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„Karuna Sub“ fährt seit Mai in der Hauptstadt.

Berlin

Gelb und quietschbunt

Die erste Buslinie für Obdachlose ist in der Hauptstadt unterwegs.

Seine Kleidung ist durchlöchert und zerfetzt, sein Kopf verhüllt in Kappe und Kapuzenpullover. Als er zusteigt, riecht es in dem Kleinbus schnell nach einem Leben abseits der Zivilisation. Franz ist Obdachloser, sein Zuhause ist der Bahnhof Berlin-Lichtenberg, „die beste Platte der Welt. Hier kann ich tun, was ich will.“ Trotzdem. Franz braucht einen neuen Pass. „Immer den Arsch bewegen“, stöhnt er.

Heute hat Franz Glück. Die Karuna Sozialgenossenschaft Berlin fährt ihn nach Kreuzberg zum Amt. Seit kurzem betreibt sie „Karuna Sub“, die erste Buslinie für Obdachlose bundesweit, die montags bis donnerstags im Einsatz ist, freitags an einem festen Standort bleibt.

„Sub“ ist für Karuna die Kurzform des englischen Worts Submarine (U-Boot) und fußt auf dem Beatlesong „Yellow Submarine“. Der Grundton der beiden Kleinbusse ist schreiend gelb und obendrauf kunterbunt. Sie fallen auf und die Szene erkennt sie immer häufiger. Ziel des neuen Projekts ist, Menschen, die aus der Mitte der Gesellschaft gefallen sind, zu helfen, wieder in einem geordneten Leben aufzutauchen. Finanziert wird das Projekt über das Integrierte Sozialprogramm der Berliner Senatsverwaltung Integration, Arbeit und Soziales. Und Pässe sichern Daseinsberechtigung.

Die Würde erhalten

„Wir wollen auf der Straße lebende Menschen erreichen, die ihre Mobilität eingebüßt haben“, erklärt Karuna-Vorstand Jörg Richert. Das Leben auf der Straße ist hart. Unter den geschätzt 5 000 bis 10 000 Obdachlosen in Berlin gibt es Junge wie Alte. Franz ist 51 Jahre alt und sieht viel älter aus als er tatsächlich ist. Und er weiß: „Wo früher drei, vier lagen, sind es heute 13, 14“.

Die zwei Klein-Busse mit insgesamt 16 Plätzen bringen die Bedürftigen zu Ärzten, zur Fußpflege, zu den Ämtern oder steuern Friseure an, bevor sich Läuse in den Haaren einnisten können. Die Arbeit ist aufgeteilt. Der eine Bus fährt gezielt vier soziale Brennpunkte in Berlin an nach festem Plan und bei jedem Wetter. Der zweite Bus steht in Rufbereitschaft für Akutfälle.

Bevor Franz mit einem weiteren Obdachlosen zusteigt, steht der Linienbus vor dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Lutz Müller-Bohlen, der das Hilfsprojekt leitet und zu dem noch zwei weitere feste Sozialarbeiter gehören, verteilt Kaffee an die Wartenden, hört zu, versucht, Vertrauen aufzubauen. „Intuition und Demut“, seien dabei die wichtigsten Eigenschaften, sagt der gelernte Krankenpfleger. „Wir wollen dafür sorgen, dass die Menschen ihr letztes bisschen Würde behalten.“ Die Biografien der Gestrandeten seien unterschiedlich: vom Akademiker bis zum Künstler, vom Heroinsüchtigen bis zum schwer Traumatisierten.

In den Schränken des Busses wartet Nützliches auf Abnehmer: Hygieneartikel, Kondome, die Obdachlosenzeitung „Kompass“, Wasserspender. Die Busse sind nach den Wünschen von Karuna umgebaut und mit Licht, USB-Ladestationen, sowie Gardinen für vertrauliche Gespräche und Markisen gegen Wetterlaunen ausgestattet. Die Sitze können bedarfsgerecht eingesetzt werden, um auch Rollstuhlfahrer zu transportieren.

Franz kommt ursprünglich aus Sachsen, war Maurer, „fast Meister“, wie er betont. Dann habe er nach der Wende plötzlich nur noch Schubkarren auf den Baustellen fahren sollen. Mit ihm nicht, beschloss er. Er stürzte ab. Zur Familie habe er keinen Kontakt mehr. Und im Knast habe er auch schon gesessen. „Wegen allem möglichen. Vor allen Dingen wegen Schwarzfahren.“ Dieses Delikt bleibt ihm heute erspart. Die Fahrt mit Sub kostet ihn nichts.

Mittlerweile ist Franz von Beruf „Schnorrer“, wie er sagt. Doch bei Dennis, selbst lange obdachlos gewesen und jetzt als Bundesfreiwilliger in dem Karuna-Projekt, gelingt ihm das nur bedingt. 200 Euro Taschengeld erlauben dem Helfer selbst keine großen Sprünge. Die von Franz angeschnorrte schnelle Zigarette vor der Fahrt wird deshalb geteilt. Dennis raucht bis zur Hälfte, den Rest übergibt er Franz.

„Dennis hat ein gutes Standing bei den Leuten. Deshalb ist er wichtig für uns“, sagt Lutz Müller-Bohlen. Eigentlich arbeitet Dennis für die Berliner Straßenkinderorganisation Momo, aber die Vernetzung aller Sozialeinrichtungen in Berlin sei ohnehin der Schlüssel zum Erfolg. Sub sei eine wichtige Ergänzung im bestehenden System, so Müller-Bohlen. Dennoch: „Das Projekt ist auf Lernen angelegt.“

Nach der Zigarette startet der Bus Richtung Kreuzberg. In der Kochstraße, nahe am einstigen Checkpoint Charly, steigt Dennis mit den beiden Obdachlosen aus dem Bus. Pässe abholen. Franz will im Sommer nach Köln oder Düsseldorf. Er mag die Bahnhöfe und den Karneval. (A. Lüder, epd)

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