+
Mitte Februar 2012: Ein Journalist geht durch die Straßen von Okuma, einem evakuierten Dorf innerhalb der 20-Kilometer-Zone um den havarierten Reaktor von Fukushima.

Katastrophe in Japan

Aus Fukushima lernen

Ein Jahr nach nach Japans "Nine-eleven" hält der Inselstaat an der Kernenergie fest, da ein kurzfristiger Ausstieg technisch unmöglich ist. Doch Kernkraftgegner können hoffen - unter der Oberfläche brodelt es und langsam gewinnt Japan Vertrauen in die erneuerbaren Energien.

Von Joachim Radkau

Wer über ein Thema schreibt, das nach einer tönenden Botschaft ruft, sucht gerne nach Knalleffekten. Der Standard-Gag vieler deutscher Artikel nach Fukushima war die Paradoxie, dass ausgerechnet die Japaner, die von der Katastrophe am stärksten betroffen waren, die geringste Betroffenheit zeigten. Daran knüpften sich in typischen Fällen nicht gerade schmeichelhafte Betrachtungen über das japanische Wesen: die Art und Weise, alles Schlimme mit einem undurchdringlichen Lächeln zu verleugnen.

Nun, wer sich in Japan umgeschaut und westliche Japan-Literatur über Jahrzehnte verfolgt hat, wird mit Reiseführer-Klischees über das „typisch Japanische“ immer vorsichtiger, schon gar, wer nach Fukushima über längere Zeit mit Japanern in Kontakt steht. Daran, dass diese Katastrophe das „Reich der aufgehenden Sonne“ bis ins Mark erschüttert hat, ist nicht zu zweifeln. Die offizielle Bezeichnung lautet seit einem Kabinettsbeschluss vom 1. April 2011 „Großes Ostjapanisches Erdbeben“, und auch hiesige Atomkraft-Apologeten pflegen daran zu erinnern, dass die Schreckensbilder aus der Fukushima-Region zum allergrößten Teil von den Naturkatastrophen – dem Erdbeben und Tsunami – herrühren, nicht von dem nuklearen Desaster (natürlich nicht: Radioaktivität ist unsichtbar!). Aber auch in Japan weiß man, dass derartige Naturereignisse erst durch Menschenwerk zu Katastrophen werden.

Ein Spezialreport der Japan Times trägt den Titel „3.11“: Fukushima als japanisches Pendant zu dem „Nine-eleven“ der USA. Dort ist zu lesen, dass Ryohei Morimoto, ein Doyen der japanischen Erdbebenforschung, die Schutzbehauptung der japanischen Regierung, man habe einen Tsunami von solcher Höhe nicht vorhersehen können, als „lächerlich“ abtat. Diese Behauptung sei durch die Erdbebengeschichte spielend zu widerlegen; man habe die „Lehren der Geschichte“ missachtet. Hitoshi Yoshioka, der Historiker der japanischen Atomwirtschaft, prophezeite schon 1999, nachdem sich in japanischen Kernkraftwerken – und zwar ohne Erdbeben und Tsunami! – bereits eine Kette bedenklicher Störfälle ereignet hatte: „Falls in Zukunft ein größerer Störfall geschehen sollte, würde die japanische Regierung keine andere Wahl haben, als die Produktion von Kernenergie einzustellen.“

Yoshioka verfügt über viel Insider-Kenntnisse und weiß, dass das Vertrauen in die Kernenergie auch innerhalb der japanischen Eliten nicht unerschütterlich war und ist. Wird seine Prophezeiung in Erfüllung gehen – wenn nicht sofort, so doch auf die Länge der Zeit? Deutsche Erfahrungen zeigen, dass man in solchen Dingen einen langen Atem haben muss – damit pflege ich japanische Kernkraftgegner zu trösten. Auch einige Zeit nach Tschernobyl verbreitete sich in der bundesdeutschen Anti-AKW-Szene Frustration: „Es hat alles keinen Sinn; in Deutschland bewegt sich nichts.“ Der Eindruck täuschte; in Wirklichkeit waren die Dinge sehr wohl in Bewegung geraten. Auch in Japan wird man Geduld haben müssen; ein kurzfristiger Ausstieg ist diesem Inselreich, das weder über große Braunkohlenlager noch über ein EU-Stromnetz verfügt, technisch unmöglich. Gegenwärtig scheint es vorwiegend der Mangel an greifbaren Alternativen zu sein, der der Kernkraft nach wie vor den Schein der Unvermeidlichkeit gibt.

