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Zwei gegen Millionen: Bauern in Kenia versuchen die Heuschrecken zu verscheuchen.

Südsudan

Gefahr in Schwärmen

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„Für eine Kontrolle der Insekten ist es längst zu spät“, sagt ein Experte. Eine Heuschreckenplage im Südsudan droht die Folgen des Bürgerkriegs noch zu übertreffenVon Johannes Dieterich.

Südsudans Bevölkerung atmet auf. In der Hauptstadt Juba haben Regierung und Rebellen am Wochenende eine gemeinsame Übergangsregierung gebildet: Der seit sechs Jahren tobende Bürgerkrieg, der 400 000 Menschen das Leben und weit mehr als zwei Millionen die Heimat gekostet hat, könnte zu einem Ende kommen.

Doch während sich die Kriegsgegner in Juba noch die Hände schütteln, breitet sich im Südosten des jüngsten Staats der Welt bereits die nächste Gefahr aus: Tausende von Heuschrecken, die sich schon in sechs anderen Staaten am Horn von Afrika zu Hunderten von Milliarden Exemplaren zählenden Heeren zusammengeschlossen haben, dringen in das Bürgerkriegsland vor. „Sie sind grell gelb“, sagt Meshack Malo, südsudanesicher Repräsentant der Nahrungsmittelorganisation FAO: „Das bedeutet, dass sie bereits Eier mit sich tragen, die sie in den kommenden Tagen ablegen werden.“ Jede Heuschrecke legt mindestens 20 Eier ab: Schon in drei Monaten könnten sich die Vielfraße vervierhundertfacht haben.

Neben Somalia, das angesichts der Plage inzwischen den Notstand ausgerufen hat, ist der Südsudan das verletzlichste Land in der Region. Schon heute sind 60 Prozent der fast zwölf Millionen Einwohner vom Hunger bedroht, 1,3 Millionen Kinder werden in diesem Jahr selbst ohne Heuschreckenplage mangelernährt sein, schätzt die Hilfsorganisation „Safe the Children“.

Nehmen die Schwärme Ausmaße wie im Nachbarland Kenia an, wo Wolken mit rund 300 Milliarden Insekten beobachtet wurden, könnte der Schaden den des Bürgerkriegs noch weit übertreffen. Denn schon 80 Millionen Heuschrecken konsumieren dieselbe Menge an Nahrungsmitteln wie 35 000 Menschen. Nach Berechnungen der UN könnten bereits Mitte dieses Jahres 20 Millionen Menschen in der Region hungern müssen.

„Das Ausmaß ist gigantisch“

Nach Auffassung David Beasleys, des Direktors des Welternährungsprogramms WFP, bahnt sich eine „Katastrophe“ an, die die Weltgemeinschaft eine Milliarde US-Dollar kosten könne. Kürzlich rief die FAO zu einem Hilfspaket von knapp 80 Millionen US-Dollar auf, um Flugzeuge und Insektenvernichtungsmittel in die Region senden zu können. Doch bislang ging nur ein Viertel des Betrags bei der in Rom beheimateten UN-Organisation ein.

„Unsere einzige Option ist, die Heuschrecken zu töten“, sagt FAO-Seuchenexperte Bayeh Mulatu: „Für eine Kontrolle der Insekten ist es längst zu spät.“ Nach Somalia, Dschibuti, Äthiopien und Kenia haben sich die Vielfresser auch schon nach Tansania, den Sudan und Uganda ausgebreitet. „Das Ausmaß ist gigantisch“, sagt FAO-Mann Cyril Ferrand: „Wir haben es mit einem beweglichen und sich ständig vermehrendem Ziel zu tun.“

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