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Der Schein trügt: Die Altendorfer Straße in Essen ist alles andere als ruhig, sondern bekannt für viel Kriminalität.

Organisierte Kriminalität

Kriminalität: Wem gehört die Straße?

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Das Bundeskriminalamt stellt sein Lagebild zur Organisierten Kriminalität vor. Erstmals gibt es auch ein konkreteres Gesamtbild über die Macht von Familienclans.

Die Organisierte Kriminalität erwirtschaftete – soweit den Behörden überhaupt bekannt – im vergangenen Jahr mehr als 691 Millionen Euro.

Menschenschmuggel, Drogenhandel, Schutzgelderpressung: Die Organisierte Kriminalität hat in Deutschland zahlreiche Geschäftsfelder. Dabei mischen auch viele Familienclans mit. Nun gibt es erstmals ein genaueres Bild davon, wie stark diese in Ermittler-Kreisen „ethnisch abgeschottete Subkulturen“ genannten Strukturen eigentlich bundesweit im Fokus der Polizei stehen.

Laut „Bundeslagebild 2018“, das BKA-Chef Holger Münch und Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) am Dienstag in Berlin vorstellten, gab es im vorigen Jahr in allen 16 Bundesländern zusammengenommen 45 Verfahren gegen kriminelle Familienclans mit insgesamt 654 Tatverdächtigen. 22 Verfahren – und damit fast die Hälfte der Verfahren – waren in Nordrhein-Westfalen angesiedelt. Von den beschuldigten Clanmitgliedern, die laut Münch einer „eigenen Werteordnung“ folgen, hatten 152 die libanesische, 148 die deutsche, 54 die syrische und 52 die türkische Staatsangehörigkeit. Bei 37 Tatverdächtigen war die Staatsangehörigkeit unklar.

Clans verursachten Schaden von 17 Millionen Euro

Familienclans verursachten im vergangenen Jahr einen festgestellten Schaden in Höhe von rund 17 Millionen Euro. Und sie erwirtschafteten nach den Erkenntnissen der Ermittler einen kriminellen Ertrag von etwa 28 Millionen Euro. Einen Großteil davon konnte der Staat allerdings vorläufig sichern – nämlich rund 22 Millionen Euro. Die Hauptbetätigungsfelder der Clans: Rauschgifthandel und Schmuggel. In diesem Bereich liefen mehr als die Hälfte der Verfahren.

Das Bundeskriminalamt hat auch den Zusammenhang von Clan-Kriminalität und Terrorismus untersucht. „Soweit wir das sehen können, gab es zwar einzelne Personen, die entsprechende Kontakte pflegten, aber es gibt keine verfestigten Strukturen“, so Münch.

Die Zahl der Verfahren gegen die Organisierte Kriminalität, kurz OK, insgesamt lag 2018 bei 535 mit 6483 Verdächtigen. Unter „OK“ versteht die Polizei Rockergruppen wie die Hells Angels, oder Mafia-Organisationen aus Italien, dem Balkan oder Osteuropa. 2017 lag die Zahl der Verfahren noch bei 572. Doch der Rückgang ist nur bedingt eine gute Nachricht: Laut Münch sind die Ermittlungen heute meist komplexer, weil die Banden „professioneller, digitaler und stärker über die Grenzen hinweg“ arbeiteten.

Gesamtschaden wächst deutlich

Von den Tatverdächtigen waren 31,2 Prozent Deutsche, wobei rund zwölf Prozent von ihnen bei ihrer Geburt eine andere Staatsangehörigkeit hatten. Unter den Ausländern dominierten die Türken mit 714 Verdächtigen und polnische Staatsbürger (404 Verdächtige). Eine „überdurchschnittlich hohe Eskalations- und Gewaltbereitschaft“ beobachtete das BKA 2018 bei Verbrecherbanden, die von Tschetschenen dominiert werden.

Den Gesamtschaden durch die Organisierte Kriminalität beziffert das BKA für 2018 auf rund 691 Millionen Euro, 2017 waren es noch rund 209 Millionen Euro. Das Hauptbetätigungsfeld der mafiösen Strukturen bleibt der Rauschgiftschmuggel (37,6 Prozent) gefolgt von Eigentumsdelikten und Wirtschaftskriminalität. Von den 675 Millionen Euro, die die OK laut BKA insgesamt ergaunern konnte, hat der Staat nur 72 Millionen einziehen können.

Es bleibe zwar noch immer viel zu tun, erklärte Seehofer, aber die Botschaft sei für ihn klar: „Es darf keine rechtsfreien Räume geben. Es gilt eine Null-Toleranz-Strategie.“

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