„Japans schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“

Aber man erinnere sich: Bis zu Fukushima war „Renaissance der Kernenergie“ die Parole, die weltweit in den Medien grassierte, auch in Japan, wobei die Gefährdung des Klimas als Totschlagargument gegen Kernkraft-Kritiker herhalten musste. Das ist heute passé – darauf verweist selbst ein voluminöser Sammelband „Re-imagining Japan – The Quest for a Future That Works“, der von der nicht gerade für Umweltbewusstsein berühmten McKinsey Company herausgegeben ist und – in der Essenz vor Fukushima entstanden – noch eilig auf die neue Situation umgekrempelt wurde. Viele prominente Japaner haben zu dem Band beigetragen, und er liegt gegenwärtig stapelweise in japanischen Buchhandlungen. Heang Chor, Chef von McKinsey Japan und Initiator des Sammelwerkes, schließt mit dem Resümee, mit Recht habe Premierminister Naoto Kan die Folgen von Fukushima „Japans schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“ genannt, und mit Sicherheit werde der Langzeit-Effekt für die Nuklearindustrie „tiefgreifend“ sein. Derartiges von höchster Stelle will etwas heißen. Ein Entwicklungsingenieur eines japanischen Konzerns, der bislang am Bau von Kernkraftwerken beteiligt war, bekannte mir unter vier Augen, viele seiner Kollegen seien tief getroffen, und es sei Japans schwerer Fehler gewesen, trotz seiner High-tech-Spitzenposition in der Solartechnik den Anschluss zu verlieren.

Heute schauen japanische Kernkraft-Kritiker bewundernd auf Deutschland, und immer wieder wird man gefragt, wo das Erfolgsgeheimnis ihrer deutschen Mitstreiter liege. Ein von mir verfasster Überblick über die Geschichte des deutschen Atomkonflikts erschien in Übersetzung in der japanischen Zeitschrift Misuzu, und Chizuko Ueno, eine in der dortigen Öffentlichkeit sehr bekannte feministische Soziologin, schrieb dazu in ihrem Blog: „Im Artikel ist zu erfahren, warum die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland Erfolg und in Japan nicht hatte. Bei der Lektüre habe ich mich in den Hintern gebissen.“ Dennoch gibt es keinen Grund zu deutscher Selbstgefälligkeit; darauf hat gerade Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, in einem exzellent informierten Fukushima-Artikel in den Blättern für deutsche und internationale Politik eindrücklich hingewiesen. Wer die Geschichte kennt, findet im eigenen Land Pendants zu japanischen Fehlleistungen. Und die bundesdeutschen Kernkraftgegner hatten es leichter; denn hier gibt es reichlich Kohle, und in den 1970er-Jahren, auf dem ersten Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung, gab es noch keinen Alarm um das Klima.

Deutsche Kernkraftgegner, die nach Hiroshima reisten – allen voran Petra Kelly – , waren empört, wenn sie im Erdgeschoss der Gedenkstätte an die Opfer des Atombombenabwurfes eine Werbeausstellung für die zivile Kernkraft sahen. Aber auch für deutsche Intellektuelle verkörperte das „friedliche Atom“ bis in die 1970er-Jahre die Gegenwelt zur Bombe. Das war das Erbe des Göttinger Manifests vom April 1957, in dem führende deutsche Atomphysiker die atomare Bewaffnung der Bundeswehr kritisierten – auf diese Weise wurden sie zu Helden der Linksintelligenz – und sich zugleich emphatisch zur Förderung der „friedlichen“ Kernenergie bekannten. Auch hierzulande wurde erst allmählich wiederentdeckt, dass der genetische Zusammenhang in diesem technologischen Geschwisterpaar fortwirkt und Adenauer die Kerntechnik vor allem deshalb wollte, weil er in Kooperation mit Frankreich die Option für einen deutschen Atomwaffenbau zu öffnen suchte. Erst 1960, als ausgerechnet sein Freund de Gaulle solche Pläne brüsk in den Papierkorb befördert hatte, fluchte „der Alte“, „die ganze verdammte Atomgeschichte“ habe allen das Hirn vernebelt.

Aus Hiroshima ließ sich ein Argument für den Atombombenbau machen

Was mir erst durch japanische Kontakte klar wurde: In japanischen Regierungskreisen bestanden derartige Hintergedanken fort. Denn aus Hiroshima ließ sich auch ein Argument für den Atombombenbau machen. Man komme nicht zu schnell mit „typisch japanischen“ Samurai- und Harakiri-Traditionen: Selbst Theodor Heuss, sonst alles andere als ein Kalter Krieger, konterte die Kritik seines Duzfreundes Albert Schweitzer an der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr mit der Frage: „Hätten die Amerikaner 1945 Atombomben auf Japan abgeworfen, wenn die Japaner selber die Atombombe besessen hätten?“ Und man vergesse nicht: Das heutige Japan hat es schwerer als die Bundesrepublik; es steht in Ostasien nahezu allein. Als ich einen japanischen Kollegen fragte, ob nicht auch in Ostasien die Aussicht auf ein Pendant zur EU bestünde, erwiderte dieser traurig, leider nein: Dazu müsse sich ein japanischer Regierungschef überwinden und etwas Ähnliches tun wie einst Willy Brandt, als er vor dem Warschauer Mahnmal kniete; aber daran sei nicht zu denken. Noch in den 1980er-Jahren konnte Japan unter Nakasone mit neuem Selbstbewusstsein als „unsinkbarer Flugzeugträger“ der USA auftrumpfen; inzwischen ist China, der neue Gigant, für Washington viel wichtiger geworden.

