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Gefangen auf der offenen See

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Paul Watson behauptet, dass deutsche  Behörden ihn nach Japan ausliefern wollten.
Paul Watson behauptet, dass deutsche Behörden ihn nach Japan ausliefern wollten. © Getty Images

"Auf den Ozeanen bin ich sicher": Paul Watson, militanter Walschützer und Gründer der Tierschutzorganisation Sea Shepherd, spricht erstmals über seine Flucht vor der deutschen Justiz.

Vier lange Monate war Paul Watson auf der Flucht. Der radikale Walschützer und Gründer der Tierschutzorganisation Sea Shepherd war im Sommer in Frankfurt wegen umstrittener Störaktionen auf See festgenommen worden. Nach wenigen Tagen kam er gegen Kaution frei und verschwand. Jetzt ist er auf einem seiner Schiffe wieder aufgetaucht. Im Interview, das über Skype geführt wurde, spricht Watson erstmals über die Umstände seiner Flucht.

Mr. Watson, wo genau befinden Sie sich?

Wir kreuzen außerhalb der neuseeländischen Küstengewässer und warten auf die japanische Walfangflotte, die jeden Augenblick in See stechen kann.

Wie lange sind Sie schon auf der „Steve Irwin“?

Seit ein paar Tagen. Nach meiner Flucht aus Deutschland war ich vier Monate unterwegs, ich habe 12.000 Meilen bis hierher zurückgelegt. Die meiste Zeit meiner Flucht war ich auf See.

Hat es Sie überrascht, dass Sie im Frühjahr ausgerechnet in Deutschland verhaftet wurden?

Ich war geschockt. Ich musste in Frankfurt umsteigen, und auf einmal war ich in Haft. Und das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt nicht einmal auf der Interpol-Liste stand. Im Gefängnis bin ich aber gut behandelt worden, auch wenn das natürlich kein schöner Aufenthaltsort war. Einige der Wärter wollten sogar Autogramme von mir und eine Wärterin ist Sea Shepherd beigetreten. Nach acht Tagen kam ich auf Kaution frei. Die Regierung wollte mit meiner Festnahme Costa Rica und vor allem Japan einen Gefallen tun.

Costa Rica wirft Ihnen Störung des Schiffsverkehrs vor, da Sie 2002 ein Schiff aus dem Land angegriffen hätten.

Die Vorwürfe sind lächerlich. Wir hatten damals ein illegales Haifangschiff abgefangen, ohne dass dabei Menschen oder Sachgüter zu Schaden kamen. Hinterher wurde behauptet, wir hätten die Besatzung töten wollen. Dabei haben Zeugen das Gegenteil gesagt, und wir hatten zwei Filmteams an Bord, die die Aktion aufgezeichnet haben. Seinerzeit hielten wegen der Aufnahmen selbst die Costa Ricaner die Anschuldigungen für unbegründet. Letzten Dezember trafen sich dann die Regierungschefs von Japan und Costa Rica und kurz danach kam nach zehn Jahren auf einmal das Festnahmebegehren. Die politische Motivation ist offensichtlich.

Sie haben eine hohe Kaution gezahlt und sich der deutschen Justiz entzogen. Warum?

Nach Hinterlegung der Kaution musste ich mich täglich bei der Polizei melden. Ende Juli hörte ich von jemandem aus dem Justizministerium, dass ich beim nächsten Meldetermin, einem Montag, festgesetzt und nach Japan ausgeliefert werden sollte. Japan hatte bei der deutschen Regierung einen Auslieferungsbefehl erwirkt. Wie, weiß ich nicht, aber es war so. In Japan wäre ich nicht wieder freigekommen, denn ich bin der Regierung ein Dorn im Auge.

Wie sind sie entkommen?

Ich habe noch am Sonntag Deutschland verlassen, einen Tag vor der geplanten Festnahme. Ich habe mich in die Niederlande abgesetzt, bin dort auf ein Schiff gestiegen und in Richtung Pazifik gesegelt. Ich habe keine Motoren benutzt, um nicht an Land auftanken zu müssen, denn dort wäre ich nicht sicher gewesen. Unterwegs habe ich zweimal das Schiff gewechselt. Am Ende bin ich auf hoher See zur Crew der „Steve Irwin“ gestoßen.

Hatten Sie jemals die Befürchtung, Ihre Schiffe könnten von den Behörden geentert werden?

Nicht wirklich. Die See unterliegt zum Großteil nicht der staatlichen Gewalt. Der Ozean ist das freieste Land der Welt. Er ist mein Zuhause.

Kritiker werfen Ihnen vor, bei Ihren Aktionen unzulässig Gewalt anzuwenden.

Sea Shepherd geht verantwortungsbewusst vor. Wir gefährden keine Menschen. In 35 Jahren haben wir bei unseren Aktionen nicht einen einzigen Menschen ernsthaft verletzt. Allerdings sind wir keine reine Protest-Gruppe, sondern wir schreiten, wenn nötig, auch ein. Wir verhindern illegale Aktionen, indem wir mit unseren Schiffen die unrechtmäßige Wilderei auf den Weltmeeren stoppen. Wir haben Tausende Wale und Hunderttausende Haie und Delfine gerettet. Unser einziges Vergehen ist, dass wir den Profiten der Wilderer entgegenstehen.

Wann planen Sie, wieder an Land zu gehen?

Solange ich auf der Interpol-Liste stehe, bin ich nur auf den Ozeanen sicher. Wenn ich mein Leben auf See verbringen muss, dann werde ich das tun.

Das Gespräch führte Jörg Michel.

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