Viel hilft viel: Christian Lacroix ist ein Meister der großen Modegesten.
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Viel hilft viel: Christian Lacroix ist ein Meister der großen Modegesten.

Christian Lacroix

„Für mich war Haute Couture eine Art Kollateralschaden“

  • Manuel Almeida Vergara
    vonManuel Almeida Vergara
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Christian Lacroix kommt aus einer Welt, die es so nicht mehr gibt. In den 1980ern gehörte er zu den wichtigsten Couturiers von Paris, heute verliert die nobelste Modesparte an Relevanz. Wie blickt ein alter Meister, der längst anderes macht, auf das Ende seiner einstigen Kunst?

Monsieur Lacroix, ein bisschen ist es für mich, als seien wir uns vor ein paar Monaten schon einmal begegnet. Zumindest sind mir Ihre fantastischen Kostüme noch immer sehr präsent, die ich damals in einer Boussard-Inszenierung von „I puritani“ an der Oper Frankfurt gesehen habe.

Das freut mich. Theater, Oper, Ballett – das ist meine wahre Passion, solange ich denken kann. Als Kind hat sich das Leben für mich erst wahrhaftig angefühlt, wenn ich im Publikum saß. Vielleicht liegt es daran, dass ich die Welt, so wie sie ist, nie besonders gemocht habe.

Wie meinen Sie das?

Mir gefällt einfach das, was größer ist als das Leben. Die Worte, die Lichter, Musikstücke, Kostüme und Bühnenbilder der Theater. Die Inszenierungen, bei denen ich mitgewirkt habe, waren mir immer die wichtigsten Projekte. Die Haute Couture war für mich eher eine Art Kollateralschaden, der es mir erlaubt hat, theatrale Momente in das echte Leben zu übertragen. So konnte ich die mir verhasste Welt durch Mode ein bisschen poetischer und erhebender machen.

Aktuell entwerfen Sie Kleider für das spanische Label Desigual, das zwar durchaus dramatisch ist, als konsequent publikumsorientierte Marke aber vor allem im Alltag funktionieren muss. Brauchen Sie beide Extreme?

Jedenfalls sind mir Extreme lieber als alles, was lauwarm ist. Ich habe früher ja unter meinem eigenen Namen neben der Haute Couture auch alltagstauglichere, erschwinglichere Linien präsentiert, wie „Lacroix Jeans“ zum Beispiel. Mir gefällt die Arbeit für Desigual, weil die Marke eben nicht durchschnittlich und dumm ist. Ich fühle mich dem Label durchaus verbunden, allein schon der kräftigen Farben und Muster, auch der Patchwork-Ästhetik wegen. Mir gefällt die Idee einer speziellen, kleinteiligen Extravaganz.

Würden Sie sich als detailversessen beschreiben? Schließlich gehörten Stickereien, Fransen, Perlen und Bänder schon in den 80ern zu Ihren Markenzeichen.

Nein, so würde ich mich nicht beschreiben – zumindest nicht mehr. Glücklicherweise sind wir Menschen ja zur Weiterentwicklung fähig, und das schließt auch Haltung und Stil ein. Stickereien, Fransen, Bänder und all das werden Sie in meinen jüngeren Arbeiten jedenfalls nicht mehr finden.

„Die Haute-Couture-Präsentationen in Paris sind doch längst zu ein paar wenigen Tagen zusammengeschrumpft, an denen es ohnehin eher darum geht, für die umsatzstärkeren Sparten der Modemarken Werbung zu machen.“

Christian Lacroix, Modedesigner

Welche Gestaltungsprinzipien, die Sie für sich als Couturier in den 1980ern formuliert haben, bringen Sie denn überhaupt noch in aktuelle Arbeiten ein?

Ich würde sagen: gar keine. Lacroix war Lacroix, Desigual ist Desigual, jedes Projekt nehme ich als ein eigenständiges wahr.

Also müssen Sie sich nie zusammenreißen, um nicht in die Muster der Haute Couture zurückzufallen?

