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Hübsch in einem schmalen Tal gelegen: Wildemann im Harz.

Reisen

Frischer Wind im Oberharz

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Früher war mehr los. Doch das schaurig-schöne Örtchen Wildemann erlebt erstmals seit Jahrzehnten so etwas wie Aufbruchstimmung. Und das liegt auch an der Pandemie.

Rita Brandt muss erstmal ordentlich durchprusten. Gar nicht so einfach, die steile Steigung hinauf aus dem Tal der rauschenden Innerste zu ihrer Pension auf dem Badstubenberg zu schaffen. „Die Knie und der Rücken“, klagt die 72-Jährige und lacht trotzdem. War schon mal leichter, das Ganze. Damals, in einer längst vergangenen Zeit, als in Wildemann im Oberharz der Zug trötend durch den fast 300 Meter langen Tunnel in die Kurve zum Bahnhof gerattert kam, einmal die Woche samstags sogar direkt über Hamburg und Hannover aus Kiel.

Mitte der 70er hat die damalige Bundesbahn die Strecke nach 100 Jahren dichtgemacht und den Tunnel zugeschüttet. Wildemann, malerisch zwischen dichten Fichtenwäldern in einem engen Tal, sieben Wanderkilometer unterhalb von Clausthal-Zellerfeld gelegen, hat das wehgetan. Und Rita Brandt somit auch.

Aber jetzt spürt sie zum ersten Mal – seit es nach der Wende in den frühen 90ern einen kurzen Aufschwung gab, der viel zu schnell wieder abflaute – so etwas wie eine Aufbruchstimmung. In dem ehemaligen Kneipp- und Luftkurort, dessen letztes Erz-Bergwerk 1924 schloss, hat sogar jüngst ein neues Lokal geöffnet. Das „Landhaus Wildemann“ mit eigener Terrasse ist oft gut besetzt.

Wer hoch nach Wildemann mit seinen alten Bergmannshäusern gefahren kommt, fühlt sich an manchen Stellen in die schaurig-schöne Kulisse eines Films der 50er-Jahre zurückversetzt. Gleich rechts hinter der lange schon geschlossenen Tankstelle verfällt eine einstmals prächtige Villa, sie steht seit Jahren zum Verkauf. Ein paar hundert Meter weiter links stehen die verwaisten Tische mit rosa Deckchen hinter der Fensterfront des ehemaligen Gasthauses „Zum wilden Manne“. Kurz vorm „19.-Lachter-Stollen“, dem touristischen Fixpunkt der einstigen Bergstadt, die von Erz, Silber und bald auch von Kurgästen gedeihlich lebte, fristete die lange leerstehende „Kutscherstube“ bis vor Kurzem ein betrübliches Dasein.

Zurückerobert von der Natur: die Ruine des Iberger Kaffeehauses.

Die Speisekarte wies noch mühsam lesbar einen „Kleinen gemischten Salat“ für 2,30 Euro oder eine „Hühnerbrühe mit Einlage“ für 2,80 Euro aus. Preise von vorgestern. Der Schandfleck „Kutscherstube“ ist jetzt endlich abgerissen worden, das verrottete ehemalige Bäderhaus soll folgen. Der Bürgermeister ist erleichtert. Bloß weg mit dem Muff. Platz für frische Luft.

Es tut sich was im ganzen Harz, den einst die Grenzzäune eines geteilten Landes trennten. Das Ende der DDR hat großzügig subventionierten Orten im Osten zu neuer Blüte verholfen, der Westharz fühlte sich schamlos vernachlässigt. Jetzt schickt er sich an, aufzuholen. Das dank seiner weltweit einmaligen Wassersysteme für den verblichenen Bergbau zum Unesco-Welterbe erhobene Mittelgebirge gehört zu den Gewinnern der Corona-Krise.

„Corona“, sagt Anja Heinicke von der Wildemanner Tourismus-Info, „ist für den Harz eine Chance. Viele, die sonst nach Italien oder Spanien geflogen wären, bleiben in Deutschland. Davon profitieren wir.“ Aber wie nachhaltig wird diese Entwicklung sein? Das Fragezeichen bleibt.

Tausende Kilometer wunderschöner Wanderwege, auf denen man bis zum Sommer 2019 so gut wie niemanden traf, sind ein Jahr später zwar keine Flecken der Einsamkeit mehr, aber noch immer Biotope der Entspannung. Von einzelnen Ausnahmen abgesehen: Aus Schierke zur höchsten Erhebung des Harzes, dem sagenumwobenen Brocken auf 1141 Metern, schleppt sich nicht nur die Dampflok, sondern tagtäglich auch Aberhunderte Wanderer, Joggerinnen, Mountainbiker, Rennrad- und E-Fahrradfahrerinnen.

Hier oben, im Nationalpark Harz, wird der von Trockenheit, Stürmen und Borkenkäfern angegriffene Wald der Natur überlassen. Auf ganzen Bergketten stehen bloß noch karge Baumstümpfe, doch der trübe Eindruck trügt: Unter diesem „Silberwald“ gedeiht schon neues Leben und gesunder Mischwald.

Weiter unten, auf 400 Metern Höhe in Wildemann, wirkt der aufgeforstete Wald dicht und grün. Es gibt eine Menge zu entdecken. Auf dem Weg über den Albertturm ins benachbarte Bad Grund liegt tief versteckt im Dickicht nahe der Tropfsteinhöhle das Iberger Kaffeehaus. Einst Treffpunkt der Wanderer und Einheimischen bei Sahnetorte und Kännchen auf der Terrasse des beliebten Ausflugslokals, ist es seit 20 Jahren eine Ruine.

