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Diese Gebäude gehören nicht zum havarierten Kraftwerk Fukushima Daiichi – die Ruine liegt 25 Kilometer südlich von Kitaizumi Beach. 

Baden in Fukushima

Acht Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima: Baden wieder erlaubt - Besucher bleiben weitgehend aus

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In Minamisoma ist die messbare Radioaktivität kaum höher als in London – und dennoch fällt der Schritt in eine vermeintliche Normalität nicht leicht.

Wann Yoko Takato das letzte Mal hier war, weiß sie selbst nicht mehr. „Das war auf jeden Fall vor der Katastrophe“, sagt sie. „Neun Jahre könnte es her sein. Danach wollte ich eigentlich nicht mehr kommen. Der Ozean hat mir Angst gemacht.“ Als die 71-Jährige aber vor einigen Tagen von ihren sechs- und achtjährigen Enkeln gebeten wurde, ob sie nach Kitaizumi fahren könnten, mochte die Oma nicht Nein sagen. Mit ihren Füßen in feinem Sand stapfend deutet sie auf die zwei Kinder, die ein paar Meter weiter einen Sanddamm in die Brandung bauen. „Die beiden vergnügen sich“, sagt Yoko Takato. „Das ist es doch wert.“

Seit Ende Juli kann man das hier wieder: baden im Meer. Nach fast achteinhalb Jahren Schließung hat in der einst evakuierten Stadt Minamisoma der Strand Kitaizumi für die Öffentlichkeit geöffnet. Die Stadtverwaltung hat regelmäßig die Strahlung messen lassen und dann verfügt, dass die oberen Sandschichten abgetragen sowie Autowracks und Trümmer aus den Gewässern in Küstennähe gefischt wurden. Das hat Monate gedauert. Aber ob das reicht, lässt sich schwer sagen. Immerhin liegt Minamisoma nur 25 Kilometer nördlich von einem strahlenden Katastrophenherd. Kein anderer offiziell geöffneter Strand ist so nah am einstigen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, der neben Tschernobyl wohl berüchtigtsten Nuklearruine der Welt.

Yoko Takato wollte nach dem Tsunami eigentlich nicht mehr hierher – für ihre Enkel tut sie es doch.

Die Erinnerungen an die Tage vor achteinhalb Jahren waren es, weshalb Yoko Takato eigentlich nicht wieder herkommen wollte. Als am 11. März 2011 zuerst die Erde mit der Stärke 9 bebte, dann mehr als 20 Meter hohe Wellen über die Küste hereinbrachen, erlebte Japan die schlimmste Katastrophe seiner jüngeren Geschichte. Fast 20.000 Menschen starben, rund 470.000 verloren vorübergehend ihr Zuhause, und im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ließ sich in drei der sechs Reaktoren die Kernschmelze nicht mehr aufhalten. Ganze Landstriche wurden unbewohnbar.

Etwas mehr als zwei Drittel der Menschen sind zurückgekehrt

Von den in den darauffolgenden Tagen strahlungsbedingt angeordneten Evakuierungen im 30-Kilometer-Radius war auch Minamisoma betroffen, wo zuvor 70.000 Menschen gewohnt hatten. So fiel die Bevölkerung zwischenzeitlich auf null, das lokale Bruttoinlandsprodukt brach in dem Jahr um fast 50 Prozent ein. Yoko Takato, die heute wieder eine Herberge im Ort betreibt, musste auch diese vorübergehend schließen. Ein Jahr und viele Dekontaminierungskommandos später bewarb die Regierung eine kollektive Rücksiedlung. Heute leben hier immerhin wieder 55.000 Menschen.

„Aber für Kinder haben hier und da schon Möglichkeiten zum Spielen gefehlt“, findet Yoko Takato, die im Ort aufwuchs und als Kind früher regelmäßig am Strand war. Auch wegen solcher Mängel waren es nach der Evakuierung vor allem jüngere Menschen oder Familien mit Nachwuchs, die ihr Glück fortan woanders suchten. Auf die ganze Präfektur Fukushima gerechnet bleiben bis heute offiziell 42.000 Menschen von ihrer Heimat evakuiert – wobei diese Zahl nicht diejenigen einbezieht, die nach Anordnungen zur Rücksiedlung nicht mehr zurückkommen wollen.