Wissen Sie, ich bin ja nicht schizophren. Ich kann die Disziplinen sehr gut auseinanderhalten. Was ich heute mache, erlaubt es mir noch immer mit vielen Referenzen zu arbeiten und wirklich kreativ zu sein. In der Haute Couture geht es darüber hinaus aber noch um ganz andere Versprechen. Darum, dass die Kleider ein Unikat sind, dass sie von Hand in Paris gefertigt wurden, für nur eine Frau und nur einen Anlass. Das ist natürlich ein starker Kontrast zu der Arbeit für eine Marke, die ein breites Publikum erreichen will. Aber ich entwickle ja noch immer Bühnenkostüme, die ähnlich erarbeitet werden wie Haute-Couture-Roben. Sie werden für einen Charakter und niemanden sonst entwickelt, sie entsprechen ausschließlich der Silhouette dieser einen Sängerin, Schauspielerin oder Tänzerin. Ich merke übrigens, dass es mir genauso große Freude bereitet, für diese Frauen Kleider zu machen, wie damals für meine Couture-Kundinnen. Und dass ich es auch überaus bereichernd finde, eine mir völlig fremde Frau auf der Straße in einem meiner Desigual-Entwürfe zu sehen.

Heute wird der Hohen Modekunst ohnehin immer wieder ihr Untergang prophezeit. Tatsächlich arbeiten kaum mehr als ein Dutzend Marken noch immer nach jenen Regeln, die einst das Chambre Syndicale de la Haute Couture in Paris festlegte. Glauben Sie, es wird die Haute Couture irgendwann überhaupt nicht mehr geben?

Ich glaube sogar, sie existiert schon heute nicht mehr. Die Haute Couture, wie wir sie vor 40 Jahren noch gemacht haben, gibt es nicht mehr. Die Kundin, die nicht nur Geld und Kultur, sondern auch die Geduld mitbringt, auf eine handgemachte Couture-Robe Wochen und Monate lang zu warten, gibt es nicht mehr. Die Haute-Couture-Präsentationen in Paris sind doch längst zu ein paar wenigen Tagen zusammengeschrumpft, an denen es ohnehin eher darum geht, für die umsatzstärkeren Sparten der Modemarken Werbung zu machen. Für Prêt-à-porter oder Kosmetik zum Beispiel. Es gibt nur noch wenige wohlhabende Russinnen und Chinesinnen, ein paar Prinzessinnen aus dem Nahen Osten zudem, die noch in dem Maße Haute Couture kaufen, wie es in diesen Kreisen vor Jahren noch ganz üblich war.

Und ist das eine traurige Entwicklung?

Nun, mit der Haute Couture geht auch ein Teil des Handwerks verloren, das Wissen zum Beispiel, wie traditionelle Stickereien von Hand gemacht, oder Spitzen geklöppelt werden. Aber so ist das nunmal: Was früher auch im tatsächlichen Leben von Relevanz war, wandert nun ins Museum. Wer wirklich das Leben liebt, muss auch den Tod ehren, könnte man sagen. Das Ende gehört immer dazu.

Mehr ist mehr: Kampagnenbild zur Linie „Desigual x Lacroix“.

Aber macht es Sie nicht glücklich, in einer beständigeren Zeit mit der Mode angefangen zu haben? Einer Zeit, in der die Haute Couture fester Bestandteil aktueller Modeentwicklungen war?

Zur Person

Christian Lacroix wurde 1951 im französischen Arles geboren. In Montpellier studierte er Französische Literatur, an der Universität Sorbonne in Paris Kunstgeschichte. Seinen Weg in die Mode eröffnete ihm seine jetzige Frau Françoise Rosenthiel, die in den 1970ern als Beraterin für Hermès arbeitete. Auch Lacroix wurde für die Marke als Zeichner tätig. Zwischen 1981 und 1987 zeichnete er die Haute-Couture-Kollektionen für Jean Patou. Nachdem er zahlreiche Preise für seine Arbeiten dort erhalten hatte, gründete er 1987 seine eigene Marke.

Die Marke Christian Lacroix war bekannt für exaltierte Haute-Couture-Kollektionen, die häufig historische Bezüge aufwiesen und mit religiösen Symboliken spielten. Der Ballonrock „Le pof“ zählt zu ihren wichtigsten Modellen. Schnell zählte der Markengründer zu den bedeutendsten Couturiers der Welt, zur Haute Couture kam 1988 die Prêt-à-porter hinzu, größere, reproduzierbare Kollektionen also. Auch Jeans-Linien, Sportbekleidung und Wohnaccessoires wurden Teil des Sortiments.

