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"Fürs Helfen will ich nicht bezahlt werden"

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Von: Peter Pauls

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Als Korrespondent ist Peter Pauls viel herumgekommen.
Als Korrespondent ist Peter Pauls viel herumgekommen. © Stefan Worring

Als er sein Handy verliert und es ein hilfsbereiter Fremder findet, erfährt Peter Pauls viel mehr über Südafrika, als je in den Nachrichten stehen würde.

Die beiden Dampf-Lokomotiven des Grenzexpress schnaufen und keuchen die Steigung hinauf. Als sie langsamer werden, springt Ben Nkosinathi Masuku ab. Im Licht der tief stehenden Sonne läuft er an den Schienen entlang. Sie trennen ein Feld Sonnenblumen mit hängenden Köpfen von einer Wiese violett leuchtender Kosmeen. Das enge Schienenband verliert sich in der Weite. Staubwolken legen gelbliche Schlieren über die Landschaft, und im Hintergrund zeichnen sich die Maluti-Berge des Königreichs Lesotho ab.

Ich drücke auf den Auslöser. Nicht nur, weil das Motiv so viel von der Abendstimmung in der südafrikanischen Provinz Freistaat einfängt. Sondern auch, weil Ben in diesem Augenblick ein ziemlich wichtiger Mann für mich ist. Er will mein iPhone suchen. Vor einer Weile ist es mir beim Fotografieren aus dem rumpelnden, alten Zug gefallen. Mitten im Nirgendwo der ausgedörrten Graslandschaft. Mittlerweile trägt man sein halbes Leben im Smartphone herum. Meines war plötzlich weg. Ben bot mir spontan Hilfe an.

Eigentlich bin ich in diesen Tagen im Südafrika des Jacob Zuma unterwegs, und das ganze Land schickt sich an, gegen die Herrschaft seines Präsidenten zu protestieren. Um persönlichen Geldgebern zu Willen zu sein, hatte Zuma sein halbes Kabinett entlassen. Immer wieder wird ihm vorgeworfen, sich persönlich zu bereichern. Kürzlich hat das auch ein Gericht festgestellt. Als der Präsident neue Autos für seine Ehefrauen – davon hat er mehrere – kaufen wollte, nahm er das Geld aus dem Etat für Polizeifahrzeuge. So geht es zu in Südafrika, das seit über 23 Jahren mehr schlecht als recht von der ehemaligen Befreiungsbewegung ANC regiert wird.

Kleine Begegnungen sind entscheidend

Für mich aber, ohne mein Handy, verschieben sich die Koordinaten der Aufmerksamkeit. Die Demonstrationen, zu denen im ganzen Land aufgerufen wurde, treten in den Hintergrund. Meine Hoffnung ruht auf Ben. Dabei kenne ich ihn gar nicht. Er hat gerade aus dem Fenster geschaut, als mir das iPhone aus der Hand fiel, und mich dann angesprochen. „Keine Sorge“, hat er gesagt. „Ich kenne die Strecke und weiß, wo das Ding ungefähr liegen muss.“ Eben noch habe ich mich jämmerlich gefühlt. Nun keimt Hoffnung auf. Ich schaue Ben hinterher, wie er die Gleise entlang läuft, und staune, wie spontan und hilfsbereit er ist. Das Bild eines Landes setzt sich aus ganz verschiedenen Puzzleteilen zusammen. Den großen, politischen Geschehnissen. Aber auch den kleinen Vorkommnissen und Begegnungen. Wenn ein mir bisher Unbekannter mein verlorenes 800-Euro-Handy sucht, ist das ein besonderes Puzzleteil.

Auch die unauffälligen Orte, an denen man sich immer wieder aufhält, tragen zum Gesamtbild bei. Obwohl Jagersfontein nur ein kleiner Flecken mitten in Südafrika ist, habe ich den Ort am Rand des „größten von Menschen gegrabenen Lochs“, wie die Eigenwerbung sagt, häufig besucht. Einst ließ die Gier nach Diamanten hier einen gewaltigen Krater entstehen. Noch heute, die historische Mine ist längst verschlossen, weht der Geist der alten Tage durch die staubigen Straßen, vorbei an historischen Fassaden mit Schattengängen und silberfarbenen Hydranten, geziert von Löwenköpfen. Verwitterte Zeugen eines vergangenen Reichtums. Seit 1870 wuchs Jagersfontein mit dem Versprechen schnellen Reichtums.

Der Ort hatte ein Theater, eine eigene Zeitung, Bars und Restaurants, Geschäfte, Fassaden mit viktorianischem Zierrat aus England, und wenigstens ein Dutzend Kirchen. Gebaut ist Jagersfontein um einen großzügigen Park, in dessen Mitte ein über 100 Jahre altes prächtiges Rathaus steht. Alles passé. Das historische Katasteramt wurde von Jugendlichen niedergebrannt. Zugehängte Schaufenster künden von Leerstand. Gotteshäuser mit prachtvollen Buntglasfenstern zerbröseln. Mitten in Jagersfontein steht als Sinnbild des Verfalls ein vor Schmutz starrendes Haus mit eingeschlagenen Scheiben, das kommunale Dienstleistungen verspricht. Daneben wächst ein Abfallhaufen. Südafrika zerfällt zunehmend: in die Welt der glitzernden Fassaden von Pretoria, Johannesburg, Durban und Kapstadt – und in die vernachlässigten ländlichen Regionen, in denen verlässlich nur klar kommt, wer autark lebt, eigenen Solar-Strom erzeugt und Wasser in Zisternen sammelt.

