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Die Polizei ermittelt im Leidseplein im Zentrum von Amsterdam. Hier feuerte ein Unbekannter auf de Vries. Evert Elzinga/ANP/dpa
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Die Polizei ermittelt im Leidseplein im Zentrum von Amsterdam. Hier feuerte ein Unbekannter auf de Vries. Evert Elzinga/ANP/dpa

Attentat in Amsterdam

Furchtloser TV-Fahnder

  • Peter Riesbeck
    VonPeter Riesbeck
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In den Niederlanden wird der Kriminalreporter Peter R. de Vries auf offener Straße niedergeschossen. Die Menschen sind schockiert – und plötzlich ist Sicherheit wieder ein Thema

Der Mann gab sich stets unbeeindruckt. Wann er das letzte Mal Angst gehabt habe, wollte ein Freund von Peter R. de Vries wissen. „Ganz ehrlich? Als ich mit meinem Schulzeugnis heimgekommen bin“, war die lapidare Antwort.

Furcht ist nicht die Sache von Peter R. de Vries, 64, bekanntester Kriminalreporter der Niederlande. Wobei es Journalist nicht ganz trifft. De Vries ist TV-Fahnder. Eigenhändig spürte er in Südamerika Hintermänner der Entführung des Brauereikönigs Freddy Heineken auf, die Überführung des Mörders der US-Collegeschülerin Natalee Holloway brachte ihm gar einen „Emmy“ ein.

De Vries legte sich mit jedem an. Das machte ihn für viele in den Niederlanden zum letzten Kämpfer für Recht und Ordnung. Für andere war der Privatfahnder schlicht lästig. Am Dienstagabend wurde De Vries in Amsterdam auf offener Straße niedergeschossen. Fünf Kugeln trafen ihn, mindestens eine davon am Kopf. De Vries ringt um sein Leben.

Zwar wurden unmittelbar nach der Tat drei Verdächtige festgenommen. Doch geht es bei dem Attentat um mehr als einen Kriminalfall. Der niederländische König Willem-Alexander sprach bei seinem Staatsbesuch in Berlin von einem „Anschlag auf den Rechtsstaat“, Premier Mark Rutte sah ein „Attentat auf die freie Presse“ und Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema nannte die Tat ein „brutales, feiges Verbrechen“.

Die Polizei hat noch in der Nacht drei Festnahmen vermeldet. Dabei handelt es sich um einen 21-jährigen Niederländer aus Rotterdam sowie einen 35-jährigen EU-Bürger aus Polen. Nach Angaben der Polizei soll einer der beiden die Schüsse auf de Vries abgegeben haben. Ein 18-jähriger Niederländer aus Amsterdam wurde inzwischen wieder freigelassen.

Rache eines Überführten?

reaktion des DJV

Nach Einschätzung des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV) zeigt das Attentat auf Peter R. de Vries: Es ist lebensgefährlich, über das organisierte Verbrechen zu berichten. DJV-Chef Frank Überall sagte am Mittwoch: „Umso wichtiger ist es, dass Journalisten mit Themenschwerpunkt ‚organisierte Kriminalität‘ umfassend geschützt werden.“ Laut Überall sollte „mit dem Attentat kritischer und mutiger Journalismus mundtot gemacht werden“. Seiner Ansicht nach sei das der „gezielte Versuch“ gewesen, „Journalistinnen und Journalisten einzuschüchtern, die über organisierte Kriminalität berichten.“ dpa

Ebenfalls noch in der Nacht zu Mittwoch gab es Hausdurchsuchungen in Rotterdam sowie Tiel und Maurik, zwei Städten in der Provinz Gelderland. Dabei wurden Waffen und Munition sichergestellt. Die Spur nach Maurik, wo auch der 35-jährige Verdächtige wohnt, weist auf Verbindungen zum Marengo-Prozess. Ridouan T., der Hauptbeschuldigte in dem Verfahren, unterhält dort noch aus seiner Jugendzeit mehrere Freundschaften.