Der Luxuskonzern Moët Hennessy – Louis Vuitton (LVMH) übernahm das Label im Jahr 1993. Nachdem sich die Verkaufszahlen jedoch nicht so entwickelten, wie es LVMH erwartet hatte, wurde die Marke an eine US-Gruppe verkauft, die Dutyfree-Shops betreibt. Obwohl zahlreiche Unterlinien eingestellt wurden, musste die Marke 2009 im Zuge der Wirtschaftskrise Insolvenz anmelden. Zum Ende des Jahres hin verließ Christian Lacroix die Marke, die heute per Lizenzgeschäft lediglich preisgünstigere Artikel wie Krawatten, Sonnenbrillen oder Schreibwaren vertreibt.

Der Designer Christian Lacroix kooperiert mittlerweile zum Beispiel mit der großen spanischen Modemarke Desigual, für die er spezielle Kollektionen entwirft. Darüber hinaus ist Lacroix seit den späten 1980er Jahren als Kostümbildner tätig, unter anderem für Inszenierungen an der Staatsoper unter den Linden in Berlin, der Oper Graz und der Bayerischen Staatsoper in München.

Die Haute Couture , wie sie Lacroix früher machte, gilt als Königsdisziplin der Mode. Der französische Begriff lässt sich als „gehobene Schneiderei“ übersetzen und fasst im engeren Sinne Mode zusammen, die speziellen Kriterien folgt, die der Pariser Modeverband Chambre Syndicale de la Haute Couture festlegt. Entsprechende Kleider müssen zum Beispiel ausschließlich von Hand in Paris angefertigt werden, in einem eigenen Haute-Couture-Atelier mit mindestens 15 Angestellten. In Frankreich ist der Begriff Haute Couture entsprechend geschützt.

Die Modehäuser , die heute noch unter diesen Prämissen arbeiten, sind zumeist große internationale Unternehmen, die mit der Präsentation einer eigenen Haute-Couture-Kollektion vor allem Aufmerksamkeit für ihre anderen, lukrativeren Sparten generieren wollen. Haute Couture gibt es aktuell etwa aus den Häusern Chanel, Givenchy oder Valentino, Auch die Entwicklung einer Haute-Couture-Marke mit eigenem Namen unter dem Dach einer bekannten Marke ist ein gängiges Muster, etwa bei Atelier Versace oder Armani Privé. mav

Darüber denke ich ehrlich gesagt nie nach. Ich lebe im Hier und Jetzt, hic et nunc.

Lassen Sie uns trotzdem über Ihre Vergangenheit nachdenken. Ihre großen Erfolge feierten Sie in den 1980ern, einer politisch wie gesellschaftlich relativ stabilen Zeit. Finden Sie, das hat man Ihrer überbordenden Mode damals angesehen?

Ich hoffe nicht! Generell erwarte ich nicht von der Mode, dass sie zwingend die Zeit spiegelt, in der sie entsteht. Ich selbst habe mir beim Entwerfen nie Gedanken über gesellschaftliche oder politische Umstände gemacht. Ich habe mich immer als Weltbürger gefühlt, der zwar humanistischen Grundsätzen folgt und spirituelle Gemeinsamkeiten sucht. Aber weder habe ich für eine spezielle Gesellschaft entworfen, noch habe ich mich von ihren Idealen leiten lassen.

Heute verstehen viele Designerinnen und Designer ihre Aufgabe ganz anders. Sie stehen sehr wohl in einem Dialog mit der Gesellschaft und treffen politische Aussagen, auch in der Haute Couture. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie mit den vielen Referenzen auf fremde Kulturen, die Sie damals präsentiert haben, mittlerweile auf Abwehr stoßen würden. Zumindest dem Verdacht der „kulturellen Aneignung“ kann sich niemand mehr entziehen, der ähnlich arbeitet.

Mit Verlaub, das finde ich absurd und auch ein wenig dumm. Das ist sicherlich eine Generationenfolge, aber ich kann diese Debatten einfach nicht begreifen. Sie wirken auf mich sehr engstirnig und radikal, im Grunde zutiefst intolerant. Ich begreife die Mode der 70er und 80er auch heute noch als einen bereichernden Austausch zwischen den Kulturen.

Würden Sie sagen, „Political Correctness“ und „Cancel Culture“ beschneiden die Kreativität?

Das denke ich schon. Aber das ist nichts, was mir Sorgen macht. Ich fürchte mich eher, wenn ich sehe, dass viele mühsam errungene Freiheiten vielerorts drohen, wieder verloren zu gehen. Das Erstarken der extremen Rechten überall in Europa macht mir Angst. Insofern kann ich die Ansätze der jüngeren Generation, auch in Bezug auf Mode durchaus verstehen. Aber sie sind mir manchmal zu radikal.

