Ku’damm-Raser

„Für mich ist und bleibt es Mord“

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Maximilian Warshitskys Vater starb vor drei Jahren – heute fällt das Urteil gegen die Ku’damm-Raser.

Maximilian Warshitsky trägt stets ein Lächeln im Gesicht, das etwas verlegen wirkt. So tritt er im Gerichtssaal auf. So steht er vor den Fernsehkameras. Seine Worte, hart gesprochen, passen daher so gar nicht zu seiner Freundlichkeit. „Für mich ist und bleibt es Mord“, sagt der 38-Jährige bei einem Treffen in einem Café.

Es geht um den Tod seines Vaters vor mehr als drei Jahren. Und um das Urteil, das diejenigen am heutigen Dienstag vor dem Berliner Landgericht erwarten, die für den gewaltsamen Tod seines 69-jährigen Vaters mutmaßlich verantwortlich sind – die sogenannten Todesraser vom Kurfürstendamm.

Warshitskys Vater, ein Arzt im Ruhestand, starb in der Nacht zum 1. Februar 2016 auf der West-Berliner Flaniermeile. Sein Jeep wurde 70 Meter weit geschleudert, als ein mit Tempo 160 bis 170 heranrasender Audi auf der Tauentzienstraße ungebremst in das Auto krachte. Der Arzt wurde Opfer eines illegalen Straßenrennens, das sich die damals 26 und 24 Jahre alten Hamdi H. und Marvin N. auf dem Kudamm und der Tauentzienstraße geliefert haben sollen.

In einem ersten Prozess waren die jungen Männer wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf, weil ihm die Begründung nicht genügte. Er schloss aber eine erneute Verurteilung wegen Mordes nicht aus. Seitdem streitet das Land, ob Raser Mörder sein können und ob man sie auf eine Stufe mit Verbrechern stellen kann, die hinterrücks einen Menschen erschlagen, um an dessen Geld zu gelangen. Selbst unter Juristen ist der Fall umstritten.

„Man kann“, sagt Maximilian Warshitsky überzeugt. Er sieht es wie der Staatsanwalt, der vor zwei Wochen erneut lebenslänglich für die Angeklagten beantragt hat. Es gehe ihm nicht um Rache, erklärt der Sohn. Es gehe um Gerechtigkeit. Wer mit der dreifachen der erlaubten Geschwindigkeit ungebremst durch die Innenstadt „fliege“, müsse damit rechnen, einen Menschen zu töten. „Die Angeklagten haben den Tod meines Vaters billigend in Kauf genommen. Und nur, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“ Maximilian Warshitsky argumentiert wie ein Jurist. Er spricht von Vorsatz, von Mordmerkmalen. Er hatte Zeit, die Akten zu studieren. Seine Arbeit als Webdesigner ruht, weil „ich den Kopf nicht freihabe“.

Das Café, das Warshitsky für ein Treffen vorgeschlagen hat, liegt nicht weit von dem Ort entfernt, an dem sein Vater starb. Warshitsky ist Nebenkläger in dem Mordprozess gegen Hamdi H. und Marvin N. Anders als sein älterer Bruder, der die Angeklagten nicht sehen will und kann, saß er den Beschuldigten bereits im ersten Verfahren gegenüber. Jeder Prozesstag ist hart für ihn. Doch er wollte Antworten, wollte wissen, warum sein Vater sterben musste, ob sein Vater überhaupt eine Chance hatte.

„Mein Vater war eigentlich auf alles vorbereitet. Er hat mit allem gerechnet, was passieren konnte“, sagt Warshitsky. Mit Katastrophen, mit Krankheiten. Sein Vater sei als Armeearzt nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl im Einsatz gewesen. 1987 kam die vierköpfige Familie nach Deutschland. Die Mutter starb 2002 an Krebs. Dann kam das, worauf niemand vorbereitet sein kann: Der Vater hatte keine Chance, als er nichtsahnend bei Grün abbog. Er war sofort tot. Doch die Frage nach dem Warum ist für Maximilian Warshitsky bis heute nicht beantwortet. Warum bremsten die jungen Männer nicht, als sie die 90 Meter weit entfernte rote Ampel sahen? Sie hätten noch rechtzeitig zum Stehen kommen und den Jeep seines Vaters passieren lassen können, hat Warshitsky im Prozess erfahren. Stattdessen traten sie offenbar die Gaspedale durch.

Warshitsky erinnert sich noch sehr genau, wie ihn ein Kollege am Morgen des 1. Februar 2016 anrief. Es habe einen schweren Unfall in der Nähe des Ku’damms gegeben, mit einem pinkfarbenen Jeep. Der Sohn erzählt, wie er daraufhin immer wieder versucht habe, seinen Vater telefonisch zu erreichen. Wie er zu dessen Wohnung gefahren und ihm Topa, der Yorkshire-Terrier des Vaters, entgegengesprungen sei. Vor der Tür standen schon die Journalisten. Warshitsky wollte damals nicht mit ihnen reden.

Heute ist das anders. Er will auf das Schicksal seines Vaters und die Gefahren des Rasens aufmerksam machen. „Es betrifft schließlich nicht nur mich und meinen Bruder, sondern es betrifft uns alle da draußen“, sagt er. Er habe sich oft gewünscht, im Prozess so etwas wie Reue bei den Angeklagten zu spüren oder zu sehen, sagt er. Doch da „kam nichts“.

Warshitsky weiß, dass die Angeklagten bei einem erneuten Schuldspruch wegen Mordes wieder Revision einlegen werden. Er ist darauf vorbereitet. Nicht aber auf ein mildes Urteil. Am Nachmittag werden die Richter ihre Entscheidung verkünden.

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