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"Das Bier spielt also eine zentrale Rolle. Als Rauschmittel sorgt es für eine gelockerte Stimmung, die auch schnell ins Gegenteil kippen kann."

Der Gaudi-Komplex

Am Wochenende wird in München das 185. Oktoberfest eröffnet. Doch der Riesenrummel ist mehr als nur zünftiges "oans, zwoa, gsuffa!", sagt der Soziologe Sacha Szabo. Hier ein Auszug aus seinem Buch.

Von Sacha Szabo

Das Außeralltägliche

Die Institution, die den Austausch zwischen Alltagswirklichkeit und Unmittelbarem zulässt, ist das Fest.

Versucht man die Leistung der Institution Fest zu bestimmen, so zeigt sich, dass dieses den gewöhnlichen Alltag unterbricht. Odo Marquard führte diese Unterscheidung noch genauer aus und versteht das Fest als „anthropologische Konstante“, als „Anthropinon“. Er schreibt: „Darum – weil der Mensch so der Lebensexzentriker ist – braucht und hat er das Fest. Sein Leben leben: das ist beim Menschen sein Alltag. Auf Distanz gehen zu seinem Leben: das ist beim Menschen das Fest. Man könnte sagen: Tiere haben nur den Alltag; sie leben. Gott hat nur den Sonntag: er schaut. Die Menschen aber haben beides: sie leben und distanzieren sich vom Leben; sie arbeiten und feiern, sie haben den Alltag und das Fest.“

Dem Fest wird ein außeralltäglicher Charakter zugeschrieben. Dadurch, dass es als exklusiv menschliche Kulturleistung gilt, wird auch deutlich, was die Leistung des Festes ist, nämlich das reflexive Bewusstsein für einen Moment zu transzendieren. Die Unerträglichkeit der Existenz gründet in der Vorstellung der Verletzlichkeit und Endlichkeit des Lebens.

Die kulturellen Systeme, die den Menschen von der Last des Wissens um die Verletzlichkeit und Endlichkeit zu befreien versprechen, sind traditionell die Religion und die Philosophie. Für diese ist das Erleben des Unmittelbaren ein Verweis auf eine andere Wirklichkeit, die das Fundament der jeweiligen Sinnordnungssysteme darstellt.

Was aber ist Sinn? Sinn entsteht, wenn der Eindruck des Unmittelbaren in eine symbolische Ordnung, eine Chronologie oder eine Erzählung überführt wird. Damit wird aus dem Unmittelbaren Wirklichkeit. Das System, das die Erzählungen vom Erleben des Unmittelbaren tradiert, ist die Religion. Die Qualität, die das Unmittelbare in diesem sakralen Kontext auszeichnet, ist das Charisma.

Charisma bezeichnet die totale Hingabe, also die Auflösung des reflexiven Bewusstseins des Menschen. Der Mensch begibt sich in eine Einheit mit seiner Umwelt, die sowohl eine Person als auch ein Objekt sein kann. Wobei damit nicht schnöde Hörigkeit oder naiver Glaube gemeint sind, vielmehr affiziert der Träger des Charismas durch sein eigenes Aus-sich-Heraustreten seine Umwelt, sich mit ihm zu vereinen. Es ist eine Form der kollektiven Ekstase.

Spannend ist nun zu beobachten, wie diese Einheit entsteht. Dieser Zustand lässt sich, gleichwohl er ein Gefühl der Vergegenwärtigung erzeugt, nicht auf Dauer aufrechterhalten. Er überfordert die Teilnehmer gleich einem Rausch. Die Teilnehmer verlassen diesen Zustand wieder, und nun wird das Erlebte in eine symbolische Erzählung übertragen. So ist das Fest ein ursprüngliches Erleben des Unmittelbaren, das als Sakrales gedeutet wird. Die Beschreibung des Erlebnisses wird zur Religion und der Zugang zum Unmittelbaren zum Ritus. An diesem Punkt tritt die rituelle Begehungsform zu dem Fest hinzu: die Feier. Beide, das Fest und die Feier, sind Begehungsformen des Unmittelbaren. Auch wenn sie eng verwandt sind, unterscheiden sie sich doch in ihrer Praxis.