Dass die Kernenergie hochriskant ist, braucht man heute keinem intelligenten Japaner mehr beizubringen; der entscheidende Punkt ist der, dass Japan Vertrauen zu den erneuerbaren Energietechniken gewinnt – und dass sich dort Akteurskoalitionen finden, die die renewables voranbringen. Davon hängt alles ab; aber das war auch in Deutschland nicht anders. Zwar gehört es hier seit über dreißig Jahren zur ecological correctness, der Wind- und Solarenergie Lippenbekenntnisse zu leisten; aber man denke an die Film-Parodie von 2005 auf die Alt-Ökos „Der Tag, an dem Bobby Ewing starb“, wie da in der Anti-AKW-Kommune ein dümpelndes Windrad zur Not eine flackernde Glühbirne antrieb, um sich zurückzuerinnern, dass es auch hier lange Zeit nicht leicht war, an die „Erneuerbaren“ zu glauben. Da traf Fukushima auf eine ganz andere Situation als ein Vierteljahrhundert zuvor Tschernobyl: Nun waren die renewables zu einer ökonomischen Macht geworden; und dass sich bei den Solarzellen eine wilde Konkurrenz zwischen Deutschen und Chinesen entwickelt hat, ist zwar für manche Solarfirmen unerfreulich, aber doch ein untrügliches Indiz dafür, dass es die Solarenergie wirklich gibt – und dass sie attraktiv, machtvoll, zukunftsträchtig ist.

Phänomenale Energie beim Vorpreschen

Als Historiker erinnere ich frustrierte japanische Freunde gerne an die japanische Geschichte. Da findet man seit den Meiji-Reformen ab 1868 wiederholt das gleiche Grundmuster: Lange Zeit ein zäher Traditionalismus, ein nach außen monolithischer Block der Eliten; endlich aber, wenn es nicht mehr zu leugnen ist, dass der bisherige Weg bergab führt, eine phänomenale Energie beim Vorpreschen in eine neue Zukunft. Während der Umweltschutz 1970, im Jahr der „ökologischen Revolution“, in Bonn vom Bundesinnenministerium erfunden wurde, war es in Tokyo der Druck von unten, der Ansturm der Opfer, der dazu führte, dass zuerst die Gerichte, dann auch die Spitzen von Regierung und Industrie das Steuer drastisch herumwarfen und es dahin brachten, dass Japan selbst den Deutschen zeitweise zum umweltpolitischen Vorbild wurde.

Allerdings nur auf bestimmten Sektoren, nicht in der Kerntechnik. Auch da hat es vor allem seit 1995, dem schweren Störfall in dem japanischen Brüter bei Monju, an Protesten nicht gefehlt – man denke nicht, in Japan gäbe es keine „Zivilgesellschaft“! – ; aber diese blieben bis Fukushima meist lokal und disparat. Es gab die Proteste lokaler Bauern und Fischer, junger Mütter, oppositioneller Politiker, wissenschaftlicher Dissidenten; was jedoch fehlte, war die Vernetzung, national wie international – und diese ist wichtig; das ist eine Quintessenz der deutschen Erfahrungen. Nun, heute brauchen sich japanische Kernkraft-Kritiker nicht mehr allein zu fühlen. Sie täten gut daran, die Öffentlichkeit daran zu erinnern, dass auch die Reform-Energie zur japanischen Tradition gehört. Die bloße Tatsache, dass Japan, das einstige Spitzenland der Elektronik, Roboter zur Untersuchung des zerstörten Reaktorkerns von auswärts importieren musste, wirft ein Licht darauf, in welchem Maße der Tepco-Atomkomplex vom Geist der Innovation verlassen ist. Kein Zweifel: Die Energiewende braucht neue Akteure – nicht nur in Japan!

Joachim Radkau, Jahrgang 1943, ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bielefeld. Seine Schwerpunkte sind Technik- und Umweltgeschichte, Medizin- und Mentalitätengeschichte. Er habilitierte 1980 mit einer Studie über „Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft“. Zusammen mit Ingrid Schäfer schrieb er „Holz – Ein Naturstoff in der Technikgeschichte“. Zuletzt erschien: „Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte“ (Verlag C.H. Beck).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion