan und in der Schweiz.

Mehr Licht: Architektin Laura Peretti will die „Betonfestung“ öffnen.

Jetzt stehen wir mit ihr im Inneren des Corviale. Wir gehen durch einen offenen Korridor, der die unteren Stockwerke des dritten Gebäudeglieds verbindet. Hier ist es hell und es gibt einen Ausgang, der über ein verrottetes Amphitheater ins Grüne führt. Ein Paar mit drei Hunden kommt uns entgegen. Sie heißen Ivano und Roberta Fabiano, sind mittleren Alters und sportlich gekleidet. Schon seit 40 Jahren wohnen sie im zweiten Stock. Ihre Familien gehörten zu den ersten Sozialwohnungsberechtigten, die hier einzogen. Laura Peretti zeigt ihnen ihr Projekt, blättert Seiten um und erklärt, dass es eine begrünte Unterführung geben soll, die von einer großen Piazza auf der Straßenseite direkt auf die Wiesen führt. Roberta gefällt, was sie sieht. „Das wäre wunderbar, für uns und für die Hunde“, sagt sie.

Die beiden leben gern hier und ärgern sich über den schlechten Ruf ihres Mietshauses als sozialer Problemfall und Drogenumschlagplatz. „Die Leute hier sind genauso normal wie in anderen Stadtvierteln“, sagt Roberta. Sie habe als Frau nie Angst, allein durch die Gänge zu laufen. Mit den Nachbarn sei man befreundet. Bis vor 20 Jahren sei es allerdings schlimm gewesen mit den Drogen. Jetzt gäbe es weniger Dealer und man wisse genau, wem man aus dem Weg gehen muss. So wie es eben überall sei. Oder vielleicht sogar besser.

Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Die Soziologin Nicoletta Campanella wies in ihrem Buch über das Corviale schon vor Jahren darauf hin, dass viele Bewohner hier eine Identität gefunden haben und stolz darauf sind, dass sich Architekten, Filmer und Journalisten für ihren Palazzo interessieren. „Die Bewohner lieben das Monster“, schreibt sie.

Doch Laura Peretti kennt auch andere Geschichten. Von älteren Ehepaaren, die heute allein in ihrer Wohnung leben, weil die Kinder am Drogenkonsum gestorben sind. Immer wieder erzählen ihr Bewohner, dass sie sich fragen, ob sich wohl nochmal jemand um das heruntergekommene Corviale kümmern wolle. Sie will – und sie nimmt sich diesen Job zu Herzen. Der soziale Aspekt des Wohnens als Teil der Stadtbauentwicklung ist ihr ein Anliegen, vor allem in Zeiten explodierender Wohnungsnot. „Man kann die Zukunft der Städte und der Menschen, die in ihnen leben, nicht dem freien Markt überlassen“, erklärt sie. Auch unter diesem Aspekt ist ihr Projekt eine besondere Herausforderung.

Denn noch ist unklar, wie weit die vorerst genehmigten 11,7 Millionen Euro reichen und wie sich Bürokratie und neue Gesetze auf den Bauplan auswirken. Peretti fürchtet, dass der Teil des Projekts, der nicht direkt die architektonischen Maßnahmen betrifft, unter den Tisch fällt. Doch für sie ist entscheidend, dass Geschäfte und von den Bewohnern selbstorganisierte Dienstleistungen entstehen und auch das geplante Zentrum für Biodiversität, das vielleicht sogar die umliegenden Felder und Kleingärten in ein behutsames landwirtschaftliches Anbausystem einschließen könnte. „Sonst wäre es wieder nur ein Wohnviertel, in dem die Leute nicht arbeiten oder sonst etwas tun können“, sagt sie – und dass sie diesen Mangel des ersten Bauprojekts korrigieren möchte.

Mehr oder weniger: Im Corviale leben schätzungsweise 5000 Menschen. 

