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„Ich will zeigen, was als Muslima in Belgien alles möglich ist“: Sara Lou.

Gleichberechtigung

Gefühl und Wirklichkeit

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Beim Thema Gleichberechtigung liegt Belgien im europäischen Vergleich im oberen Drittel. Doch fühlen sich belgische Frauen im Alltag tatsächlich gleich und gerecht behandelt? Eine Aufsichtsrätin und eine Muslima haben dazu ganz unterschiedliche Meinungen.

Wer Sara Lou sieht, könnte denken, ihr Kopftuch sei ein Mode-Accessoire. Stylisch legt sich der weiße Stretchstoff um ihren Kopf, darüber ein rosafarbenes Tuch. Nur wenige schwarze Haare sind noch am Ansatz zu sehen. Die Lippen sind leicht rot geschminkt, die Wimpern getuscht. Ein weißes T-Shirt ragt unter dem dunkelblauen Nadelstreifenanzug hervor. Doch das Kopftuch, das Sara Lou trägt, ist mehr als ein Kleidungsstück, es hat eine spirituelle Bedeutung für die 27-jährige Muslima aus Brüssel. Und es birgt – wie vielerorts – Stoff für Konflikte.

„Ich erlebe dauernd Diskriminierung, weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Sara Lou. Sieben Prozent der belgischen Bevölkerung gehören dem Islam an. Es ist die zweitgrößte Religion nach der Katholischen. Trotzdem gehört Islamophobie immer noch zum Alltag: 2017 registrierte die Organisation „Unia“ über 200 islamophobe Taten in Belgien, insgesamt wurden 319 Diskriminierungen aufgrund religiöser Überzeugung gemeldet. Zwischen 2011 und 2017 stieg die Zahl der islamfeindlichen Taten auf 202 pro Jahr an. 2017 richteten sich drei Viertel der islamfeindlichen Taten zudem gegen Frauen: Sie wurden auf der Straße wegen ihres Kopftuchs beschimpft oder erhielten Hassnachrichten über soziale Medien. Auch Sara Lou ist das schon oft passiert.

Doch das Kopftuch ist Teil von ihr. Erst studierte sie Betriebswirtschaft an einer staatlichen Universität in Brüssel. Ihr Kopftuch durfte sie im Hörsaal nicht aufsetzen – das ist in Schulen und Universitäten in Belgien verboten. Weil Kirche und Staat in Belgien getrennt sind, dürfen auch Lehrer, Polizisten und Richter keine sichtbaren religiösen Zeichen tragen. Auch deshalb fühlte sich Sara Lou unwohl an der Uni: „Ich hatte das Gefühl, dass ich anders als die anderen war. Und allein.“ Schließlich brach sie ihr Studium ab und begann eine neue Ausbildung an einer der zwei privaten Universitäten in Brüssel, an der Studierende ein Kopftuch tragen dürfen. Doch auch dort war das Thema negativ konnotiert, ein Professor sagte zu ihr: „Du kannst großartige Dinge tun, aber durch das Kopftuch werden einige Türen für dich verschlossen bleiben.“ Sara Lou erzählt, dass sie viele Freundinnen habe, die selbst mit einem abgeschlossenen Studium keine Arbeit fänden.

Mit einem YouTube-Kanal Hoffnung machen

Irgendwann wollte sie nicht länger dazu schweigen und gründete vor zwei Jahren den YouTube-Kanal „MolemSisters“. Molem steht für das Brüsseler Viertel Molenbeek, wo sie aufwuchs und viele Muslime wohnen. Sisters steht für ihre zwei jüngeren Schwestern, die sie unterstützen. „Mit meinem YouTube-Kanal will ich Hoffnung machen und zeigen, was als Muslima in Belgien alles möglich ist“, sagt sie entschlossen.

Ihr Durchbruch kam erst vor ein paar Wochen. Nachdem ein Video der belgischen Sängerin Angèle gegen Sexismus im Alltag in den sozialen Medien viral ging, coverte Sara Lou das Lied und veröffentlichte ihre Version auf YouTube. In „Balance ton quoi“ singt sie von Alltagssituationen, in denen Musliminnen wie sie diskriminiert werden. Etwa, wenn sie mit Kopftuch durch den Park joggt und ihr Passanten blöde Sprüche nachrufen. Oder als sie sich bei einem Modegeschäft für einen Job bewarb und gefragt wurde, was ihr einfalle, sich das mit Kopftuch zu erlauben.

