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Kernkraftwerk Fukushima Daiichi
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Droht der Welt ein neues Fukushima? Die Atomkraftwerke in Japan gelten als unsicher.

Brisante Vorhersage

Experte prophezeit weitere Nuklearkatastrophe wie in Fukushima

  • Tobias Möllers
    vonTobias Möllers
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Der Mann, der die größte Atomkatastrophe seit Tschernobyl vorhersagte, sieht die Gefahr für ein weiteres Fukushima. Vor allem ein Land sei gefährdet.

Tokio - Toshio Kimura ist der Nuklearingenieur, der Japans Atomkatastrophe in Fukushima im Jahr 2011 vorhergesagt hat, schon sechs Jahre bevor es passierte. Eben dort, in Japan, fürchtet der Experte weitere Störfälle eines katastrophalen Ausmaßes. „Es gibt eine sehr starke Möglichkeit, dass es eine weitere nukleare Katastrophe in Japan gibt“, sagte Kimura zu „The Daily Beast“.

Besonders dem Unternehmen, das die größten Kernkraftwerke in Japan verantwortet, könne nicht vertraut werden. Das Unternehmen, auf das er sich bezieht, ist sein ehemaliger Arbeitgeber, die Tokyo Electric Power Company Holdings (TEPCO). TEPCO betrieb mit Fukushima auch die Anlage, die im März 2011 eine historische Kernschmelze nach einem Offshore-Erdbeben erlitt. Das Beben löste einen Tsunami aus, der die TEPCO-Reaktoren überflutete, tödliche Strahlung freisetzte und die Evakuierung von 160.000 Menschen erzwang.

Atomkatastrophe in Fukushima: Japan droht weiterer Nuklearunfall

Japan liegt im „Ring of Fire“, einer Region um einen Großteil des Randes des Pazifischen Ozeans, in der Vulkanausbrüche und Erdbeben häufig sind. Der Bau von Atomreaktoren in Japan ist daher schon an und für sich ein hochriskantes Unterfangen. Wenn Atomkraft-Betreiber dann noch unzuverlässig sind und Sicherheitsstandards unterlaufen, potenziert dies das Risiko weiter.

Ein Jahr nach Fukushima kam dann auch eine Untersuchung durch ein japanisches Parlamentsgremium zu dem Schluss, dass die Katastrophe „obwohl durch diese katastrophalen Ereignisse ausgelöst, zutiefst von Menschen gemacht“ sei. Begründet wurde dies mit „einer Vielzahl von Fehlern und vorsätzlicher Fahrlässigkeit“ in der Anlage von Fukushima.

Japan: Nuklear-Behörde verbietet Neustart der Kashiwazaki-Anlage

Letzte Woche verbot Japans Nuklearregulierungsbehörde (NRA) TEPCO den Neustart seiner Kashiwazaki-Anlage, die mit sieben Kernreaktoren das leistungsstärkste Kraftwerk der Welt war. Die Anlage liegt - wie Fukushima - an der Küste. Die Behörde befand, dass der Komplex mit großen Sicherheitslücken durchsetzt sei, die es zu einem Ziel für Terroristen machen könnte.

Die Inspektoren fanden laut „The Daily Beast“ 16 Stellen, an denen ein unbefugtes Eindringen in die Anlage möglich war – und einen Vertuschungsversuch von TEPCO obendrein. Das Energieversorgungsunternehmen hätte zwar einige seiner defekten Geräte an die Regierung gemeldet, bei den Backup-Systemen, die das Problem beheben sollten, hätte es aber gelogen.

Japan: TEPCO „in keiner Weise qualifiziert, ein Atomkraftwerk zu betreiben“

Ex-Mitarbeiter Kimura urteilt: „Das ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie dieses Unternehmen Missetaten vertuscht, wie sie [TEPCO] es immer tun. Man kann nur sagen, dass sie in keiner Weise qualifiziert sind, ein Atomkraftwerk zu betreiben.“

Bereits im Jahr 2005, nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen und sechs Jahre vor der Atomkatastrophe von Fukushima, schrieb Kimura in einem Artikel, dass „wenn das Kraftwerk von einem Tsunami getroffen wird, die Pumpen Meerwasser als Kühlmittel verwenden und die Notstromversorgung wahrscheinlich zusammenbrechen wird. Und als Ergebnis wird es eine Schmelze des Reaktorkerns geben.“

Atom-Aufseher wütet gegen TEPCO: „Verarschen Sie uns nur?“

In seinem neuen Buch „How Nuclear Energy Will Destroy The Nation“ (Wie die Atomenergie die Nation zerstören wird) weist Kimura darauf hin, dass TEPCOs hartnäckige Vertuschungen zu nuklearen Sicherheitsvorschriften geführt haben, die grundlegend fehlerhaft sind. Jetzt stimmt dem auch Japans Atombehörde zu. Die Ankündigung in der letzten Woche dient als faktische Anordnung, den Betrieb auszusetzen.