Denn das Corviale ist ein unvollendetes Werk und hat, abgesehen von Bau- und Planungsmängeln, nie so funktioniert wie es sollte. Die Wohnanlage war lange Zeit ein Ghetto, wie die Peripherie vieler Großstädte, und als isolierter Wohnblock für sozial Schwache ein optimaler Brutplatz für Drogenhandel und Kleinkriminalität. Dabei ging es anfangs um eine soziale Utopie, eine neue Form des Zusammenlebens und auch um eine neue Idee, die Vorstädte zu gestalten. Diese waren in Rom vor allem durch illegale Barackenviertel besiedelt. Seit den 1960er Jahren entwarfen Architekten in aller Welt große Wohneinheiten aus Beton. Zu den bekanntesten gehören Le Corbusiers Unité d’habitation und das Edificio Copan in Sao Paolo von Oskar Niemeyer, den Laura Peretti auch noch kennegelernt hat. Die Grundidee war, vollkommen durchorganisierte Stadtviertel mit Schulen, Geschäften, Kinos, Sportanlagen und großzügigen Gemeinschaftsräumen zu schaffen, die den Bewohnern einen vollwertigen Ersatz für das soziale Leben in den gewachsenen Stadtzentren bieten. Das hat in manchen Wohnkonglomeraten im Stil des sogenannten Beton-Brutalismus funktioniert – bei vielen aber nicht. Auch nicht beim Corviale.

Dennoch gilt es vielen als einer der bedeutendsten Bauten Roms in den 1970er Jahren. Die Bauzeit dauerte von 1972 bis 1982. Das war von Anfang an ein Problem, denn am Ende der Bauzeit ging der postmoderne Trend schon zum individualisierten Wohnen und das Corviale war eine Art „Nachgeborener“ früherer Konzepte. Architekt und Bauleiter war Mario Fiorentino. Seine Tochter Cristina, damals Architekturstudentin, hat als Zeichnerin in den Baubaracken mitgearbeitet. „Für mich war es bitter, dass mein Vater starb, noch bevor der Bau fertig war.“, erzählt sie. Es traten auch sofort die Kritiker des Megabaus auf den Plan: zu groß, zu lang, zu teuer. Bis heute hält sich das Gerücht, dass es Schuld des Corviale sei, wenn die frische Brise vom Meer nicht mehr die Stadt erreicht.

Fakt hingegen ist, dass die vorgesehenen Räume für soziale und wirtschaftliche Aktivitäten aus Geldmangel nie realisiert wurden. Und lange Zeit haben sich weder der Staat noch die Stadt um Dienstleistungen, Schulen, Busse ins Zentrum oder eine funktionierende Hausverwaltung gekümmert. Die Leute im Corviale waren sich selbst überlassen, dem Recht des Stärkeren ausgeliefert. „Es ist das Gegenteil von dem passiert, was mein Vater geplant hatte“, erklärt Cristina Fiorentino. Sie setzt jetzt Hoffnung in das Projekt von Laura Peretti. „Sie verfolgt eine neue Idee, ohne die bestehende Architektur zu verwerfen“, sagt sie.

Für das Gemeinschaftsleben – Geschäfte, Kindergärten, Bibliotheken, Seniorentreffs und Werkstätten – hatte Fiorentino den vierten Stock vorgesehen, der sich als innere Passage durch das gesamte Gebäude zieht. Doch die Etage blieb leer und wurde sofort von illegalen Bewohnern besetzt, wie der Großteil der wenigen Sozialwohnungen in Rom. Viele von ihnen leben bis heute dort. Das Ergebnis ist ein Mikrokosmos aus individualistisch gestalteten Hausflurbereichen und Wohnungseingängen – fein säuberlich durch eigens gezogene Wände voneinander abgetrennt und nach eigenem Gusto gekachelt und gestaltet.

Manche tun dies mit großer Hingabe, wie Tiziana Sebastianell, die vor ihrem Eingang ein Pflanzenparadies geschaffen hat. Sie erzählt auch von den Alltagsproblemen. Wer länger in Urlaub fährt, sucht sich einen Wohnungssitter, damit sein Heim nicht von anderen besetzt wird. Früher existierte auch ein reger Wohnungshandel, kontrolliert von kriminellen Gruppen.

