Bushido

Ein Gangster kann nicht ironisch sein

Der Rapper Bushido unterliegt vor dem Verwaltungsgericht Köln – sein Album „Sonny Black“ bleibt auf dem Index.

Von Christian Bos

Die Flucht nach vorne ist gescheitert: Das Album „Sonny Black“ des sogenannten Gangsta-Rappers Bushido bleibt auf der Liste der jugendgefährdenden Medien; in Abwägung mit der Kunstfreiheit hat der Jugendschutz gewonnen. Das hat das Verwaltungsgericht Köln am Freitag entschieden. Die Bundesprüfstelle hatte die im Februar 2014 erschienenen CD im April 2015 auf den Index gesetzt. Es könne auf gefährdete Jugendliche sozial-ethisch desorientierend wirken, bediene sich durchweg einer verrohten Sprache, diskriminiere Frauen und Homosexuelle und verherrliche einen kriminellen Lebensstil.

Die von Bushido gewollte Abgrenzung von der Gesellschaft funktioniert dank der Texte zwar, aber seit der Indizierung dürfen die minderjährigen Fans „Sonny Black“ nicht mehr kaufen. Bushido hatte dagegen geklagt und war am Freitag unterlegen. Er blieb dem mündlichen Verfahren fern.

Am Ende, so der Vorsitzende Andreas Vogt, laufe es auf eine Abwägung zwischen Kunstgehalt und jugendgefährdenden Inhalt des Albums hinaus. Das jugendliche Zielpublikum des Albums, rekapitulierte Vogt die Klage, sei mit den Eigenarten des Gangsta-Genres vertraut, nehme die indizierten Texte folglich nicht wörtlich, sondern als Äußerungen einer fiktiven Gangster-Figur. Auch das Argument der Bundesprüfstelle, dass keine ironische Distanz zu den beanstandeten Äußerungen zu erkennen sei, verfange nicht, so der Anwalt des Klägers. Die Rollenfigur eines Gangsters dürfe ja gerade nicht von Ironie geprägt sein.

Das Verwaltungsgericht hat die Indizierungsentscheidung nun bestätigt“: Die Inhalte das Albums seien jugendgefährdend. Die Wirkung bestehe auch, wenn man berücksichtige, dass es sich um die Inszenierung einer Rollenfigur handele. Die Interessen des Jugendschutzes seien höher zu gewichten als die Kunstfreiheit. Zudem das Album durch die Indizierung ja nicht vollständig verboten werde.

Ironie und Bushido: Das passt in der Tat nicht zusammen. Mit seinem Album „Vom Bordstein zur Skyline“ hatte Bushido – bürgerlich Anis Mohamed Yussuf Ferchichi – 2003 den deutschen Gangsta-Rap als ernstzunehmendes Genre erst etabliert. Der Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers war damals kein begnadeter Stilist, aber er verkörperte umso glaubwürdiger die Härte der Straße und des halbkriminellen Milieus. Schon damals wurden wegen Bushidos genretypischer rassistischer, sexistischer und gewalttätiger Texte Rufe nach Indizierung laut. Es kam nicht dazu. Stattdessen mühte sich der deutsche Mainstream, diesen lautstarken Vertreter einer bislang stimmlosen Minderheit zu umarmen. Einladungen in Talkshows, ein von Bernd Eichinger produzierter Kinofilm, ein Praktikum bei einem Bundestags-Hinterbänkler von der CDU, ein Bambi für Integration folgten. Und mit ihnen ein schleichender Relevanzverlust des Gangsta-Rappers.

Flucht nach vorne

Der fand sich zwischen allen Stühlen wieder, als die Medien zunehmend seine engen Verbindungen zur Berliner Großfamilie Abou-Chaker thematisierte, der mafia-ähnliche Strukturen nachgesagt werden. Das strittige Album „Sonny Black“ kann man als eine Art Flucht nach vorn beschreiben. Die Integration ist gescheitert, war möglicherweise nie gewollt, das Gangster-Image dafür glaubwürdig wie nie zuvor.

Das Pseudonym Sonny Black – es ist dem Mafia-Drama „Donnie Brasco“ entlehnt – hatte Bushido bereits auf seinem erstem Album „Carlo, Cokxxx, Nutten“ verwendet. An dessen raue Töne soll „Sonny Black“ wieder anknüpfen. Das lässt sich schwer überhören, als nun im Saal 55 des Verwaltungsgerichts noch einmal der erste und der abschließende Track des Albums vorgespielt wird, in beträchtlicher Lautstärke. Das Auftaktstück trägt den schwer zu überhörenden Titel „Fotzen“ und beginnt mit den Zeilen „Wenn der Benz anspringt und die Reifen wieder qualmen/ Bin ich auf der Jagd nach euch . . .“ – na ja, so oft wollen wir das Wort hier auch nicht drucken.

Der Titel, sagt Bushidos Anwalt Mirko Lenz, sei ein ausgezeichnetes Beispiel: „Es geht hier ausschließlich um Gangsta-Rapper und darum, dass Bushido so viel besser ist als alle anderen Rapper, dass er gar nicht dazugehört.“ Außerdem sage er ja im zweiten vorgespielten Stück „Nie ein Rapper II“: „Ich hab‘ ein Image kreiert“. Die anschließende Zeile lautet übrigens: „Und mich niemals integriert.“ Gegen das Urteil kann Berufung am Oberverwaltungsgericht in Münster Berufung eingelegt werden. Marc Lieschinger, Anwalt der Bundesprüfstelle, geht fest davon aus: „Wir sehen uns dann in Münster wieder“, verabschiedete er seinen Prozessgegner.

Das OVG hatte bereits die Indizierung des umstrittenen Bushido-Songs „Stress ohne Grund“ aufgehoben. Der enthält unter anderem die Textzeile „Ich schieß auf Claudia Roth und sie kriegt Löcher wie ein Golfplatz“.

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