Das Fest ist ungeordnet, ausufernd, körperlicher, lustvoll, sich hingebend; die Feier hingegen zeichnet sich durch symbolische Handlungen aus, ist zurückgenommen, diszipliniert, zivilisiert. Und doch sind beide Begehungsformen untereinander durchlässig. So schließt sich ein Fest häufig an eine Feier an, oder aber auf ein Fest folgt die Feier. Die gesellschaftlichen Funktionen der beiden Begehungsformen unterscheiden sich dahingehend, dass sich beim Fest eine Gemeinschaft ihrer gemeinsamen Identität versichert, bei einer Feier hingegen versichert sich die Gesellschaft ihrer Identität.

Die Leistung, die beide Formen aber hervorbringen, ist der Zugang zum Unmittelbaren. Winfried Gebhard beschreibt dies mit einem Verweis auf Max Weber als das Außeralltägliche. Das Außeralltägliche unterscheidet sich vom Alltag darin, dass es Dinge, die den Alltag kennzeichnen, aufhebt. Das was in diesen Veranstaltungen erlebt wird, ist genau die Erfahrung des Außeralltäglichen, des Charismas. Dies ist die Leistung, die diese Veranstaltungen, das Fest und die Feier, erbringen, aus diesem Grund gibt es sie.

Was aber den Alltag auszeichnet, sind die Sorgen – die kleineren Alltagssorgen sowie die existenziellen: Sorge um das Auskommen und Sorge um die Endlichkeit. Der Begriff Sorge ist hier keineswegs nur als angstvolles Tun zu verstehen, sondern auch im Sinne von Kümmern. Innerhalb der Kultur gibt es Orte, zu denen insbesondere auch die sakralen gehören, in denen Sorge für das seelische Leid der Individuen getragen wird. Die Techniken, welche dabei zum Einsatz kommen, haben zur Folge, dass das reflexive Bewusstsein für einen kurzen Moment aufgehoben wird. Im Rahmen der Ausdifferenzierung der Institutionen wird der manifeste Körper aus dem Ritus herausgedrängt und durch symbolische Handlungen ersetzt. Konkret bedeutet dies, dass der Körper, der im Jordan noch bis zur Schwelle des Todes untergetaucht und durch einen spirituellen Begleiter wieder zurück ins Leben geholt wurde, durch ein symbolisches Benetzen des Kopfes mit Weihwasser ersetzt wurde. Die Leistung, welche mittels der ursprünglichen Initiation stattfand, hob für den Moment das reflexive Bewusstsein auf und erzeugte eine totale Gegenwart.

In diesem immerwährenden Jetzt ist auch die Vorstellung von Sterblichkeit und der Verletzbarkeit transzendiert, und der Mensch befindet sich im Jenseits. Das Zurückholen aus dem Reich des Todes durch den Begleiter erzeugte eine Art Urvertrauen in die Worte des Begleiters, der seine Vertrauenswürdigkeit durch eben diesen Rettungsakt unter Beweis stellte und damit die Funktion übernahm, das Erlebte zu deuten und in eine symbolische Ordnung einzufügen. Der Begleiter gab also die Deutung vor. Dies ist der Preis, den der Proband für die sichere Begleitung zu zahlen hatte, nämlich die Aufgabe einer souveränen, selbstständigen und kreativen Deutung des Erlebten.

Der Festplatz

Seien es das Geburtstagsfest, das Osterfest, Weihnachten, Silvester, Schulfeste, Dorffeste oder fast vergessene und nur Eingeweihten bekannte Feste wie Johanni und Michaeli sowie natürlich die Volksfeste und Schützenfeste – jedes hat seinen besonderen Anlass, zu dessen Ehre und Legitimierung es begangen wird, und ein jedes trägt auch zur Identität der Teilnehmenden bei. Unter diesen Festen gibt es auch besondere, deren Charakter hauptsächlich ein feierlicher ist: Der Nationalfeiertag oder die hohen kirchliche Feiertage. Wie eng Fest und Feier miteinander verwandt sind, erkennt man daran, dass viele Feiern formell zurückgenommen beginnen, um dann in ein rauschendes Fest überzugehen.

So beginnt Weihnachten sehr besinnlich, um dann rauschhaft in die Geschenkflut einzutauchen. Die Hochzeit beginnt sehr symbolisch und wird später zu einem ausgelassenen Fest, und selbst die Beerdigung endet nach einer Phase der Besinnung und der Trauer mit einem gemeinsamen Mahl, wenngleich dies meist eines der Feste ist, bei denen dem Rausch am wenigsten gefrönt wird. All diesen Festen ist gemeinsam, dass sie an Orten stattfinden, die bezüglich ihrer Situation außeralltäglich sind, im Alltag jedoch ebenfalls genutzt werden: das Kinderzimmer am Geburtstag oder die Kirche, in der gleichermaßen Hochzeit oder Beerdigung gefeiert wird. Im Alltag scheint alles wieder seinen gewohnten Gang zu gehen. Wobei es eine Ausnahme gibt: Feste, die auf besonderen Plätzen stattfinden.