Freunde hatte sich de Vries mit seiner Arbeit wenige gemacht. Mit Anfang dreißig gab er seinen Job als Polizeireporter beim Boulevardblatt „De Telegraaf“ auf, machte sich zunächst mit einem Crime-Magazin einen Namen, um später eine eigene Kriminalsendung im Fernsehen zu starten: „Peter R. de Vries, misdaadsverslaggever“ – Peter R. de Vries, Polizeireporter. Die Sendung hatte Ähnlichkeiten mit dem deutschsprachigen TV-Format „Aktenzeichen xy ungelöst“. Bei Eduard Zimmermann und Rudy Cerne ermitteln Polizisten im Auftrag des Staates, de Vries aber ging im Privatsender SBS6 selbst in die Spur. Mitunter mit zweifelhaften Mitteln. Das Verschwinden der US-Schülerin Natalee Holloway auf der niederländischen Antilleninsel Aruba klärte er 2008 mit einem verdeckten Ermittler auf. Der gab dem Verdächtigen zunächst einen Joint zur Entspannung und entlockte ihm dann ein Geständnis – alles aufgezeichnet auf Band. Sieben Millionen Zuschauer mochten das im niederländischen Fernsehen sehen, eine Tour durch US-Shows folgte. Vries bekam die Schlagezeilen. Und einen Emmy.

Im Volk beliebter Kämpfer

De Vries handelte, wo der Staat scheinbar nur zuschaute. Das kam gut an in einem Land, dessen Justiz von vielen als zu nachgiebig angesehen wird. Opportunitätsprinzip heißt die juristische Formel, wonach niederländische Ermittler:innen kleinere Vergehen auch ohne Verfahren einstellen können. Die Justiz soll das entlasten, bei den Opfern von Kleindelikten sorgt dies für gewaltigen Unmut. Ist die erste Aufgabe des modernen Staates nicht auch schon in den Schriften von Thomas Hobbes die Sicherheit? In den Niederlanden führte das zu Beginn des Jahrhunderts zu einer heftigen Debatte. Der Rechtspopulist Pim Fortuyn entdeckte das Thema innere Sicherheit und auch de Vries kokettierte damals mit der Politik. Ernsthaft eingestiegen ist er aber nie.

Die Liste seiner Erfolge war ohnehin zu lang. Seine Recherchen rund um die Heineken-Entführung brachte de Vries 1987 in einem Buch heraus, das Hollywood verfilmte. Heineken-Entführer Frans Meijer spürte er 1994 in Paraguay auf. Mit dessen Komplizen Cor van Hout verband ihn später eine Freundschaft. Nach dessen gewaltsamen Tod 2003 gab de Vries eine Todesanzeige auf, „Das Verbrechen führte uns zusammen, das Verbrechen hat uns getrennt“. Nicht alle waren davon begeistert.

De Vries tauchte tief ein in die Geheimnisse der Amsterdamer Unterwelt. Zum Leidwesen auch der Königsfamilie. Die Verbindung der angehenden Prinzen-Gemahlin Mabel Wisse Smit mit einem stadtbekannten Kriminellen brachte de Vries 2003 ans Licht. Der Palast war nicht erfreut, geheiratet wurde dennoch.

Seine Sendung gab De Vries vor neun Jahren auf, der Verbrecherjagd blieb er treu. Zuletzt beschäftigte er sich mit dem Marengo-Prozess, einem Mammutverfahren gegen mehr als zehn Beschuldigte eines Amsterdamer Drogenkartells. De Vries hatte Kontakt zum Kronzeugen des Verfahrens. Spätestens nachdem dessen Anwalt vor zwei Jahren hingerichtet worden war, galt auch de Vries als gefährdet.

„Er ist ein nationaler Held“, sagte Amsterdams Bürgermeisterin Halsema nach dem Anschlag. De Vries kämpft im Krankenhaus weiter um sein Leben. Die Debatte über die innere Sicherheit in den Niederlanden hat erst begonnen.

Der niederländische Kriminalreporter Peter R. de Vries kommt im Januar 2008 zu einer Live-Sendung. Peter Dejong/AP/dpa

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