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Geburtstag ohne Jubilar

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Frohsinn  auf  Kommando: Die Zuschauer des „Musikantenstadl“  bekommen auf Schildern  mitgeteilt, was sie zu tun haben.
Frohsinn auf Kommando: Die Zuschauer des „Musikantenstadl“ bekommen auf Schildern mitgeteilt, was sie zu tun haben. © dapd

Der „Musikantenstadl“ wird 30 – und sein Erfinder Karl Moik hat keine Lust zu feiern.

Von Sarah Mühlberger

Vielleicht sitzt Karl Moik an diesem Samstagabend vor dem Fernseher, zappt zwischen den 2200 Programmen hin und her, die er dank seiner acht Satelliten-schüsseln empfangen kann. Möglicherweise bleibt er an einem in-dischen Testbild hängen, das freut ihn immer. Oder er schaut die „Wok WM“ auf Pro7, Stefan Raab schätzt er sehr. Nur eines wird er sicher nicht tun: ARD, SF1 oder ORF2 einschalten und sich „30 Jahre Musikantenstadl“ ansehen. Es ist seine Sendung, die da ohne ihn Geburtstag feiert, mit Gästen wie Hansi Hinterseer, Stefan Mross oder Semino Rossi. Sie alle hat der „Stadl“ einst berühmt gemacht, man könnte aber auch sagen, dass es der Mann war, der die Show fast ein Vierteljahrhundert lang moderierte: Karl Moik.

Als dessen Vertrag 2005 nicht verlängert wurde – inoffiziell hieß es, Moik sei zu alt – ließ dieser keinen Zweifel an seinem Ärger. Zuvor hatte er jahrelang gefordert, man solle besser ganz mit dem „Musikantenstadl“ aufhören, statt eines Tages nach einem Nachfolger für ihn zu suchen, an das Original reiche schließlich eh keiner heran. Die Koproduzenten Bayerischer Rundfunk, das Schweizer Fernsehen SRF und der federführende ORF hielten sich nicht an den guten Rat und engagierten 2006 den Schlagersänger Andy Borg. Den 25. Geburtstag des „Musikantenstadl“ wollte der beleidigte Moik nicht mitfeiern, zum 30-Jährigen hat man ihn wieder eingeladen, aber er wird wieder fehlen. Seine Gründe erläuterte er vor einigen Wochen in München.

Der Bayerische Rundfunk hatte bescheiden zur „Pressekonferenz“ geladen, doch „Spektakel“ traf es besser. Häppchen, Sekt, Kapelle – alles war bereit für die große Stadlparty. Nur kurz müsse man sich noch gedulden, hieß es, dann seien sie da, „der Karl und der Andy“. Die anwesenden Journalisten und Fans, sie waren nicht immer leicht auseinanderzuhalten, wurden mit einem Highlight-Video auf die beiden Stargäste eingestimmt.

Höhepunkte hatte der „Stadl“ reichlich, fast immer ist Karl Moik daran beteiligt: Die Sendung aus Cottbus kurz nach dem Mauerfall; die mit dem sowjetischen Fernsehen gemeinsam organisierte Übertragung aus Moskau 1988; sechs Jahre später: Der Stadl fliegt nach Kanada – und 5000 Fans fliegen mit; Karl Moik überreicht Nelson Mandela Sachertorte in Südafrika, 1996; der in Peking produzierte und im chinesischen Staatsfernsehen ausgestrahlte Musikantenstadl, der 600 Millionen Zuschauer erreichte.

Die fetten Jahre sind vorbei, heute sind von den einstigen großen Auslandsreisen gelegentliche europäische Abstecher übrig geblieben. Wer möchte, kann außerdem mit Andy Borg auf Stadl-Kreuzfahrt von Dubai nach Bahrain gehen.

„Jetzt ist Stadlzeit“, spielt die Kapelle auf der Münchner „Pressekonferenz“, und dann laufen sie endlich ein, der Karl und der Andy. Sie kommen durch den Hintereingang, schmettern fröhlich winkend „Servus“ in die Menge und bahnen sich langsam ihren Weg durch die Fotografentraube. Auf dem Podium angekommen, spielen sie sich die die Bälle und Witze zu, die allgemeine Heiterkeit erreicht ihren Höhepunkt. Bis Karl Moik mit ein paar Sätzen die Sandburg kaputtmacht, die der BR aufgebaut hatte.

