Ermittlungen im Missbrauchsfall von Münster
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Ermittlungen im Missbrauchsfall von Münster

Interview

„Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord“

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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NRW-Innenminister Reul zur Diskussion um härtere Strafen für Kinderschänder – und warum Prävention wichtig ist.

Herr Reul, aus Münster ist deutschlandweit jetzt nicht zuletzt das Foto eines Studios bekannt geworden, aus dem Video-Aufnahmen des sexuellen Missbrauchs gemacht wurden. Haben Sie für diese kalte Professionalität eine Erklärung?

Nein. Da sind Menschen am Werk, die nicht nur für sich selbst eine Befriedigung suchen, sondern das Material verteilen. Meistens, um mit anderen aus der Missbrauchs-Szene im Geschäft zu bleiben – wenn auch nicht im wirtschaftlichen Geschäft. Das sind Klubs und Chats, die bedient werden, manchmal um überhaupt erst mal Eintritt in so eine Chatgruppe zu bekommen. Es gibt Leute, die schauen sich solche Fotos oder Filme an. Und die können dann nur weiter gucken, wenn sie selbst Material liefern. Da blicken Sie wirklich in menschliche Abgründe.

Ansonsten ist der Fall Münster ja ein Fahndungserfolg. Was war in Münster anders als in Bergisch Gladbach und Lügde?

Lügde war ein Fall in einem umgrenzten Gebiet. Bergisch Gladbach und Köln war ein großer Einzugsbereich mit unterschiedlichen Tätern an unterschiedlichen Orten. Da arbeitete zwar jeder für sich, aber fast alle kannten sich untereinander. In Münster haben wir es mit einer extrem großen Datenmenge zu tun. Fünf Terrabyte. Und: Wir haben bei dem Täter eine bis dahin ungekannte technische Professionalität. Dass jemand sich so auskennt, sein Material so verschlüsselt und absichert – das ist neu.

Es heißt, Sie sind dem Täter auf die Spur gekommen, weil Sie Ihre Ermittlungen intensiviert haben.

Der CDU-Politiker Herbert Reul, 67, ist Innenminister von Nordrhein-Westfalen.

Ja, eindeutig. Die nordrhein-westfälische Polizei hat den Kampf gegen Kindesmissbrauch nach dem Fall Lügde zum Schwerpunkt gemacht. Wir haben deutlich mehr Menschen, die daran arbeiten, und erstmals auch die entsprechende Technik. Außerdem hat die Polizei den Auftrag bekommen, sich darum verstärkt zu kümmern. Sie guckt viel mehr hin. Das würde ich mir auch von der Gesellschaft wünschen – dass wir alle genauer hinsehen und nicht immer Angst haben, wir würden denunzieren. Besser einmal mehr melden, bevor große Missbrauchsverfahren nötig werden. Das hat bei uns jetzt geklappt, wohl wissend, dass da noch ganz viel unentdeckt sein wird. Das ist ein Riesensumpf, den man sich kaum vorstellen kann.

Da sind wir schon bei den Konsequenzen. Was raten Sie?

Das Beste und Wichtigste ist Prävention, Kinder stark zu machen in der Erziehung. Starke Kinder sind weniger anfällig. Zweitens, was ich gerade schon sagte: Augen auf! Nicht weggucken! Ob in Schule, Kindergarten oder Nachbarschaft. Und schließlich müssen Polizei und Justiz ihren Job erledigen.

Und rechtlich?

Ich würde mir wünschen, dass wir im rechtlichen Bereich nachjustieren. Wenn die Herstellung und Verbreitung von Missbrauchsbildern immer noch genauso bestraft wird wie Ladendiebstahl, dann fehlt mir dafür jedes Verständnis. Dann interessiert mich auch nicht mehr, ob das rechtssystematisch richtig oder falsch ist. Das ist mir wurscht. Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord. Damit wird das Leben von Kindern beendet – nicht physisch, aber psychisch.

Sie sind also auch dafür, jede Form von Kinderpornografie als Verbrechen einzustufen und nicht mehr als Vergehen?

Vollkommen richtig. Das habe ich im Juli 2019 das erste Mal bei der Innenministerkonferenz vorgeschlagen. Damals haben wir das sogar beschlossen. Bei der Konferenz im darauf folgenden Dezember haben wir es dann noch einmal bekräftigt. Und ich muss schon sagen: Dass die Bundesjustizministerin da nicht aus dem Quark kommt, ist ärgerlich.

Was sagen Sie zu deren Einwand, dass dann schon jemand als Verbrecher gilt, der einmalig einen kinderpornografischen Comic gepostet habe und die Justiz dann nicht mehr differenzieren könne?

Es wäre das erste Mal, dass Gesetze nicht differenziert angewendet werden. Das habe ich noch nie gehört. Ich habe auch noch nie gehört, dass deutsche Richter zu streng wären. Nur zur Erinnerung: Der Haupttatverdächtige im Fall Münster war zweimal einschlägig vorbestraft. Beide Male ist er mit Bewährung davongekommen. Außerdem: Dann muss das Ministerium das Gesetz so formulieren, dass die Richter Differenzierungs-Möglichkeiten haben. Im Moment ist das Signal: Es ist irgendwas, aber kein Verbrechen. Das versteht kein Mensch. Ich erwarte von der Bundesregierung, dass da etwas passiert. Und Frau Lambrecht ist zuständig.

Interview: Markus Decker

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