Auch nach Minamisoma kehrten einige Tausend einstige Bewohner nicht zurück. So bewirbt man die Wiederöffnung von Kitaizumi als bedeutenden Schritt auf dem Weg in Richtung Normalität. „Als wir Ende letzten Monats unseren ersten Tag feierten, haben wir einen Surfwettbewerb und eine Schwimmveranstaltung für Kinder ausgerichtet“, sagt Jin Baba. Er ist Mitarbeiter der Stadtverwaltung und war nach der Katastrophe mit seiner Familie für vier Jahre in eine andere Stadt gezogen. Aber er kehrte zurück, damit seine zwei Kinder in Minamisoma aufwachsen.

Während er in Badelatschen parallel zur Brandung über den Strand schlendert, berichtet Jin Baba von den Bemühungen der Stadt. „Die Wiedereröffnung haben wir über die Medien der ganzen Region bespielt. Wir machen hier jetzt regelmäßig Veranstaltungen, die auch für Besucher von außerhalb interessant sind.“ Und vor dem Ozean müsse man sich heute weniger fürchten denn je: „Gemeinsam mit einem Verein von Surfern haben wir einen Sicherheitsposten installiert, auf dem rund um die Uhr jemand nach dem Rechten sieht.“ Hinterm Strand, wo auf einer künstlich errichteten Anhöhe ein Park angelegt wurde und bald auch ein Denkmal für die vom Tsunami mitgerissenen Menschen stehen wird, erklären heute groß bebilderte Schilder die Evakuierungsrouten für den Ernstfall.

Einige potenzielle Besucher müssen offenbar noch überzeugt werden. Schließlich leitet Tepco, der Betreiber der an klaren Tagen von hier aus sichtbaren Kraftwerksruine, täglich kontaminierte Flüssigkeit, die zum Kühlen der geschmolzenen Reaktoren verwendet werden, in den Ozean. Zudem haben immer wieder Nachrichten für Aufsehen gesorgt, nach denen selbst weit von Fukushimas Küste entfernt Fische mit hohen Strahlungswerten gefunden wurden. Es ist also nachvollziehbar, dass manche Menschen in diesem Wasser lieber nicht baden wollen.

Zugleich werden in der Luft von Minamisoma schon lange keine Strahlungswerte mehr gemessen, die oberhalb des gesetzlichen Grenzwertes liegen. Derzeit liegen sie bei rund 0,10 Mikrosievert pro Stunde, in etwa das, was in London gemessen wird. Und laut Japans Nationalem Institut für Strahlenforschung ist auch das Baden nicht gefährlich, da sich das radioaktiv verseuchte Wasser von Fukushima Daiichi schnell mit dem Ozeanwasser vermische. Und was das Surfen an Fukushimas Stränden betrifft, das hier und anderswo in der Region auch ohne Erlaubnis schon wesentlich früher wieder zum Treffpunkt der Szene wurde: Selbst Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace konnten keine quantifizierbaren Gesundheitsrisiken feststellen.

Es dauert, bis die Bilder der Verwüstung verblassen

Es braucht noch Zeit, bis sich die Menschen wieder ins Meer trauen, sagt Jin Baba.

Andererseits kommen bei Jin Baba und anderen Menschen aus der Region immer wieder die Bilder von damals hoch, wenn sie aufs Meer blicken. „Der Tsunami war so unglaublich hoch und einschüchternd, das konnte man sich nicht vorstellen“, sagt Jin Baba und zeigt auf eine Brücke hinterm Strand. Auf ungefähr zehn Metern Höhe ist ein Pfeiler deutlich dunkler als die anderen. „Die helleren mussten neu gebaut werden. Der Tsunami hatte sie verschluckt.“ Manchmal muss Jin Baba auch an die überall am Strand verteilten Toten denken, die hier noch lagen, nachdem sich das Meer wieder zurückgezogen hatte. „Das sind Erlebnisse, die kann man nicht vergessen.“

Vielleicht sind die Erinnerungen an die Schrecken der Katastrophe für einige Menschen noch zu frisch, als dass sie sich schon wieder zum Baden ermuntern könnten. Jedenfalls ist Kitaizumi etwas spärlicher besucht als von den Regierenden in Minamisoma erhofft. „Unsere Sicherheitsposten haben an den ersten Samstagen je tausend Besucher gezählt, ansonsten ungefähr 700.“ Früher seien es mehr gewesen. „Vielleicht braucht alles noch ein bisschen Zeit, bis sich die Leute trauen“, sagt Jin Baba. Seit er seine zwei Kinder herbrachte, wollten diese jedenfalls möglichst jedes Wochenende baden.

