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Wie kommt ein Medikament auf den Rezeptblock?

Kolumne

Gekaufte Fortbildung

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Wie kommt ein Medikament auf den Rezeptblock?

Es war völlig überraschend, was da Anfang Februar im Handelsblatt zu lesen war. OmniaMed, ein Anbieter für ärztliche Fortbildungen, hatte sein Geschäft in Deutschland komplett aufgegeben. „OmniaMed zieht sich aus Deutschland zurück“ und konzentriert sich auf sein internationales Geschäft, steht nun auf der Homepage, wo vor Kurzem noch mit „The world of medical education“ geworben wurde. Was war geschehen?

Im Jahr 2004 wurde erstmals gesetzlich geregelt, dass Ärzt*innen ihre erfolgreichen Fortbildungsaktivitäten nachweisen müssen. Das geschieht mit Hilfe von sogenannten CME-Punkten („Continuing Medical Education“), die man beim Besuch einer Fortbildungsveranstaltung erwerben kann. Innerhalb von fünf Jahren müssen mindestens 250 CME-Punkte erworben werden. So entstand ein neuer Markt, Anbieter schossen wie Pilze aus dem Boden, einer von ihnen war OmniaMed. Dieser Anbieter hatte zuletzt 28 Mitarbeiter*innen und einen Jahresumsatz von über acht Millionen Euro, der sich auch aus den erheblichen Investitionen der Pharmaindustrie in die ärztliche Fortbildung von über 200 Millionen Euro ergab. Ärzt*innen haben dadurch zwar den schönen Vorteil, dass sie für solche Fortbildungen nur geringe oder keine Gebühren bezahlen müssen und reichlich Punkte sammeln können, aber die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Information ist dahin.

Vor einigen Monaten wurde – auch an dieser Stelle – berichtet, dass ein kleines freches Ärztegrüppchen namens MEZIS („Mein Essen zahl‘ ich selbst“) bei der Landesärztekammer Baden-Württemberg anzeigte, dass ärztliche Fortbildungen der Firma OmniaMed nicht den Kriterien der Unabhängigkeit entsprächen. Pharmawerbung als Fortbildung zu verkaufen, das ist vielleicht ein Geschäftsmodell, aber gekaufte Referent*innen halten einseitige Vorträge – sonst bräuchte man sie ja nicht kaufen. Solche Veranstaltungen kann man nicht als Fortbildungen bezeichnen. Das sind Werbeveranstaltungen. Das Verordnungsverhalten von Ärzt*innen wird auf diese Weise massiv im Sinne der Sponsoren beeinflusst. MEZIS fand heraus, dass zwischen den Sponsorfirmen aus der Pharmaindustrie und den hochbezahlten Referent*innen enge und hochdotierte finanzielle Beziehungen bestanden.

Ärztliche Fortbildungen müssen aber laut Gesetz „frei von wirtschaftlichen Interessen“ sein. Die Landesärztekammer musste OmniaMed deswegen die Fortbildungspunkte entziehen. Da war das schöne Fortbildungs-Win-Win-Modell erstmal futsch. Womit allerdings niemand gerechnet hatte, das war der komplette Rückzug von OmniaMed aus dem deutschen Fortbildungsmarkt. MEZIS behauptet, dass mehr als 80 Prozent der ärztlichen Fortbildungen in Deutschland von der Pharmaindustrie ausgerichtet oder stark beeinflusst werden. Der völlige Rückzug von OmniaMed scheint das zu bestätigen.

Wirklich schlimm ist die Lücke aber nicht, die OmniaMed hinterlässt. Schon rücken neue Anbieter nach, an vorderster Stelle eine Firma namens Esanum.

MEZIS wird also nicht arbeitslos, denn auch diese Firmen werden ihre Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen immer wieder nachweisen müssen. Als Vorbilder können die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft dienen, die bei ihren Veranstaltungen längst ganz ohne Industrie-Sponsoring auskommen.

Wirklich schlimm hingegen ist aber die Reaktion eines Teils der Ärzteschaft. Da ist kaum Zustimmung und wenig Erleichterung, endlich von den Manipulationen der medizinischen Wissenschaft durch die Pharmaindustrie befreit zu sein. Im Gegenteil. MEZIS wird im Internet, auf Seiten des Deutschen Ärzteblattes und des Ärzte-Nachrichtendienstes, beschimpft. „Für wie blöd hält MEZIS uns eigentlich?“ – „Ich kann zur Zeit keinem mehr empfehlen, hier in diesem Lande Arzt zu werden.“ – „Sollen sich niedergelassene Ärzte jetzt in Jugendherbergen fortbilden?“ – „Mein Essen zahlt hoffentlich die Pharmaindustrie weiter.“ – „MEZIS gefährdet den medizinischen Fortschritt!“ – „Ich hasse diese bigotten Typen von MEZIS.“ – „Es ist unerträglich, jeden Referenten wegen Bestechlichkeit vorzuverurteilen.“ Und zu guter Letzt: „Kauft nicht bei Juden! Esst nicht bei forschenden Pharmaunternehmen! Kann mir bitte jemand den Unterschied erklären?“

Wie bitte? – Zuerst dachte ich, ich hätte mich verlesen. Aber nein. Solche abscheulichen Äußerungen kann man fast nur im Internet finden. Und ärztliche Foren bilden da leider keine Ausnahme.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

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