Eine Heuschrecke wiegt etwa zwei Gramm – und frisst an einem Tag so viel, wie sie wiegt. Bei Schwärmen mit 40 Millionen Tieren sind das Hunderte Tonnen von Lebensmitteln, die vernichtet werden. SANJAY KANOJIA/AFP
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Eine Heuschrecke wiegt etwa zwei Gramm – und frisst an einem Tag so viel, wie sie wiegt. Bei Schwärmen mit 40 Millionen Tieren sind das Hunderte Tonnen von Lebensmitteln, die vernichtet werden. 

Indien

Gefräßige Wolken

  • vonAnkush Kumar
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Mitten in der Corona-Pandemie droht Indien eine weitere Plage: Riesige Heuschreckenschwärme, die bereits Ostafrika verwüstet habe, breiten sich auf dem Subkontinent aus.

Manphool Singh musste die ganze Baumwolle noch einmal pflanzen. Der Bauer in Nagaur im nordindischen Bundesstaat Rajasthan hatte seinen etwa vier Hektar großen Acker längst bestellt. Doch dann kam jener Tag Mitte Mai, als die Heuschrecken über sein Dorf herfielen – und alles zerstörten. „Wir wurden nie vor dem Angriff gewarnt“, sagt der 36-Jährige. „Es war ein riesiger Schwarm, und er flog in Windrichtung.“ In einem Dorf ein paar Kilometer weiter befürchtet auch Gopiram, dass es noch viel schlimmer kommt. Allein in seinem Dorf könnten rund 30 Prozent der Bauern betroffen sein, sagt er. „Wir sind überhaupt nicht vorbereitet, zumal die Verwaltung nur mit Covid-19 befasst ist.“

Indien und viele Länder des Nahen Ostens leiden nicht nur zunehmend unter der Pandemie: Aktuell (Stand 21. Juni) hat der Subkontinent laut der Johns-Hopkins-Universität mehr als 410 000 bestätigte Fälle, mehr als 13 200 Menschen starben an oder mit dem Coronavirus. Die Region ist zunehmend auch einer Bedrohung ausgesetzt, die bereits in Ostafrika für Angst und Schrecken sorgt: einem Angriff von Wüstenheuschrecken.

In den letzten Monaten sind bereits Vorläufer der geflügelten Plage eingetroffen. An der Grenze zu Pakistan haben die indischen Behörden mindestens 135 Vorfälle beobachtet. Für die kommenden Monate erwarten sie eine massive Invasion, die zu noch mehr Hunger und Leid führen könnte. Indiens Premierminister Narendra Modi sprach Mitte Juni von einem „Angriff“ der Heuschrecken auf sein Land. „Diese Attacken zeigen uns, wie viel Schaden dieses kleine Insekt anrichten kann.“

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) erwartet größere Schwärme ab Mitte Juni. Sie nähern sich aus zwei Richtungen, erklärt der FAO-Heuschreckenexperte Keith Cressman. Die erste Gruppe kommt vom Horn von Afrika, wo Wüstenheuschrecken gerade eine Spur der Verwüstung hinterlassen. In Äthiopien und Somalia gab es seit 25 Jahren keinen so schlimmen Ausbruch, in Kenia seit mindestens 70 Jahren nicht mehr.

Von hier wandern die Heuschreckenschwärme über den Indischen Ozean in die Wüstengebiete auf beiden Seiten der indisch-pakistanischen Grenze. Der Monsun begünstigt die Fortpflanzung der Insekten, die hier ihre Eier legen. Die UN-Landwirtschaftsorganisation schätzt, dass sich die Heuschrecken in der kommenden Regenzeit um das 20-Fache vermehren könnten, wenn die Behörden nicht sofort einschreiten.

Doch damit nicht genug: Eine zweite Gruppe kommt aus Pakistan und dem südlichen Iran. Einige Schwärme schafften es wegen des Zyklons „Amphan“ bereits bis nach Bhopal, tief im Landesinneren. Grund war der starke Westwind im Zusammenhang mit dem verheerenden Wirbelsturm im Golf von Bengalen. Bis Juli erwartet die FAO weitere Invasionen. Im schlimmsten Fall, so Experte Cressman, könnte das zum Zeitpunkt der Ernte geschehen, denn die Wüstenheuschrecken bewegen sich schnell, sie schaffen bis zu 150 Kilometer täglich. Ausgewachsene Tiere sind gelb. Sind sie noch rosa und damit nicht geschlechtsreif, fressen sie besonders viel und fliegen enorme Strecken. Ein einzelnes Individuum von ungefähr zwei Gramm verschlingt täglich ungefähr sein eigenes Gewicht. Schwärme von einem Quadratkilometer mit bis zu 40 Millionen Insekten können täglich Hunderte Tonnen Pflanzen zerstören – Nahrungsmittel für bis zu 35 000 Menschen.

Auf dem Subkontinent arbeitet mehr als die Hälfte aller Beschäftigten im Agrarsektor, der insgesamt rund 18 Prozent zur indischen Wirtschaftsleistung beiträgt. Regierungskommissar Mamoon Alalawi sorgt sich angesichts der Heuschreckenangriffe nicht nur um die reinen Ernteverluste, sondern auch um die weiteren anstehenden Kosten: „Das Problem ist auch das Budget für die nötigen Kontrollen, für Fahrzeuge, Sprühgeräte, Pestizide, Treibstoff und Kampagnenkosten.“

Um Schwärme dieser Größe zu bekämpfen, müssen Pestizide aus dem Flugzeug oder – um die jungen Heuschrecken wirksam zu bekämpfen – am Boden verteilt werden, etwa mit Sprühgeräten auf Traktoren und feuerfesten Fahrzeugen. Bis zum 11. Mai haben die Behörden in den Bundesstaaten Rajasthan und Punjab auf diese Art mehr als 14 000 Hektar Land bearbeitet. Die Chemie-Keule birgt jedoch die Gefahr, dass die Insekten resistent werden. Außerdem tötet das Gift auch die natürlichen Fressfeinde der Heuschrecken, warnt die FAO. Während vor 50 Jahren erst eine Handvoll Schädlingsarten gegen Pestizide resistent waren, sind es inzwischen mehr als 700.