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Auch Yoko Takato hegt die Hoffnung, dass die Leute in ihrem Heimatort irgendwann nicht mehr jeden Tag von Gedanken an die Katastrophe vom März 2011 eingeholt werden. Und auf eine Weise geschieht das schon jetzt. „Kinder“, ruft Yoko Takato gegen Wind und Brandung zu ihren in den Dammbau vertieften Enkeln, „wisst ihr eigentlich, was hier vor acht Jahren passierte?“ Die beiden schütteln den Kopf. „Sie wissen das eigentlich schon. Die Eltern haben ihnen davon erzählt. Aber es beschäftigt sie nicht“, sagt Yoko Takato – und krempelt lächelnd ihre Hosenbeine hoch. Wenigstens ihre Füße will sie ein bisschen im rauschenden Wasser baden.

11. März 2011, 14.46 Uhr

Zu dieser Zeit hatte in Japan ein Erdbeben der Stärke 9 die Region Tohoku erschüttert, kurze Zeit später brach ein gewaltiger Tsunami über die Ostküste des Landes herein. Rund 20 000 Menschen kamen infolge der Flutkatastrophe ums Leben.

In dem rund 230 Kilometer nördlich von Tokio gelegenen Kraftwerk „Fukushima Daiichi“ war es infolge des Erdbebens zu der Katastrophe gekommen. Wegen der radioaktiven Strahlung, die bei Kernschmelzen in drei der sechs Reaktoren austrat, mussten damals rund 160 000 Anwohner fliehen. Mehr als 30 000 von ihnen können heute noch immer nicht in ihre Wohnungen und Heimatorte zurück. Es war die schlimmste Atomkatastrophe seit Tschernobyl 1986.

Seither laufen dort die Aufräum- und Sicherungsarbeiten. Ein Abschluss wird erst nach 2050 erwartet. Der Betreiber Tepco präsentierte nach zahlreichen Rückschlägen in den vergangenen Jahren im Februar 2019 eine Erfolgsmeldung: Die Bedingungen, unter denen die Tausenden Arbeiter in der Atomruine schuften müssen, hätten sich deutlich verbessert. Tepco-Sprecher Kenji Abe teilte damals bei einem Ortstermin in dem havarierten AKW mit, in 96 Prozent der Anlage könnten sich Arbeiter nun ohne Strahlenschutzkleidung bewegen. Diese Meldung konnte freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Tepco

bei der tatsächlichen „Sanierung“ der stark strahlenden Teile der Atomruine bisher

kaum vorangekommen ist. Die Bergung des geschmolzenen Kernmaterials gilt als der kritische Punkt. Sie soll 2021 beginnen, doch ist fraglich, ob dieser Termin zu halten ist – nicht nur, weil noch immer wenig darüber bekannt ist, wie es im Innern der betroffenen Reaktoren aussieht.

Auf dem Fukushima-Gelände stehen derweil weiterhin Hunderte Tanks mit jeweils 100 Tonnen radioaktiv kontaminierten Wassers, deren Entsorgung ungeklärt ist. Ende 2018 fordert die Internationale Atombehörde IAEA, die Tanks müssten „dringend“ entfernt werden. Anfang August 2019 gab das Versorgungsunternehmen bekannt, es werde keinen Platz mehr für Tanks haben, um die riesigen Mengen an behandeltem, aber immer noch kontaminiertem Wasser in drei Jahren speichern

zu können. Diese Meldung erhöhte den Druck auf die japanische Regierung, einen Konsens darüber zu erzielen, was mit dem Wasser geschehen soll. (FR/jw/dpa)

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