Wildemann im Harz

Die Natur holt sich das Geisterhaus zurück. Angezündet durch den verzweifelten Eigentümer am 28. Februar 2000. Nicht mehr wirtschaftlich. Opfer des damaligen Niedergangs. Der ist nun gestoppt. „Die Leute kommen hierher, um die Seele baumeln lassen“, sagt Anja Heinicke, „und sie sind oft überrascht und begeistert, wie schnell sie über die Autobahn da sind.“ Neben den Mountainbikern haben die Motorradfahrer und Niederländer den Harz für sich entdeckt.

Auch das „Haus Brandt“, das Rita Brandt in dritter Generation alleine führt, seit ihr Mann vor zwölf Jahren verstarb, ist mit seinen beiden Apartments und zwei Doppelzimmern im Corona-Sommer 2020 plötzlich regelmäßig gut gebucht. „Sonst war der Juli immer mau, diesmal ist es anders, und auch der Herbst sieht gut aus“, sagt die Wirtin.

Oben auf der Veranda im ersten Stock sitzen die Gäste besonders gern, blicken rüber auf die Kirche und genießen bei einem Rotwein den Panoramablick. Der Raum sieht noch fast genauso aus wie vor 70 Jahren, als Rita Brandts Großmutter die Pension führte und das Mittagessen nacheinander in zwei Gruppen servierte – so groß war die Nachfrage bei den Gästen auch aus den Nachbarhäusern. Wildemann brummte wie ein Bienenstock.

Die Schwestern Rita Brandt (links) und Ute Schäder.

Unten im Ort, in dem 1975 noch 1500 Menschen zu Hause waren und es jetzt noch knapp 800 sind, steht Ute Schäder mit Mund-Nasen-Schutz in ihrem „Salon Ute“, frisiert eine betagte Kundin, lacht fröhlich und erinnert sich mit großen Augen: „Wir Kinder haben am frühen Abend oft stundenlang aus dem Fenster geschaut, so viel war auf der Straße los.“ Die drei Jahre jüngere Schwester von Rita Brandt hat inzwischen nur noch an vier Tagen in der Woche geöffnet.

„Früher“, sagt sie, blickt versonnen hinaus auf den schmalen Bohlweg, der einzigen Durchgangsstraße durch Wildemann, und zählt auf, „da hatten wir hier zwei Friseursalons, drei Bäckereien, fünf Tante-Emma-Läden, drei Metzger, einen Schuhladen, einen Juwelier, eine Apotheke, drei Tankstellen – Aral, Esso und Gasoline – zwei Gemüsehändler, zwei Dutzend Kneipen, Cafés und Gaststätten, und den Kiosk am Kurpark.“

Geblieben ist neben dem „Salon Ute“ nur das Lebensmittelgeschäft Konsum, ein kleiner Zeitungsladen, das feine Restaurant „Hotel Rathaus“, das nur am Wochenende geöffnete Antikcafé und zwei weitere Gaststätten. Die Minigolfanlage: nach mehr als 50 Jahren seit diesem Frühjahr nur noch eine Blumenwiese. Das Freibad nebenan: geschlossen wegen Corona. Vergangenen Sommer gab es nur ein Kind, das in die erste Klasse hätte eingeschult werden können. Die Eltern warteten lieber ein Jahr auf eine Handvoll Mitschülerinnen und Mitschüler.

Bis vor Kurzem hatte Ute Schäder ihr Ladengeschäft neben dem „Salon Ute“ an eine Bäckerei verpachtet. Die hatte vier Stunden am Morgen geöffnet. Vorbei. Aber hinten in der Nähe des Kurparks im Spiegeltal werkeln Zimmerleute am jahrelang verfallenen Hotel „Bremer Schlüssel“ und nebenan an der zuvor kaum minder heruntergekommenen „Harzperle“, wo ein modernes 40-Betten-Haus für Gruppen entsteht.

Auch in der größten Herberge im Ort, dem lange verlassenen „Waldgarten“ direkt am alten Sportplatz, tut sich mittlerweile wieder was. Das große Kurhaus ist zur Indoor-Minigolf-Anlage unter Schwarzlicht umfunktioniert worden. Ins „Glowgolf Harz“ kommen die Leute weit über die umliegenden Pensionen hinaus nicht nur bei schlechtem Wetter.

Rita Brandt steht auf dem Podest vor ihrem Haus in der Abendsonne und schaut rüber zur Maria-Magdalenen-Kirche, die das Stadtbild prägt. Sie ist jetzt nicht mehr so oft allein mit ihrem Schäferhund Wespe wie noch in den Jahren zuvor, weil die Gäste wieder regelmäßiger buchen. Darüber ist sie froh. Aber sie weiß auch, dass es niemanden in der Familie mehr gibt, der das „Haus Brandt“ übernehmen würde. Die beiden Töchter leben in Heidelberg und Braunschweig und haben ihrer Mutter längst bedeutet, dass sie gern zu Besuch nach Wildemann kommen. Mehr aber auch nicht.

Wenn Rita Brandt den Badstubenberg Richtung Friseursalon ihrer Schwester runtergeht, passiert sie erst die Holzbrücke über der Innerste und dann das Haus der verstorbenen Großeltern von Ex-Fußballnationalspieler Per Mertesacker. Es wird von Pers Eltern, die in der Nähe von Hannover leben, prächtig instand gehalten. Aber es steht leer.

Ute Schäder sagt, solange sie morgens aufstehe und sich auf einen Arbeitstag im Friseursalon noch freue, werde sie weitermachen. Doch dass nebenan noch jemals wieder eine Bäckerei einzieht, glaubt die 69-Jährige nicht. Gerade sieht es ein bisschen so aus, als könnte sie sich irren. Sie hätte nichts dagegen. Der Aufschwung steht noch scheu am Anfang.

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