„Ich dachte, dass es wahrscheinlich viele muslimische Frauen in Belgien und Europa gibt, denen es ähnlich geht“, erklärt sie, die hauptberuflich als Social-Media-Beraterin arbeitet. Am Ende wurde das Video nicht nur von Musliminnen sondern auch von Männern oder Frauen anderer Religionen unterstützt: „Der Erfolg des Videos zeigt: Ich bin nicht die einzige, die Ungerechtigkeit und Diskriminierung erlebt.“

Den Mund aufzumachen, ihr Recht einzufordern – das lernte Sara Lou von ihrer Mutter. Sie ermutigte sie auch dazu, den YouTube-Kanal zu starten. „Am Anfang ging es um Mode. Mittlerweile zeige ich, wie man typische Speisen zum Ramadan kocht oder das Kopftuch bindet.“ Knapp 38 000 Abonnenten aus Belgien, Frankreich, Kanada, der Schweiz, Marokko, Algerien und Tunesien folgen derzeit ihrem Kanal.

Sara Lou findet es bedauerlich, dass das islamische Kopftuch für viele Menschen in Europa immer noch nicht normal ist. „Wenn wir das Kopftuch zurückweisen, werden gleichzeitig auch muslimische Frauen ausgeschlossen“, sagt sie, „für mich ist das islamische Kopftuch eine Erinnerung daran, wo ich herkomme und wer ich bin.“ Es sei etwas Persönliches – und auch ein modisches Kleidungsstück. „Ich glaube, dass Schönheit auch ein Teil unserer Religion ist.“ Und sie glaubt zudem: „Gott liebt Schönheit.“ Bereits ihre Mutter habe immer farbige Kopftücher getragen.

Im September startet ihre neue Video-Serie, in der sie Musliminnen, Menschen mit anderer Hautfarbe oder auch Leute, die Ungewöhnliches leisten, im Alltag begleitet. „Ich will zeigen, was diese Menschen Tolles auf die Beine stellen und wie sie andere inspirieren“, sagt sie. Das sei ihr persönlicher Beitrag, um Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte zu holen.

Während Sara Lou im hippen Café im Brüsseler Stadtteil Molenbeek arbeitet, sitzt Cécile Scalais nicht weit entfernt im 27. Stock des Belfius-Turm. In dem gigantischen Glasgebäude im Geschäftsviertel von Brüssel arbeiten mehr als 6000 Menschen. Das Banken- und Versicherungsunternehmen gehört zu den größten in Belgien. Die 60-jährige Scalais verantwortet die juristische Abteilung. Seit 2012 sitzt sie im Aufsichtsrat des Belfius-Tochterunternehmens „Cofinimmo“, das mit Immobilien handelt. Zwischen 2011 und 2016 saß sie bereits in Aufsichtsräten in Irland und Luxemburg.

40 Prozent der Aufsichtsräte müssen weiblich sein

Für börsennotierte Unternehmen in Belgien gilt seit 2011 ein Gesetz, das vorschreibt, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein müssen. Zwischen 2008 und 2018 vervierfachte sich dadurch die Zahl von Frauen in Aufsichtsräten. In Deutschland waren 2017 laut Hans-Böckler-Stiftung etwa 27 Prozent der Aufsichtsräte weiblich – auch dort gibt es seit 2016 eine gesetzliche Quote. Scalais ist im Aufsichtsrat von „Cofinimmo“ eine von fünf Frauen; insgesamt zählt er elf Mitglieder.

„Ich war erschrocken, wie ungleich es zugeht“: Cécile Scalais.

An diesem Nachmittag trägt die zierliche Juristin eine weiße Bluse, darüber eine beige Strickjacke. Herzlich bittet sie in eine der kahlen Büroboxen aus Glas. Die Fenster bis zum Boden bieten einen Blick über die gesamte Stadt. Eine beeindruckende Aussicht – beeindruckend wie die Karriere der Belgierin. Ob Scalais nur wegen der Frauenquote hier sei? Nein, antwortet sie entschieden, denn sie habe ja bereits davor im Aufsichtsrat gesessen. Und natürlich habe auch ihre Qualifikation eine Rolle gespielt. „Aber ich habe wahrscheinlich von dem Trend profitiert, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen“, sagt sie und nennt das „positive Diskriminierung“.

