Beweidungsprojekte

Gefräßige Gartenarbeiter

Karpatenbüffel und Heckrinder in Rheinland-Pfalz: Naturschützer begrüßen den Erfolg von Beweidungsprojekten.

Pechschwarzes Fell, graue Hörner, finsterer Blick und doch ein gutmütiges Wesen: Mächtige Karpatenbüffel grasen in einem Naturschutzgebiet bei Thür in der Osteifel. An einzelnen alten Bäumen und Schilfzonen vorbei ziehen sie durch die sumpfige Senke „Thürer Wiesen“. Die Herde der vom Aussterben bedrohten Tiere wächst: Kürzlich haben sich noch vier Kälber dazugesellt, nun sind es 18 Tiere, wie Ann-Sybil Kuckuk vom Naturschutzbund (Nabu) Rheinland-Pfalz in Mainz berichtet. „Sie sollen sich weiter vermehren, weil so weitere Flächen frei gehalten werden können.“

Die tierischen Rasenmäher, Lieblinge der Naturschützer, haben viele Vorteile. Inzwischen gibt es auf insgesamt hunderten Hektar Dutzende Beweidungsprojekte in Rheinland-Pfalz. Zum Einsatz kommen auch andere robuste rare Tierrassen wie Heckrinder, Konikpferde und Schottische Hochlandrinder, die auch kalte Winter ohne Stall nicht scheuen. Ziegen, Schafe, Bergesel und Rotwild finden sich ebenfalls auf Flächen, die Naturschützer vor zu viel Bewuchs bewahren wollen. „Das fördert die Artenvielfalt“, sagt Kuckuk. „Außerdem tun wir etwas zur Erhaltung seltener alter Tierrassen.“

Holger Schanz von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (GNOR) in Mainz nennt Beispiele: „Schlingnattern, Mauereidechsen und Blauflügelige Ödlandschrecken zum Beispiel brauchen bei uns offene Landschaften.“ Die GNOR kümmert sich bei Oberdiebach im Kreis Mainz-Bingen auf rund 30 Hektar um eine Herde von Exmoor-Ponys und Ziegen. „Die Ziegen gehen mehr an Büsche, die Pferde fressen eher Gras – damit ergänzen sie sich gut.“ Laut Kuckuk siedeln sich auf tierisch offen gehaltenen Flächen oft auch seltene Pflanzen an, beispielsweise Orchideen.

GNOR-Geschäftsstellenleiter Schanz spricht von einem Erfolg der Beweidungsprojekte. Die Zusammenhänge sind teils komplex: Die großen Pflanzenfresser wie Pferde und Rinder hinterlassen Kot, der Insekten und Käfer anlockt, die wiederum von Vögeln und Fledermäusen vertilgt werden. „Bei uns bei Oberdiebach hat zum Beispiel der Bestand der Dorngrasmücke zugenommen“, berichtet Schanz. Der zierliche Singvogel baut seine Nester gerne in Dornenbüschen.

Charlotte Reutter vom Bund Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Rheinland-Pfalz verweist in Mainz auch auf neue Chancen für Wildbienen: „Viele nisten im Boden – da ist es gut, wenn Flächen frei gehalten werden“, sagt sie. Im Kampf gegen das zunehmende Insektensterben kommen so auch alte Nutztierrassen zum Einsatz.

Ein besonderes Beweidungsprojekt findet sich in St. Martin an der Südlichen Weinstraße: Rund zehn urtümliche Heckrinder, eine Züchtung nach dem Abbild des ausgestorbenen Auerochsen, lichten auf 44 Hektar teils sogar Waldstücke. Die Tiere sind in der Lage, sich kleinere Bäume zwischen ihre mächtigen, geschwungenen Hörner zu klemmen, diese abzuknicken und Blätter abzufressen. Beim Projektstart 2011 ist es laut der rheinland-pfälzischen Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne) landesweit eine Premiere gewesen: „ein Leuchtturm-Projekt“.

Daniela Dönig, Leiterin der Tourist-Info St. Martin, sagt: „Das funktioniert, die Heckrinder vergehen sich an den Bäumen. Die gestalten das Ökosystem, einige Lichtungen sind entstanden.“ Die seltenen Tiere sind laut Dönig auch eine Touristenattraktion: Ein viereinhalb Kilometer langer Wanderweg führt um das eingezäunte Gebiet – und auch hindurch. „Die Leute können da durch ein Gattertor gehen und dann ohne Zaun laufen. Da haben auch schon mal welche Angst bekommen. Aber es ist noch nie was passiert“, versichert Dönig.

Tierische Rasenmäher können Kosten sparen – kostenlos sind die Projekte allerdings auch nicht. Betreuer müssen regelmäßig nach den Tieren, Zäunen und Unterständen schauen, teils sind Zufütterungen nötig, etwa in den Wintermonaten. Hinzu kommt die tierärztliche Betreuung. Gefragt ist daher das Ehrenamt. Die Biologin Kuckuk vom Nabu sagt: „Unsere Ortsgruppen kümmern sich um unsere Beweidungsprojekte.“ Hin und wieder werde auch ein Tier geschlachtet und vermarktet, das bringe wenigstens ein bisschen Geld.

Kein Projekt ohne Kritik: Manchmal werde moniert, dass die Naturschützer mit der Beweidung Flächen frei hielten, die sonst schön zuwachsen könnten“, erklärt Kuckuk. „Aber vor 12 000 Jahre haben hier auch schon Wisente und Konikpferde die Flächen offen gelassen.“

Mitunter arbeiten bei Beweidungsprojekten sogar Tiere und Panzer zusammen. Beispiel Schmidtenhöhe bei Koblenz, ein größtenteils aufgegebener Truppenübungsplatz: „Da hat man ein paar Panzer drüber rollen lassen“, erzählt Kuckuk. „In den Spurrillen sind kleine Tümpel entstanden, wo Amphibien toll gedeihen. Die Taurusrinder halten die Tümpel weiter offen.“   (Jens Albes , dpa)

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