So schreibt Michel Foucault in seiner „Heterotopie“ über den Festplatz: „Der Jahrmarkt, dieser wunderbare leere Platz am Rande der Stadt und zuweilen auch in deren Zentrum, der sich ein oder zwei Mal im Jahr mit Buden, Ständen, den unterschiedlichsten Gegenständen, mit Faustkämpfern, Schlangenfrauen und Wahrsagerinnen füllt.“

Festplätze scheinen ein lokalisierter Ort des Außeralltäglichen zu sein. Denn wenn sie gerade nicht bespielt werden, scheinen sie zu ruhen, nichts findet dort statt, es scheint, als warteten sie, bis das nächste Fest beginnt.

Betrachten wir den Festplatz genauer, so ist er ein Feld, eine Wiese, manchmal ein asphaltierter Platz, weitestgehend leer, häufig außerhalb der Siedlung, manchmal aber auch zentral. Und dann – einmal, zweimal im Jahr – entsteht auf diesem Platz eine Art Abenteuerland, bunt, laut, mit Dingen, die im Alltag keinen Platz zu haben scheinen: Es ist Festzeit, und scheinbar plötzlich erwacht der Platz zu einem zauberhaften Leben. Menschen, Lärm, Getümmel, wo vor kurzem kein Leben sichtbar war; und so plötzlich, wie die kleine Stadt zum Leben erwacht ist, verschwindet sie auch wieder, und der Festplatz erliegt erneut dem Dornröschenschlaf. Damit wird der Festplatz zur konkreten Form des Festes, das in gleicher Weise urplötzlich den Alltag unterbricht und eine andere, verzauberte Wirklichkeit entstehen lässt.

Das Volksfest

Wie gewaltig die Ausmaße solch eines Heterotops sein können, zeigt sich am Münchner Oktoberfest, dem weltweit größten Volksfest. Dieses Fest hat dabei eine enorme Strahlkraft entwickelt, sodass inzwischen Oktoberfestableger auf der ganzen Welt gefeiert werden. Seinen Ursprung verdankt es den Hochzeitsfeierlichkeiten zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen im Jahr 1810.72 Im Rahmen dieser Feierlichkeiten gab es verschiedene Feiern in der ganzen Stadt, und den Abschluss bildete ein Pferderennen. Dieses Rennen war zugleich eine Referenz an das zuletzt 1786 ausgetragene Scharlachrennen im Rahmen einer „Dult“, also eines Jahrmarkts, und fand vor den Toren Münchens auf dem Sendlinger Berg statt.

Dieser Ort war also das Epizentrum. Den Festplatz prägten damals neben der Rennstrecke eine Tribüne und ein Festzelt. Das Rennen wurde feierlich mit einer Preisung des Brautpaares und des Regenten eröffnet. Schon hier wird deutlich, dass der Begriff des Volksfests auch eine funktionelle Beschreibung in sich trägt, denn eine der Gründungsintentionen dieses Festes war es, die bayerische Bevölkerung enger an das erst 1806 gegründete Königreich zu binden und so die Identität des Volkes zu seinem Souverän zu festigen.

Dieses Rennen und ein zugleich ausgerichtetes Preisschießen etablierten sich über die Feierlichkeiten hinaus, wurden allerdings in eine Landwirtschaftsausstellung umgewidmet, um dadurch „das vermeintlich Zweckfreie der Könighuldigung mit dem Nützlichen zu verbinden“, wie es Gerda Möhler in ihrem 1985 erschienenen Buch über das Oktoberfest formulierte.

Jede Region des jungen Königreiches nahm an dieser Leistungsschau teil, was einer bayrischen Nationalidentität förderlich war. Dass sich dieses Fest tradierte, hieß aber nicht, dass es nicht auch Unterbrechungen gab, denn schon die zweite Wiesn fiel wegen der Napoleonischen Kriege aus und immer wieder sorgten Krankheiten und Kriege für Unterbrechungen.

