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Gartenzwerge: Das ist doch der Zipfel!

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Zu Zeiten des Barock kamen Zwerge groß raus, und so legten viele Fürsten einen sogenannten Zwergengarten an.
Zu Zeiten des Barock kamen Zwerge groß raus, und so legten viele Fürsten einen sogenannten Zwergengarten an. © jala / Photocase

Wenn alles blüht, darf der Deutschen liebstes Outdoor-Accessoire natürlich nicht fehlen. Aber wem haben wir eigentlich die massenhafte Existenz von Gartenzwergen zu verdanken?

Sie waren klein, sie waren fleißig, und sie trugen eine Zipfelmütze: Nein, hier sind nicht etwa Gartenzwerge gemeint, sondern ihre großen Vorbilder, die Bergleute – sofern das Wort „groß“ in diesem Zusammenhang überhaupt angemessen ist. In den Anfangstagen des Bergbaus waren die Bergleute alles andere als groß. In den niedrigen und engen Stollen schufteten vor allem kleine Menschen und oft auch Kinder unter lebensgefährlichen Bedingungen. Es ist also kein Zufall, dass Schneewittchens sieben Zwerge in einem Bergwerk arbeiteten.

Einer der wichtigsten Ausrüstungsgegenstände der frühen Bergmänner war die Zipfelmütze – kein Scherz. Sie schützte vor herabtropfendem Wasser sowie herunterfallendem Sand, und der Zipfel zeigte seinem Träger zuverlässig an, wie weit es noch bis zur Stollendecke war. Wenn man den Hohlraum, der sich unter der Mütze befand, mit Stoff auspolsterte, konnte der Kopf zudem vor kleineren herabfallenden Steinen und einem schmerzhaften Stoß an die Stollendecke bewahrt werden.

Eines der wichtigsten Vorbilder für den Gartenzwerg: die Karikatur

Neben der Zipfelmütze hatten die Bergleute damals natürlich auch ihr Arbeitsgerät dabei: Schaufel, Spitzhacke, Schubkarre und Grubenlampe. Wer denkt da nicht an einen typischen Gartenzwerg? Es gibt aber noch ein weiteres wichtiges Vorbild für die modernen Gartenzwerge: die Karikatur. Jacques Callot, der lothringische Hofmaler Cosimos II. de’ Medici am Hofe zu Florenz, war von den Vorführungen kleinwüchsiger Komödianten und Hofnarren so sehr begeistert, dass er Anfang des 17. Jahrhunderts eine Reihe von Radierungen schuf, die derart erfolgreich waren, dass sie Kunstschaffenden in ganz Europa als Inspiration für eigene Bilder und Skulpturen dienten und noch heute dienen.

Zu Callots Zeiten – und überhaupt im Barock – kamen Zwerge groß raus, und so legten viele Fürsten einen sogenannten Zwergengarten an. Der „Zwergerlgarten“ von Schloss Mirabell in Salzburg etwa ist der älteste derartige Garten in Europa. In dem Mirabellengarten stehen auch heute noch einige der ursprünglich 28 Zwerge mit einer Größe von etwa 1,20 Meter bis 1,35 Metern, die ab 1690 nach Plänen des österreichischen Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach aus Marmor geschaffen wurden.

Sehen Gartenzwerge nicht auch ein bisschen aus wie die Schlümpfe?

Als im Zuge der Aufklärung alles Groteske aus der Mode kam, erfreuten sich die Zwerge in den damals entstehenden Märchensammlungen zunehmender Beliebtheit. Nicht zuletzt dank Schneewittchen und den sieben Zwergen der Brüder Grimm hält diese Popularität bis heute an. Zwar hatten schon im 18. Jahrhundert einige Porzellanmanufakturen damit begonnen, einzelne Zwerge für die adeligen Ziergärten herzustellen, aber ihren Siegeszug rund um die Welt begannen die Zipfelmützenträger erst im 19. Jahrhundert dank günstigerer Materialien wie Holz, Terracotta, Ton und Gips sowie billigerer industrieller Serienproduktion, die die Preise purzeln ließ. Thüringen und die dort ansässigen Unternehmen wurden dabei zu einer Art Hotspot der weltweiten Gartenzwergherstellung.

Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren verhalfen auch die weltweit erfolgreichen Schlumpf-Comics des belgischen Zeichners Pierre Culliford den Gartenzwergen zu steigender Popularität – was allerdings wenig daran änderte, dass sie hartnäckig auch mit Kleinbürgertum und Spießigkeit in Verbindung gebracht werden. In den 1980er Jahren entstanden Designerfiguren und die „Shocking-Gartenzwerge“ in provozierenden Posen, mit entblößtem Hinterteil, einem Messer im Rücken oder als karikierende Nachbildung von Politikern.

Bei den Materialien haben längst billige Kunststoffe sowie wasserfest bemalter Gips die Oberhand gewonnen. Und viele der „typisch deutschen“ Gartenzwerge kommen aus China. Wenn es sich dabei um eines der unzähligen Plagiate handelt, geht dem Originalhersteller aber schnell mal die Zipfelmütze hoch.

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