In einer Pressekonferenz zu dem TEPCO-Kraftwerk Anfang des Jahres kam es gar zu einer wütenden Tirade des NRA-Vorsitzenden Toyoshi Fuketa. Während er TEPCOs Versäumnis wirksame alternative Maßnahmen zu ergreifen, um mit den Sicherheitsproblemen umzugehen, erläuterte, steigerte sich Fuketa in einen Wutanfall: „War es Unehrlichkeit?“, fragte er. „Haben sie das Problem erkannt und nichts getan? Gibt es ein Problem mit ihren technologischen Fähigkeiten? Verarschen sie uns nur?“

Auch wenn die Behörden TEPCOs unmittelbare Nuklearpläne nun ausgestoppt haben, fürchten Experten, dass Japans nukleare Gefahren noch lange nicht behoben sind. „TEPCO hat so lange gelogen und wichtige Sicherheitsdaten gefälscht, wie es Atomkraftwerke betrieben hat. Eine Verzögerung von einem Jahr oder so ist ein Klaps auf die Hand für ein Unternehmen, das die Aufsichtsbehörden in die Irre geführt und die Sicherheit systematisch vernachlässigt hat“, sagt auch Jeff Kingston, Professor an der Temple University in Tokio, gegenüber „The Daily Beast“.

Verbliebene Atomreaktoren in Japan kämpfen mit Sicherheitsproblemen

Heute sind immer noch vier Atomreaktoren in Japan in Betrieb – zwei in Fukui, einer in Saga und einer in Kagoshima – und alle vier haben mit Sicherheitsproblemen zu kämpfen.

Die Kansai Electric Power Company (KEPCO) etwa, die zwei der Kernkraftwerke betreibt, steht in Japan im Mittelpunkt eines Korruptionsskandals, bei dem es um massive Bestechungsgelder und Schmiergeldzahlungen an und von einem städtischen Beamten über drei Jahrzehnte hinweg geht. Ende letzten Jahres entschied das Bezirksgericht Osaka, dass zwei Reaktoren des Kernkraftwerks in Fukui durch ein schweres Erdbeben gefährdet sind, obwohl sie von der Atomaufsichtsbehörde NRA die Genehmigung zum Wiederanfahren erhalten hatten. Letztes Jahr musste das KEPCO-Kraftwerk Takahama den Betrieb von zwei Kernreaktoren aussetzen, nachdem es versäumt hatte, angemessene Einrichtungen zur Terrorabwehr zu bauen.

Das Kraftwerk Genkai Power in Saga, das von der Kyūshū Electric Power Company betrieben wird, hat seit seiner Reaktivierung im März 2018 ebenfalls mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen, darunter Dampflecks und schlecht funktionierende Kühlpumpen. Letzten Monat wies laut „The Daily Beast“ allerdings ein lokales Bezirksgericht eine Klage von Anwohnern ab, die Produktion zu stoppen, und entschied, dass das Kraftwerk nach den neuen Richtlinien ausreichend sicher vor vulkanischer und seismischer Aktivität sei.

Atomkraftwerke in Japan berüchtigt für schlechte Sicherheitsvorkehrungen

Dabei sind Japans alternde Atomkraftwerke seit langem berüchtigt für schlechte Sicherheitsvorkehrungen. Zudem wurden sie vor und auch noch nach dem Fukushima-Atomunfall oft von Gruppen des organisierten Verbrechens mit Arbeitskräften versorgt. Noch immer sind Hintergrundüberprüfungen nicht vorgeschrieben. Die Situation ist so schlimm, dass zwei ehemalige Premierminister rivalisierender Parteien im März dieses Jahres eine gemeinsame Pressekonferenz abhielten, in der sie den Ausstieg Japans aus der Atomkraft forderten. Auch die meisten japanischen Bürger scheinen diese Sichtweise zu teilen, 53 Prozent sind gegen die Wiederinbetriebnahme der Atomreaktoren des Landes.

Hinzu kommt, dass der Umgang mit Atomkraft nicht mehr nur Japans Problem ist. Letzte Woche kündigte die Regierung an, dass Japan innerhalb von zwei Jahren radioaktive Abfälle, die immer noch aus dem Atomunfall von 2011 überlaufen, in den Ozean ablassen will. (Tobias Möllers)

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