Hubertus Becker sitzt schon seit insgesamt mehr als 20 Jahren hinter Gittern - oder hinter Glas.
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Hubertus Becker sitzt schon seit insgesamt mehr als 20 Jahren hinter Gittern - oder hinter Glas.

Knastliteratur

Die Freiheit auf dem Papier

Hubertus Becker hat die Knastliteratur in Deutschland salonfähig gemacht.

Von Marko Cubrilo

Hinter Gittern ist er schon insgesamt mehr als 22 Jahre. Derzeit sitzt Hubertus Becker in der JVA Diez ein. Er dealte auf mehreren Kontinenten mit Heroin, Kokain und Haschisch, man beschuldigte ihn in den 1970er Jahren, mit der Opel-Erbin Putzi von Opel mehrere Tonnen Haschisch nach Saint-Tropez geschmuggelt zu haben. In mehr als 20 Jahren Haft war der deklarierte Alt-Hippie aus dem Hunsrück an drei Gefängnismeutereien im In- und Ausland beteiligt und erreichte seinen medialen Höhepunkt als Geldwäscher bei der Oetker-Entführung.

Heute gilt Becker als renommiertester Schriftsteller einer deutschen Haftanstalt. Er ist zweifacher Ingeborg-Drewitz-Preisträger und Juror des Literaturpreises für Knastliteratur.

„Während meiner Schmuggel-Zeit habe ich angefangen, Tagebuch zu führen, und 1976 habe ich auch meine erste journalistische Arbeit veröffentlicht – über Opiumhöhlen in Indien“, erzählt Becker. Den ersten Ingeborg-Drewitz-Preis Ende der 1980er Jahre erhielt er mit dem österreichischen Serienmörder Johann „Jack“ Unterweger und dem Einbrecher und „Tatort“-Autor Peter Zingler. Den Preis bekam er für seine Kurzgeschichte „Die Fahrt in der grünen Minna“, eine romantische Darstellung von Gefangenentransporten quer durch die Republik.

Links-anarchistische Weltanschauung

„In den letzten zwei Jahren habe ich ein Buch über meine Kindheit, den Hunsrück und die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, geschrieben“, sagt Becker. Zurzeit bereitet er eine Reihe von Büchern über seine kriminelle Karriere vor. Für den Titel des Buches hat er sich ein Zitat aus der Bibel ausgesucht: „Wes das Herz voll ist ... (dem fließt der Mund über)“ Spießbürger seien für ihn nur Publikum, die Inspiration komme aus dem Knast und dem Untergrundleben.

Beim Schreiben könne er seine links-anarchistische Weltanschauung elaborieren, Widerstand gegen die Justiz darlegen und um seine Freiheit kämpfen – und „das Schöne in der Welt darstellen“, sagt er.

Becker, der nach dem Abitur 1971 vier Semester Sozialwissenschaften belegte, will den „normalen“ Bürger zumindest für eine kurze Zeit in eine andere Welt entführen. Dies bewegte ihn auch, das Buch „Ritual Knast“ zu verfassen, den Leuten einen Einblick hinter die dicken Gefängnismauern zu geben. „Ich habe unter Christen und Moslems gelebt, mit Hindus und Buddhisten, in China auch unter Kommunisten, und habe festgestellt, wie die Träume dieser Menschen sind und welche Hürden es im Leben gibt. Diese gilt es zu überwinden.“

Becker hat Knastliteratur in Deutschland salonfähig gemacht. Er ist einer der wenigen Gefangenen in Diez, die Zugriff auf einen Computer haben. Wie er selbst sagt, ist er als Mitglied der Gesellschaft gescheitert, hat zwei Ehen hinter sich, seine Eltern haben ihn enterbt und seine Brüder reden nicht mehr mit ihm.

Exponiertester Vertreter der Randgruppenliteratur

Helmut Koch, Literaturwissenschaftler an der Universität Münster, hält ihn für den derzeitig exponiertesten Vertreter der Randgruppenliteratur. Obwohl Gefangene in Deutschland gemeinhin nicht für literarisch begabt gehalten werden, machen viele ihren Unmut in Texten frei. Ausgangspunkt der deutschen Knastliteratur war Anfang der 1980er Jahre. Damals entschied sich Koch, ein Projekt zu starten, das jedem Gefangenen die Chance geben sollte, seine Werke zu veröffentlichen. In 30 Jahren wurden mehr als 250 Bücher auf den Markt gebracht. Nicht nur aus moralischen Gründen, wie er sagt, sondern auch um den Gefangenen Gehör zu verschaffen.

„Gefangene schrieben dokumentarisch darüber, was mit ihnen passiert, wer sie sind, was der Knast für einen Sinn macht“, sagt Koch. Psychologisch gesehen sei es wichtig, den Gefangenen die Möglichkeit zu geben, sich kreativ auszudrücken. Nur rund 50 Prozent hätten innerhalb der Gefängnismauern einen Arbeitsplatz. Durch Zufall sei er auf das Thema Gefängnisliteratur gestoßen. „Es wird ja auch aus einem Leiden heraus geschrieben, was als Hilfeschrei zu verstehen ist.“ Obwohl in den vergangenen 30 Jahren rund 250 Buchtitel erschienen sind, seien die meisten nicht mehr greifbar, weil sie in kleinen Verlagen oder Schreibgruppen erschienen.

„Es geht mehr oder weniger alles über Agenturen oder Schreibschulen. Natürlich arbeiten wir auch mit bekannten Namen“, sagt die Sprecherin des Dumont Verlags, Julia Giordano. Es gebe aber keine politische Grundlage für eine Ablehnung eines Manuskriptes aus einer JVA. Das Einzige, was für Verlage zähle, sei die Qualität der Texte. (dpa)

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