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Problemstoff: Mit Gülle aus Mastbetrieben gelangen auch Antibiotikarückstände in den Boden. dpa

Landwirtschaft

Gefährliche Gülle-Touren

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Reststoffe aus der Tierhaltung quer durchs Land zu fahren – das schadet nicht nur der Umwelt. Die enthaltenen Keime und Erreger bedrohen auch die Gesundheit von Wildtieren. Und die von Menschen.

Der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der modernen Landwirtschaft wird seit langem scharf kritisiert. Zwar sind die eingesetzten Mengen – außer bei Masthühnern und Puten – in den vergangenen zehn Jahren deutlich zurückgegangen. Aber trotzdem erzeugt die Nutzung weiterhin Probleme, wie eine Recherche der Umweltorganisation Greenpeace zeigt: Rückstände von Antibiotika und antibiotikaresistente Keime gelangen durch den Abtransport belasteter Gülle aus Regionen mit intensiver Tierhaltung auch in weit entfernte Gebiete, teils über Hunderte von Kilometern.

Statt Mist wie früher fällt in der Landwirtschaft heute meist flüssige Gülle an. Jedes Jahr produzieren Rinder, Schweine und Hühner in Deutschland davon mehr als 300 Milliarden Liter – laut Naturschutzverband Nabu das 33-fache des Bierausstoßes aller deutschen Brauereien. Besonders in den Regionen mit viel Massentierhaltung gibt es mehr Gülle, als von Böden und Pflanzen aufgenommen werden kann. Eine der Folgen ist der „Gülletourismus“. Die überschüssigen Mengen werden in andere Regionen transportiert – eine mitunter lukrative Einnahmequelle für die dortigen Landwirte: Diese kassierten oft hohe Summen dafür, dass sie die Gülle auf ihren Feldern unterbringen, wie der Nabu anmerkt.

Greenpeace hat elf Gülleproben aus Schweineställen in Niedersachsen analysiert und die Transportfahrten dazu nachverfolgt. Die Proben waren der Organisation zugespielt worden. Sie stammten aus Regionen mit intensiver Schweinehaltung, darunter Cloppenburg und weiteren Orten im Nordwesten des Bundeslandes. Alle enthielten Antibiotikarückstände, sieben wiesen zudem (multi-)resistente Keime auf.

Die 86 nachverfolgten Gülletransporte liefen im Durchschnitt über eine Distanz von etwa 220 Kilometern, häufig bis in andere Bundesländer. Die niedersächsische Gülle landete so etwa in Stepenitztal in Mecklenburg-Vorpommern sowie Beezendorf und Osterwieck in Sachsen-Anhalt.

Risiken „unnötig gestreut“

Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann kritisiert: „Die Transporte aus den Schweinemastanlagen verbreiten Resistenzen gegen überlebenswichtige Antibiotika.“ Damit wachse die Gefahr, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind. Die Risiken der industriellen Tierhaltung würden durch die Ferntransporte unverantwortlich gestreut. Das aber könne nicht die Lösung für die Überproduktion von Billigfleisch und Gülle sein. „Nur wenn weniger Tiere besser gehalten werden, lässt sich die Gülleflut stoppen und der Einsatz von Antibiotika in den Mastanlagen weiter wirksam reduzieren“, so der Experte.

Die Umweltorganisation fordert, in den Betrieben nur so viele Tiere zu halten, wie mit Futtermitteln von der eigenen Agrarfläche ernährt werden können, sowie ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tierhaltung. Statt Lager und Aufbereitungsanlagen für Gülle zu fördern, sollten öffentliche Gelder in den Ab- und Umbau der Tierhaltung fließen

Auch Mediziner warnen in der aktuellen „Welt-Antibiotika-Woche“ davor, dass sich die Ausbreitung von Resistenzen zuspitzt – und zwar durch eine nicht zielgerichtete Anwendung von Antibiotika beim Menschen und massiven Einsatz in der Tiermast. „Infektionen mit Erregern, für die es keine wirksamen Antibiotika und damit keine Therapie mehr gibt, nehmen besorgniserregend zu“, heißt es in einer Mitteilung der Universitäten Bonn und Tübingen dazu. Antibiotikaforschende befürchteten, dass die aktuelle Corona-Problematik die Situation eher noch verschärfen könnte. Viele schwer an Covid-19 erkrankte Patient:innen litten zusätzlich an bakteriellen Begleitinfektionen und benötigten dringend eine Antibiotikabehandlung.

Der Gülletourismus indes dürfte ohne ein Zurückschrauben der Massentierhaltung sogar noch zunehmen. Der Grund: In diesem Jahr wurde die Düngeverordnung erneut verschärft, um die Belastung von Grundwasser, Flüssen und Seen mit gefährlichem Nitrat zu senken. Damit steigt in Regionen mit Intensivtierhaltung der Druck, die Reststoffe auf andere Gegenden zu verteilen.

Greenpeace warnt in diesem Zusammenhang vor möglichen weiteren Problemen durch die Afrikanische Schweinepest, die sich bisher in Brandenburg und Sachsen unter Wildschweinen ausbreitet. Dadurch erscheine die überregionale Verteilung der Gülle noch fragwürdiger. Zimmermann: „Gelangt der Erreger in Schweineställe, droht mit den Gülletransporten eine schnelle Verbreitung. Sie müssten dann umgehend gestoppt werden.“ Regionen mit Intensivtierhaltung könnten so vor ungelöste Entsorgungsprobleme gestellt werden.

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