In Jagersfontein gibt es seit Wochen nur hin und wieder Wasser, stundenweise. Wer keinen Brunnen hat, und das sind mehrheitlich die Bewohner der Schwarzen-Townships, muss sich an Bächen bedienen. Was vor Jahrzehnten zum Skandal getaugt hätte – „Apartheid-Regierung verweigert Schwarzen das Wasser“ –, das löst heute nicht mehr aus als ein Schulterzucken. Und während ein Mensch wie Ben für mich Hoffnung und Zuversicht verkörpert, steht die abgelegene Minenstadt für Niedergang und Misswirtschaft. Sehr häufig ist es auf dem Land so wie in Jagersfontein.

Das Urteil kann ich mir erlauben. Einmal im Jahr fahre ich mit meinem Johannesburger Freund Alastair durch das ländliche Südafrika. Wir mögen Dörfer, kleine Geschäfte, skurrile Restaurants und die Stände, an denen Farmerfrauen selbstgemachtes Ingwerbier, Dauergebäck oder Eingewecktes anbieten. Doch immer mehr Menschen verlassen die Gegend. Der Arzt stirbt, die Schule und die Bankfiliale schließen, die Bar macht dicht, die Steuern steigen – für die jedenfalls, die noch Steuern zahlen.

Alastair ist Karikaturist für südafrikanische Tageszeitungen. Selbst in trüben Situationen fällt ihm etwas Originelles ein. Der dörfliche Krämerladen kann für ihn eine Theaterbühne sein, mit all seinen Charakteren. Alastair liebt Alltag – doch auch er strengt sich immer mehr an, ihm diese kleinen Lichter aufzusetzen. Wir sind auf der Rückfahrt nach Johannesburg und eher gedrückter Stimmung. Der Abend bricht an, als ein Spätsommer-Gewitter niedergeht. Die Schlaglöcher machen die Autofahrt zum Lotteriespiel. Wann werden wir mit einem Platten liegenbleiben?

Schließlich weist ein Schild den Weg zu einer Touristen-Hütte auf der Shaftfontein-Farm von Shani und Keith Ward. „Können wir bei euch übernachten?“, fragen wir die Farmer. Die bedauern. Nein, das alte Haus werde gerade renoviert. „Aber wir haben genügend Schlafzimmer bei uns im Haus“, sagt Keith nach kurzem Nachdenken. „Jeder sucht sich eines aus.“ Das Farmerpaar ist zum Essen eingeladen und muss weg. „Im Kühlschrank ist kaltes Bier“, ruft Keith Ward. Und: „Wir sehen uns morgen früh.“ Dann lässt das Ehepaar uns, zwei wildfremde Männer, mit allem Hab und Gut allein.

Wie liebenswert Menschen sein können

Auf den Zeitungsseiten meiner Redaktionen war wenig Platz für Alltag, für Menschen wie die Wards oder Ben Nkosinathi Masuku. Als ich Korrespondent für Tageszeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz war, in den 90er-Jahren, gab es viel über Kriege und Massaker zu berichten. Zu viel. Dabei sind es die einfachen Menschen, die einem Land ein anderes Gesicht geben als das ihres Präsidenten. Häufig habe ich es bedauert, ihnen in der Zeitung buchstäblich keinen Raum geben zu können. Also schreibe ich jetzt über sie.

Ben, der mein Handy suchen gegangen ist, oder die Wards brechen nicht die Macht des Präsidenten Zuma. Aber sie zeigen, dass er nicht allgegenwärtig ist in Südafrika. Es sind die Perspektivwechsel, die deutlich machen, wie liebenswert Menschen sein können. Darum ist das Reisen ein so vielfältiges Erlebnis. Und es sind die harten Schnitte mit der politischen Wirklichkeit, die die Kraft einer Zivilgesellschaft umso stärker hervortreten lassen, die mitmenschlich und offen sein kann. Das große Bild, das Nachrichten vermitteln, ist ein Rahmen. Doch das Bild darin malen wir selbst. Mit den großen und kleinen Erlebnissen des Alltags.

Charles (seinen Nachnamen weiß ich nicht mehr) kommt mir in den Sinn. Er hat mich vor vielen Jahren auf meinem Besuch im Nachbarland Simbabwe drei Tage lang durch die Hauptstadt Harare kutschiert. Er war das leibhaftige Gegenbild zu seinem Präsidenten Robert Mugabe. Wann immer ich als Korrespondent über den Potentaten schrieb, musste ich zugleich an Charles denken. Familienvater, drei Kinder. Ehedem Fahrer in der Motorrad-Eskorte des Präsidenten und nach einem Unfall ausgemustert. Eigentlich sollte Charles mich nur vom Flughafen zum Büro der Leihwagenfirma fahren. Aber weil wir uns gut verstanden, bot ich ihm an, die ganze Zeit bei mir zu bleiben. Für das gleiche Geld, das mich sonst ein Leihwagen gekostet hätte. Eine Win-Win-Situation.

