Tschüss - Harald Ringstorff macht nicht viele Worte.
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Tschüss - Harald Ringstorff macht nicht viele Worte.

Harald Ringstorff

Es geht auch anders

  • Bernhard Honnigfort
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Harald Ringstorff, Deutschlands unauffälligster Ministerpräsident, hört in Mecklenburg-Vorpommern auf. Von Bernhard Honnigfort

Es war eine lange Busfahrt. Von Schwerin ging es nach Rostock, dann über Greifswald nach Anklam. Ein riesiger roter Bus rollte durch Mecklenburg-Vorpommern. Harald Ringstorff, der SPD-Ministerpräsident, machte Landtagswahlkampf und weil irgend jemand ihm gesagt haben muss, dass darüber etwas in den Zeitungen stehen sollte, waren auch drei Journalisten mit an Bord.

Der Bus rollte durch Wiesen und Rapsfelder, vorbei an Windanlagen und Mastställen. Ringstorff saß vorne, las Zeitung und schwieg. Wenn die Journalisten etwas fragten, antwortete er knapp. Er erzählte nichts. Vielleicht ist es noch zu früh am Tag, dachten die Journalisten und lasen auch Zeitung. Wenn der Bus hielt, zum Beispiel in Rostock, dann stieg Ringstorff aus, begrüßte ein paar Leute, war freundlich, stieg wieder ein und schwieg weiter.

Ab und an wurde selbst ihm die Stille zu viel. Dann blickte er aus dem Fenster in die Weite seines Landes und sagte mit schönem norddeutschen "R": "Die Landwirtschaft hat sich prächtig entwickelt in dieser Region."

So war das im Sommer vor zwei Jahren und wer dabei war, wundert sich nicht, wenn jetzt, wo Ringstorff aufhört, Ministerpräsident zu sein, viele über ihn schreiben, er sei ein Sturkopp und spröde, er sei wortkarg, verschlossen und lächle selten.

Es ist ja auch nicht falsch. Eine der eigenartigsten Figuren aus der Führungsriege der Bundesrepublik hört auf. Ein Ministerpräsident, der auf Journalisten, die Edmund Stoiber erlebten oder Kurt Biedenkopf, Dieter Althaus oder Klaus Wowereit, exotisch bis unbegreiflich wirkt - und nur deshalb, weil er ein völlig normaler Mensch geblieben ist.

Er loderte nie vor Ehrgeiz, wollte nie Kanzler werden oder in der Bundespolitik mitmischen wie der Bayer Stoiber. Er hielt seinen Kollegen keine Vorträge, hielt sich nie für etwas Besseres wie Biedenkopf, der Sachse. Er drängelte nie in die Schlagzeilen oder Talkshows wie der Thüringer Althaus. Flotte Sprüche wie vom Berliner Partymeister Wowereit? News aus dem Privatleben? Fehlanzeige. Nicht bei Ringstorff. Selbst enge Mitarbeiter wissen gerade noch, dass der Mann mit einer Künstlerin verheiratet ist, gerne angelt und morgens schwimmen geht.

Ringstorff regierte bescheiden und war altmodisch wie ein Röhrenradio. Im Westen hätte es höchstens zum Landrat gereicht, spotteten sie in der SPD. Er hat Politik gemacht wie zu Zeiten, als es weder Zeitung, Hörfunk noch Fernsehen gab. Weitgehend unbeobachtet werkelte er in seiner Schweriner Regierungsbude vor sich hin. Und was der Rest der Republik dachte, wenn er sich überhaupt für das Land an der Ostsee interessierte, das war ihm schnurz. Vielleicht war er zuhause deshalb so beliebt.

Nebenbei hat er ein bisschen Geschichte gemacht, hat von 1998 bis 2006 mit der PDS regiert. Damals war das eine Todsünde, aber was scherte ihn das Geschrei im fernen Berlin. Der Chemie-Ingenieur hatte den Bruch mit der CDU inszeniert. Und mit Rot-Rot hat er dann heimlich still und leise das arme Mecklenburg-Vorpommern saniert. Hat es geschafft, hinter Bayern und Sachsen plötzlich 2006 ohne neue Schulden auszukommen. Er hat das Schulsystem im dünn besiedelten Land reformiert. Er hat getan, was getan werden musste. Wie ein Handwerker, der ordentliche Arbeit macht und nicht viele Worte. Als nach der Wahl 2006 die rot-rote Mehrheit kippelte, holte er die CDU ins Boot und regierte mit ihr weiter. Reibungslos ging das auch deshalb, weil Ringstorff in seiner SPD der Mächtigste war.

Er war nie ein Mann der Bilder. Wer ihn im Fernsehen sah, zum Beispiel neben dem Besucher George Bush, der sah einen grauen, sehr schlecht gelaunten Herrn neben einem verkniffen grinsenden US-Präsidenten. Ringstorff machte nie ein Geheimnis aus seinen Abneigungen. Die Sonne habe geblendet, wich er aus, als man ihn auf seinen Gesichtsausdruck ansprach.

Am 3. Oktober ist Schluss. Dann ist er gerade 69, hat zehn Jahre regiert. Sein Rücktritt, Anfang August verkündet, war nicht erzwungen wie bei Stoiber und Huber, nicht längst ersehnt wie damals beim Brandenburger Manfred Stolpe oder kein innerparteiliches Gemetzel wie bei Biedenkopf. Ringstorff war nie eine lahme Ente. Er geht einfach. Ohne Krach, ohne Wunden. Rechtzeitig.

Was er noch vorhat? Man weiß es nicht. Er schweigt. Wahrscheinlich werden Urlauber aus Stuttgart, Hamburg oder Dresden demnächst irgendwo an der Küste einem Radfahrer begegnen. Sie werden sich kurz umdrehen und sich fragen, wer dieser Mann war, der da gerade an ihnen vorbeifuhr und "Tach" brummelte. Irgendwo hat man den schon einmal gesehen. Aber wo?

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