Neben Zitaten auf andere Kulturen waren Ihre Haute-Couture-Kollektionen vor allem durch historische Bezüge geprägt. Glauben Sie an die auch in der Mode gängige Losung, derzufolge man in die Vergangenheit blicken muss, um die Zukunft zu sehen?

Das glaube ich schon. Die Vergangenheit wirkt immer wie ein verlorenes Paradies, dem es sich anzunähern lohnt. In der Mode drückt sich das auch in einer Art Ödipuskomplex aus, was ich unglaublich gern mal in einem Essay aufschreiben würde. Denken Sie nur an Christian Dior, der bei der Entwicklung seines „New Look“ in den späten 1940ern die Korsetts und üppigen Röcke seiner Mutter im Kopf hatte, genau wie Yves Saint Laurent, dessen skandalöse „Libération“-Kollektion 1971 an die Kriegsjahre der 1940er erinnerte. An die Zeit also, in der seine Mutter eine junge Frau war. Auch meine Generation wurde immer wieder von ihren Kindertagen in den 1950ern und 1960ern inspiriert. Und somit ist es kein Zufall, dass heute die 80er extrem modern sind, die Zeit der Mütter aktueller Designerinnen und Designer. Es scheint in der Mode oft um jene Frauen zu gehen, die Designerinnen und Designer in ihrem Leben als erste wahrgenommen haben.

Was sehen Sie, wenn Sie in die von ihnen angesprochenen 1950er und 1960er zurückblicken, das für die heutige Welt noch von Relevanz sein kann?

Dieses gewisse Savoir-Vivre, das vielen heute antiquiert wirkt. Ich habe das Paris der 1960er Jahre wirklich geliebt, weil es so einzigartig war. Heute sieht Paris doch aus, wie jede andere Stadt. Überall sind es die selben glatten Fassaden, die neu hochgezogen werden, die Menschen leben in Schablonen und tragen eher Uniformen denn eigener Kleider. Jeans, T-Shirts, Sneaker. Es hat mir sehr viel besser gefallen, als auf den Straßen gespiegelt wurde, was in den Modemagazinen zu sehen war – und umgekehrt. Exzentrische Menschen, eine extravagante Jugend, das fehlt heute.

Das klingt ein wenig kulturpessimistisch.

Ich sperre mich nicht dem Fortschritt, ganz und gar nicht! Solange dieser Fortschritt nicht ausschließlich auf den Prämissen des Kapitalismus und der Globalisierung beruht, einer Gleichmacherei, mit nichts als hässlichen Werbeflächen überall umher. Es gibt viele junge Designerinnen und Designer, die ich sehr schätze, oder zeitgenössische Kunst und Architektur, die mich berühren. Aber eben nur, wenn sie einen wirklich freien, eigenständigen Stil reflektieren.

Es ist wahrscheinlich, dass sich die Mode in näherer Zukunft ohnehin noch stärker auf die Historie beruft. Schließlich tendiert der Mensch in unsicheren Zeiten zu einer gewissen Nostalgie.

Vintage ist ein großes Thema der Krise, das stimmt. Das drückt sich aber nicht nur in Zitaten auf die Stile der 1970er und 1980er aus. Ich glaube, der Lockdown zeigt vielen Menschen außerdem, dass ein Weniger von allem durchaus möglich ist. Eben so, wie es ja auch früher möglich war, mit weniger von allem zu leben.

Und auf welche Weise wird sich die Krise ästhetisch niederschlagen?

Die Menschen werden sich womöglich noch stärker auf das konzentrieren, was sich nicht einschränken lasst: ihre Kreativität. Mode kann ein interessantes Instrument sein, um persönliche Freiheiten auszudrücken – Frauen kleiden sich heute genauso gern in strenge Kostüme wie leichte Paillettenkleider, Männer in tradierte Tweeds oder florale Muster. Blumen sind ohnehin ein interessantes Thema, dem ich mich oft gewidmet habe. Aktuell sind auch wieder mehr Blumendessins zu sehen, etwa in den Kollektionen von Christian Dior oder Valentino. Blumenmuster wirken sehr prägnant, dabei ist ihre Aussage im Grunde recht zeitlos. Und in schwierigen Zeiten wollen die Menschen erst recht auf das Versprechen der „Flower Power“ bauen.

Interview: Manuel Almeida Vergara

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