Charles führte mich zu den „Karton-Vierteln“, in denen die Ärmsten der Armen vegetierten und mit ihm ging ich in Häuser, wo Ehepaare auf vielleicht sechs Quadratmetern Fläche lebten, abgetrennt durch Bettlaken von der nächsten Familie. Eine geisterhafte Wirklichkeit, durchsetzt von flüsternden Menschen, für die ein Fahrrad bereits ein Luxusgut war. Ich lernte mit Charles den Gewerkschaftschef Morgan Tsvangirai kennen, der Präsident Mugabe damals die Stirn bot, kurz nachdem Unbekannte versucht hatten, den mutigen Mann aus dem Fenster eines Hochhauses zu werfen. Charles hatte meine Reiseutensilien im Auto, wenn ich eine Verabredung wahrnahm, und wenn wir essen gingen, konnte ich von ihm eine zweite Meinung zu all dem einholen, was ich zuvor gehört hatte. Man darf die Bürger eines Staates nicht in einen Topf mit ihren Politikern werfen. Wann immer ich später von Robert Mugabe hörte, fragte ich mich, was wohl aus Charles geworden sein mochte.

Am Abend des Tages, an dem ich mein Handy verloren habe, sitze ich mit Alastair beim Abendessen. Wir sind auf der Sandstone Farm. Alle zwei Jahre findet hier, unweit vom Städtchen Ficksburg an der Grenze zu Lesotho, das Dampf-Festival statt. Dann öffnet Sandstone-Eigentümer Wilfred E. Mole für zehn Tage seine Schuppen mit den zahllosen historischen Schmalspur-Lokomotiven, mit Dampf-Bussen, Dampf-Traktoren, Ochsenkarren – mit allem, was alt ist, schnauft oder auch fliegt, wie die historischen Tiger-Moths. 20 Kilometer eigene Gleise gehören auch zur Farm. Auf einmal steht Ben vor uns, verschwitzt und abgekämpft.

Schon an seinem Blick, aus dem stiller Triumph spricht, erkenne ich, dass er mein Handy gefunden hat. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich drücke Ben die Hand, will ihm Geld geben. „Fürs Helfen will ich nicht bezahlt werden,“ sagt er bestimmt. Und ich muss mich erklären.

Dass ich ihm meine Dankbarkeit ausdrücken möchte; dass er mir bitte die Chance geben soll, etwas für ihn zu tun, nachdem er mir aus der Patsche geholfen hat. Zu uns setzen mag Ben sich auch nicht. Er sei verschwitzt, sagt er, und müsse unter die Dusche. Ben ist Elektriker und mit seinem Kollegen Amos aus Johannesburg auf die Sandstone-Farm gekommen. Hier kümmert er sich um alles, was mit Strom zu tun hat. Im Grenzexpress, wo wir uns begegnet waren, saß er aus dem gleichen Grund wie ich. Er ist neugierig und fährt gerne Eisenbahn. Bis mir das Handy aus dem Fenster gefallen ist.

Ben erzählt, wie es weiterging, nachdem er vom fahrenden Zug abgesprungen war. Wie er an die kleine Wegkreuzung kam, an der das Handy ins Gras gefallen sein musste. Dass dort Kinder spielten und er fürchtete, dass sie es längst entdeckt und mitgenommen haben könnten. Wie er es dann doch daliegen sah, in seiner schwarzen Hülle. Und dass es nun darum ging, sich zu beeilen, damit er mich noch treffen, das iPhone zurückgeben könnte. Dass er irgendetwas anderes mit dem teuren Gerät anstellen könnte, das für ihn den Gegenwert von wenigstens zwei Monatsgehältern hat, ist ihm offenbar überhaupt nicht in den Sinn gekommen.

Wir reden noch ein wenig weiter. Ich möchte mehr über Ben erfahren. Er kommt aus Bulawayo in Simbabwe. Dort lebt der Stamm der Ndebele. Wie Zigtausende seiner Landsleute arbeitet er in Südafrika. Es sind die Geldtransfers dieser meist gut ausgebildeten Menschen in ihre Heimat, die dort das marode Regime des Robert Mugabe noch am Leben halten. Zu Hause warten Bens Frau und ihre beiden Söhne, 14 und vier Jahre sind sie alt.

Ich bin ein wenig beschämt und hilflos, wie wenig erkenntlich ich mich zeigen kann. Männer wie Jacob Zuma in Südafrika oder Robert Mugabe in Simbabwe mögen die Macht haben und die Schlagzeilen liefern. Ben aber hat mir gezeigt, wie viel Größe in einem Menschen stecken kann. Ich werde ihn nicht vergessen.

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