Als die Stadt Ajmer in Rajasthan Mitte Mai einen weiteren massiven Heuschreckenangriff erlebte, waren sie sogar in den Nachbarstaaten Uttar Pradesh und Madhya Pradesh alarmiert. „Wir versuchen, die Ausbreitung von Heuschrecken zu kontrollieren“, sagt der Heuschrecken-Direktor des indischen Landwirtschaftsministeriums, KL Gurjar. „Aber manchmal entkommen nur wenige Schwärme und wandern weiter in andere Gebiete Indiens.“

In Barmer, der zweitgrößten Stadt Rajasthans, die rund hundert Kilometer von der indisch-pakistanischen Grenze entfernt liegt, rechnet Santosh Bishnoi für Ende Juni mit der Ernte. Er baut Perlhirse an, die wichtigste Getreideart hier. „Wir sind jetzt in der Hochsaison“, sagt Bishnoi. „Wenn die Heuschrecken jetzt einfallen, wäre das ein enormer Verlust für uns alle.“ Sein Kreuzkümmel wurde bereits im Februar von den Heuschrecken aufgefressen. Es sei äußerst schwierig gewesen, Pestizide zu sprühen, sagt Bishnoi. Selbst die Fahrzeuge der Behörden hätten einige der abgelegene Gebiete in der Dorfgemeinschaft nicht mehr rechtzeitig erreicht. Die gesamte Ernte sei dahin.

Wenig später dann wurde Santosh Bishnoi vom Corona-Shutdown getroffen: „Ich habe Wassermelonen und Paprika angeflanzt, aber wegen der Beschränkungen konnten wir es nicht auf die Märkte bringen.“ Sein Gemüse verdarb. Die strenge Ausgangssperre in Indien wurde seit dem 24. März viermal verlängert. Sie gilt formal noch bis Ende Juni, auch wenn nun erste Lockerungen kommen sollen und einzelne Fabriken wieder produzieren dürfen. Die Bauern durften schon kurz nach Beginn des Lockdowns wieder arbeiten – und konnten dennoch viele ihrer Produkte nicht verkaufen.

Mitte Juni in Allahabad. 

Zwar hat die indische Regierung Corona-Hilfen in Aussicht gestellt, von denen auch Bauern profitieren sollen. Doch Anspruch auf Verlust durch Heuschreckenangriffe hätten nur jene Landwirte, die ihre Ernte versichert haben, erklärt der Bauer Bhanwar Lal vom Distrikt Jalore, dessen gesamte Kreuzkümmel-Ernte im vergangenen Jahr von Heuschrecken vernichtet worden war. Abgesehen von der Ungewissheit, ob die Heuschreckenschwärme kommen und welchen Schaden sie anrichten könnten, hat Santosh Bishnoi noch eine weitere große Sorge: Alle 18 Arbeiter haben seinen Hof verlassen. Darunter auch Kalu Ram, 27, der auf der Farm Gurken gezogen hat. Er habe noch sein letztes Gehalt bekommen, aber da nicht sicher war, ob der Farmer ihn weiter bezahlen würde, hatte Ram, der als Einziger seiner Familie Geld verdient, keine andere Wahl als zu gehen. Bikaneir, seine Heimatstadt, liegt 16 Tage entfernt.

So wie Ram ziehen noch immer täglich Tausende von Wanderarbeiter aus dem ganzen Land in ihre Dörfer. Sie fürchten monatelange Arbeitslosigkeit und legen teils Hunderte Kilometer zurück – zu Fuß, auf dem Fahrrad, in völlig überfüllten Lastwagen und Bussen. Das ist lebensgefährlich: In Maharashtra etwa wurden 16 Menschen, die auf Eisenbahnschienen liefen, von einem Zug erfasst. Viele andere starben bei Unfällen oder schlicht an Erschöpfung.

Werden diese Migranten, die so große Qualen auf sich genommen haben, wieder zu ihrem Arbeitsort pilgern, wenn die Ausgangssperre endet? Für Kalu Ram steht fest: „Ich würde lieber versuchen, in meinem Dorf Arbeit zu finden, als wieder nach Barmer zurückzukehren.“ Bauer Bishnoi weiß nun nicht, wer ihm helfen soll, wenn die Heuschrecken kommen.

Der Agrarwissenschaftler Prakash Chandra Yadav in Rajasthan hat untersucht, wie sich die Schwärme in den letzten 30 Jahren verändert haben. Wegen des Klimawandels werden sie mehr. „Wenn die Umgebung günstig ist, schlüpft das Insekt. Andernfalls kann die Heuschrecke bis zu 65 Tage im Ei warten“, sagt Yadav. Die Gefahr ist also auch nach zwei Monaten noch akut. Der Pflanzenschutzexperte erwartet, dass es diesmal doppelt so viele werden wie im vergangenen Jahr. „Im Winter brauchen Heuschrecken mehr Zeit, um sich zu paaren und Eier zu legen, da die Temperatur unter 20 Grad bleibt.“ Im Sommer hingegen, bei Temperaturen über 40 Grad, könne es ganz schnell gehen.

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