Die Wohnungsbaugesellschaft hat nun begonnen, im vierten Stock Ordnung und legale Appartments zu schaffen. Das gesamte Stockwerk wird seit vergangenem Jahr umgebaut. Von den 135 Haushalten haben 47 Anspruch auf eine der 103 neuen Sozialwohnungen. 26 Bewerber wurden abgelehnt, weil sie zum Teil eigene Wohnungen besitzen und vermieten. 62 Haushalte haben nicht an der Ausschreibung teilgenommen. Um die Bewohner an dem langwierigen Umbau zu beteiligen und Konflikte zu schlichten, hat die Gesellschaft eine Beratungsstelle eingerichtet. Auch dieses Bauprojekt wird von einer Architektin geleitet.

Für Pino Galeota sind die Projekte der beiden Frauen endlich ein Schritt vorwärts im ewigen Gerangel um die Zukunft des Corviale. Als Präsident der Inititative „Corviale Domani“ beteiligt er sich seit Jahren an der Debatte um die Erneuerung des Wohnblocks. Der Verein ist ein Zusammenschluss aus Einwohnerkomitees, Forschungsprojekten und Institutionen, der sich für eine soziale und territoriale Aufwertung der Stadtränder einsetzt. Das ist in Rom nicht einfach. „Die Bürgermeisterin von der Fünf-Sterne-Bewegung und ihre Verwaltung interessiert das Thema nicht“, sagt er. Deshalb setzt er auf Eigeniniative. Vergangenes Jahr hat der Verein eine Delegation aus Berlin-Marzahn eingeladen, jetzt gibt es eine Stadtviertelpartnerschaft. „Wir haben ähnliche Probleme und wollen gemeinsam Lösungen finden“, so Galeota.

„Letzendlich haben die Bewohner des Corviale selbst etwas verändert“, sagt Laura Peretti. Mit Protesten und Straßenblockaden haben sie erreicht, dass es eine Kontrolle der Kriminalität, ein Gemeindebüro, eine Bibliothek, ein Kulturzentrum und einen Fussballverein gibt. Den möchte sie uns noch zeigen. Wir suchen einen der fünf Ausgänge zur Stadtseite, die für 5000 Bewohner zur Verfügung stehen. Die Architektin will, dass es 27 werden. In einem Gang stehen junge Männer mit Kapuzenjacken und rauchen. Vor dem Ausgang verläuft eine Autostraße, die über dunkle Betonschotten direkt in die Tiefgaragen führt. Perettis Projekt will diese Betonfüße öffnen, die das Gebäude wie eine Burgmauer abschirmen, und in eine begrünte Fußgängerzone integrieren.

Noch sind die Wege für Fußgänger aber lang, auch der zum Fußballklub, wo sich an einem Samstagnachmittag wie diesem die Jugend trifft. Auf dem Spielfeld trainiert eine Mannschaft aus Jungen und Mädchen, verschiedenen Altersklassen und unterschiedlichen Nationalitäten. Drinnen in der topmodernen Sporthalle lernen Rollstuhlfahrer, wie man einem Hockeyschläger schwingt. „Calciosociale“, sozialer Fußball, heißt der Verein.

Vor dem Klubeingang hängen Trauben von Jugendlichen herum. Auf einer Bank sitzt Melissa Ferrari mit ihren Freundinnen. Melissa ist elf Jahre alt, im Corviale geboren und aufgewachsen. „Wir haben hier viele Freunde und können uns draußen treffen, auch auf der Wiese, das ist toll“, sagt sie. Nur wenn Besuch von außerhalb kommt schäme sie sich wegen der kaputten Klingel und weil sich in dem grauen Treppenhaus, in dem alles gleich aussieht, jeder verläuft. Aber fortgehen möchte sie nie. „Das ist gut“, sagt die Architektin, „dann weiß ich ja genau, für wen ich arbeite.“

Diese Reportage entstand kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie. Derzeit wird das Corviale nachts mit den Nationalfarben bestrahlt, um in der Krise die Solidarität der Stadt mit der Peripherie auszudrücken.

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