Wenn ein Mann und eine Frau mit ähnlicher Qualifikation für einen Posten zur Wahl stünden, entschieden sich die Personaler meist für die Frau. „Besonders junge Frauen werden derzeit gefördert“, sagt sie. Ihre Firma sei „ein Vorreiter“ gewesen. „Das hat dazu geführt, dass ich viele Frauen in Führungspositionen im Unternehmen kennengelernt habe.“ Über die Organisation „Women on board“, zu Deutsch „Frauen im Vorstand“, trifft sie gezielt andere Frauen in Vorständen oder Aufsichtsräten. Die Organisation hilft nicht nur beim Vernetzen, sondern auch dabei, geeignete Frauen für Vorstände und Aufsichtsräte zu finden. Daneben werden Workshops zu bestimmten Themen organisiert, etwa zur Gleichberechtigung der Geschlechter oder Vielfalt in Aufsichtsräten.

Ehrgeizig sei sie von Anfang an gewesen, sagt Cécile Scalais: Als sie nach dem Studium in den 80er Jahren ihren ersten Job annahm, suchte sie bereits nach Herausforderungen. „Ich wollte Verantwortung übernehmen und eigenständig arbeiten.“ Zu der Position als Aufsichtsrätin sei sie dann Schritt für Schritt gekommen. Das Vertrauen des Managements sei ein Schlüssel in ihrer Position. Das habe sie ständig motiviert. Mit Mitte 30 übernahm Cécile Scalais zum ersten Mal die Leitung einer juristischen Abteilung, damals bei einer Versicherung. Mit 52 Jahren wurde sie gefragt, ob sie Mitglied des Vorstands werden wolle. „Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern“, sagt sie, „ich war unglaublich stolz.“ Es sei das Ergebnis harter, kontinuierlicher Arbeit gewesen.

Doch es gab auch Hindernisse auf dem Weg: „Zu Beginn meiner Karriere war ich oft die einzige Frau am Tisch.“ Als größte Hürde habe sie es erlebt, Familie und Beruf zu vereinen. Besonders, als ihre Kinder klein waren. „In Belgien gibt es zwar eine Krippe, aber die hat auch Schließzeiten“, sagt sie. Glücklicherweise habe ihr Mann sie unterstützt. So habe sie für ihren Aufstieg ihre Kinder nicht zurückstellen müssen, im Gegenteil: „Ich habe jede freie Minute mit meiner Familie verbracht.“

Mittlerweile sind ihre Kinder erwachsen und sie genießt es, ohne viel organisatorischen Aufwand eine Dienstreise oder Überstunden machen zu können. Doch müsse der Staat ihrer Meinung nach mehr tun, um Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Erst vor Kurzem habe sie ein Buch des belgischen Vizepremierministers Alexander De Croo über die Lage der Gleichberechtigung in Belgien zwischen Männern und Frauen gelesen. „Ich war erschrocken, wie ungleich es derzeit noch in unserem Land zugeht“, gibt sie offen zu. Auch wenn Belgien im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten beim Thema Gleichstellung bereits gut abschneidet, gibt es noch immer Verbesserungsbedarf. Das sieht YouTuberin Sara Lou genauso wie Vorstandsvorsitzende Cécile Scalais – so unterschiedlich ihr Alltag auch aussehen mag.

FR-Reihe in Kooperation mit DEINE KORRESPONDENTIN

Für die Serie „Wie emanzipiert ist Europa?“ arbeitet die Frankfurter Rundschau mit dem Netzwerk deine-korrespondentin.de zusammen. Für das digitale Magazin, das 2015 von Chefredakteurin Pauline Tillmann gegründet wurde, berichten zehn Korrespondentinnen aus der ganzen Welt über spannende, starke Frauen. Bis Ende des Jahres werden die Autorinnen alle 14 Tage aus einem anderen europäischen Land über die Situation der Frauen berichten. In der heutigen Folge befasst sich Franziska Broich, die auch EU-Korrespondentin der Katholischen Nachrichtenagentur KNA ist, mit Gleichstellung in Belgien. (boh)

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