Er werde bei der 30-Jahr-Feier am 12. März nicht dabei sein. Eine „Dummheit“ nennt er die Entscheidung, aus Fribourg in der Schweiz zu senden. Der Jubi-läums-Musikantenstadl hätte ja wohl bitteschön aus dem Geburts-land Österreich kommen müssen. Er wettert gegen die ORF-„Obrigen“, die sich nach seiner Kündigung nicht mehr bei ihm gemeldet, geschweige denn ihn in den Stadl eingeladen hätten. „Wenn man einem Sender 25 Jahre die höchsten Einschaltquoten bringt und dann wird man links liegen gelassen wie ein dreckiges Tuch, dann muss ich ehrlich sagen, das zeugt vom Niveau gewisser Herrschaften.“

Als Moik fertig gepoltert hat, ist es still im Saal, die Stimmung ist futsch. Andy Borg sitzt jetzt ein bisschen betreten neben Moik. Dass der ihn um etliche Zentimeter überragt, wird noch deutlicher als sonst. Beim Moderatorenwechsel vor fünf Jahren sagte Borg, auch in 25 Jahren werde es noch heißen, „der Andy macht dem Karl Moik seine Sendung“.

Es ist zweifellos schwer, in die Fußstapfen des Moderators zu treten, der den „Musikantenstadl“ erfand, präsentierte und lebte. Das Konzept hatte Moik dem ORF im November 1980 vorgestellt. Der gelernte Werkzeugmacher und ehemalige Antennenvertreter Moik war damals erfolgreicher Radiomoderator bei der „Volkstümlichen Musikparade“, wollte aber gern zum Fernsehen.

Der ORF gab ihm die Chance, eine Livesendung auf die Beine zu stellen, die am 5. März 1981 laufen sollte. In den folgenden Wochen schrieb Moik das Drehbuch, stellte die Besetzungsliste auf, komponierte und textete das Lied „Servus, Pfüat Gott und auf Wiedersehn“, mit dem die Sendung später stets enden sollte. Für seine eigene Gage reichte Moiks knappes Budget nicht, da-für gelang es ihm, Branchenstars wie Marianne und Michael für die Show aus Enns bei Linz zu enga-gieren. Ebenfalls Gast der ersten Sendung war Jodelkönig Franzl Lang, den Moiks Dackel Wastl bei jeder Jodelprobe imitierte. Also wurde der Hund kurzerhand ins Programm eingebaut. Die erste Sendung wurde ein großer Erfolg, inzwischen kamen mehr als 180 Ausgaben dazu.

Lange schien es, als sei Moik unverwüstlich. Eine Morddrohung hielt ihn 1989 nicht vom Auftritt ab, ein Herzinfarkt 2004 stoppte ihn nur eine Sendung lang. Auch die „Spaghettifres-ser“-Affäre überstand er; mit einem etwas zu lockeren Spruch hatte er nicht nur die Italiener erzürnt. Er teilte fleißig aus, war aber auch selbst Zielscheibe.

Letztlich musste Moik dann doch Platz für die Jugend machen, ihm folgte Borg, Jahrgang 1960. Doch ein jugendlicheres Publikum hat auch der Schlagersänger mit dem vollen Haar bislang nicht gewinnen können. Noch schalten zwar regelmäßig fünf Millionen Zuschauer ein, jünger als das ergraute Publikum auf dem Bildschirm sind sie aber meist nicht.

In seiner Autobiografie schrieb Moik schon 1997, er habe sich mit dem „Musikantenstadl“ selbst „ein kleines Denkmal gesetzt“. Heute erzählt er, dass er zwei Jahre gebraucht habe, um über die Trennung vom Stadl hinwegzu-kommen. Die Arbeit seines Nach-folgers mag er sich nicht angu-cken. Die große Party, sie wird also ohne ihn stattfinden. Wenn sie nicht schon vorbei ist.

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