Die Bezeichnung Wiesn stammt im Übrigen von der Bezeichnung Theresienwiese für das Areal und nimmt Bezug auf den Namen der Braut: Kronprinzessin Therese. Obwohl diese Veranstaltung kein ausschweifender Rummelplatz werden, sondern vielmehr die bayerische Nation angemessen und würdig feiern sollte, veränderte sich der Charakter dieser Feier langsam, aber kontinuierlich in Richtung eines ausgelassenen Festes. Einfache Spiele wie Baumklettern, Sackspringen, Kegeln und verschiedene andere Wettbewerbe dienten der Unterhaltung des gemeinen Volkes. Bereits 1818 wurde das erste Karussell aufgestellt und nach und nach kamen weitere Volksbelustigungen hinzu.

Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits an Schenken Bier verkauft. So wuchs das Fest – unter dem Schutz der 1850 errichteten 20 Meter hohen Bavaria-Statue – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts beständig weiter. Ein wichtiges Datum ist das Jahr 1871, denn in diesem Jahr wurde zum ersten Mal ein besonderes Bier, das Märzenbier im Bierzelt Schottenhamel ausgeschenkt, das zum typischen Oktoberfestgetränk avancierte. Der Gastronom Georg Lang errichtete 1898 die erste Bierhalle, in der eine Blaskapelle für Stimmung sorgte.

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt dieses Fest also bereits den Charakter, für das es heute so berühmt ist. Einerseits Bierhallen und Festsäle und andererseits Fahrgeschäfte und Schaubuden. Mit der Verlegung in den Spätsommer wurde es zusätzlich auch noch um ein paar Tage verlängert. Wie um einen Kristallisationskeim lagerten sich weitere Volksbelustigungen und Bierzelte an, und die vorhandenen wuchsen ins Gigantische.

Im 20. Jahrhundert etablierte sich dieses Fest, wenngleich Kriege und Wirtschaftskrisen markant in die Chronologie einschnitten. Auch im Dritten Reich bleib es, von den Nationalsozialisten vereinnahmt, bestehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Tradition wieder aufgegriffen; 1949 fand wieder ein Oktoberfest statt und entwickelte sich über die Jahrzehnte zu dem Großfest, das heute Besucher aus der ganzen Welt anzieht.

Was ist es aber, was dieses Fest so besonders werden ließ? Das Oktoberfest zeichnet sich im Unterschied zu vielen kleineren Kirmessen auch dadurch aus, dass die Bierzelte und nicht allein nur die Fahrgeschäfte den Platz dominieren. Das Bier spielt also eine zentrale Rolle. Als Rauschmittel sorgt es für eine gelockerte Stimmung, die bekanntermaßen auch schnell ins Gegenteil kippen kann. Und – so sagt man – es gehört eben auch eine anständige Rauferei zu einem gelungenen Wiesn-Besuch.

Dieser ganze außeralltägliche Ort wird sozial durch die unterschiedlichsten Rituale gegliedert. Brigitte Veiz arbeitete in ihrem Buch „Oktoberfest. Masse, Rausch und Ritual“ all die kleinen Handlungen heraus, die in den Mikrokosmen der Bierzelte stattfinden. Der Alkohol, der die Stimmung lockert und die Normen des Alltags herunterbricht, und die Musik, die zum Mitsingen und Mitschunkeln einlädt, sorgen dafür, dass sich das vereinzelte Subjekt in der Masse transzendiert.

Gegliedert wird dieser Ort der Ekstase durch die verschiedenen kleinen Interaktionsrituale, den Trink-, Ess- und Singspielen, und eingerahmt wird er durch die festen rituellen Traditionen. Dem Einzug der Wiesenwirte folgt der Fassanstich durch den Oberbürgermeister („O’zapft is!“) und einige Zeit später reiht sich eine weitere Prozession an: der Trachten- und Schützenumzug, dem das Münchner Kindl vorangeht. Das ganze Geschehen scheint einer strengen Liturgie zu folgen, in der Hopfen und Malz gepriesen werden. Treffend bezeichnet Veiz das Oktoberfest deshalb als bavarisch-dionysische Veranstaltung.

Bierzelt und Fahrgeschäfte erlauben dem Besucher fast sofortige Lusterfüllung. Auch sind die gesellschaftlichen Normen, die das zwischenmenschliche Miteinander im Alltag regeln, hier für einen Moment außer Kraft gesetzt. Nicht mehr Triebverzicht und Anstand, sondern Lust und Ekstase sind die Leitprämissen an diesem außeralltäglichen Ort.

Wie viele andere Heterotope hat auch dieser Festplatz seinen Ort, der durch Tore abgegrenzt von der Welt des Alltags ist, und seine eigene Zeit, nämlich die Wiesn-Zeit.

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