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Zwei Wale werden umgeladen.

Wale

Freigelassen oder rausgeworfen?

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Wie die Auswilderung gefangener Orcas und Belugawale in Russland zur Farce gerät.

Am Ende trumpfte das „Allrussische Institut für Fischwirtschaft und Ozeanologie (kurz WNIRO) noch einmal groß auf. „Experten und Wissenschaftler unterstreichen die Einmaligkeit dieser Arbeiten“, verlautbarte das Institut gestern auf seiner Website, „zum ersten Mal ist eine so große Zahl von Tieren freigelassen worden, die Seite an Seite mit den Menschen lebten.“ Gestern hat das WNIRO nahe dem Kap Perowski am Ufer des Japanischen Meers zwei junge Orcas und sechs Belugawale ausgesetzt.

Tatsächlich war die Operation spektakulär. Sie startete vergangenen Donnerstag, als Fernsehreporter während einer Liveshow mit Wladimir Putin bekannt gaben, dass man die acht Wale aus einem Gehege in der Bucht Srednjaja bei Nachodka in Transportwannen verfrachtet habe. Von dort wurden die Meeressäuger in Lastwagen-Containern über insgesamt 1800 Kilometer ans Japanische Meer gebracht, wo sie ausgewildert werden sollten.

„Eine Weltsensation“ nannten Staatsreporter die Aktion. Unabhängige Walexperten und Ökologen indes sind entsetzt: „Nicht befreit, sondern hinausgeworfen“, hieß es gestern in einer Stellungnahme des Walschutzbündnisses „Freiheit für Orcas und Belugas“. Die Aktion sei „äußerst unprofessionell und qualvoll für die Tiere“ verlaufen und „verstieß gegen die weltweiten Standards und gegen die einmütigen Ratschläge führender russischer und internationaler Wissenschaftler“.

Vorher hatte es monatelang eine öffentliche Debatte um die insgesamt fast hundert Jungwale gegeben, die seit vergangenem Jahr in dem Gehege bei Nachodka leben. Vier Privatfirmen, die die Tiere illegal gefangen hatten, um sie an ausländische Aquarien zu verkaufen, waren mit Bußgeldern bestraft worden.

Aber der Start der Freilassungsaktion kam für die beteiligten Walschützer ebenso überraschend wie die Tatsache, dass das WNIRO ausgerechnet die an den illegalen Einfangaktionen beteiligten Firmen mit dem Transport der ersten acht Tiere beauftragte. Erstaunlich war auch die Transportroute auf dem Landweg. Am Ufer des Japanischen Meeres angekommen, mussten die Wale noch zwei Tage in ihren Wannen ausharren, weil die See zu stürmisch gewesen sei, um sie zu Wasser zu lassen.

Walexperten hatten vorgeschlagen, die bei Nachodka gefangenen Tiere entweder dort gemeinsam freizulassen, oder alle auf einem Frachtschiff über See in ihre Heimatgewässer zu befördern. Orcas und Belugas sind Raubwale, die in Rudeln von bis zu 50 Tieren jagen. Die Jungtiere besäßen also in größeren Gruppen deutlich höhere Überlebenschancen im Meer. Nach Ansicht der Tierschützer hätten sie außerdem noch mehrere Wochen gemeinsam in größeren Gehegen leben müssen. Zum einen, um sich von den Menschen zu entwöhnen, die sie monatelang per Hand gefüttert hatten. Zum anderen, um eigene Rudel zu organisieren. Und noch am Vormittag hatte die Agentur RIA Nowosti eine WNIRO-Verlautbarung zitiert: Die Wale würden in ein vorbereitetes Gehege gesetzt und erst „nach allen Prozeduren zu ihrer Readaptierung“ ins offene Meer entlassen.

„Nun haben die Tiere die letzten sieben Tage in engen Wannen verbracht“, sagte Dmitri Lisizyn, Leiter der Naturschutzorganisation „Ekologicheskaja Wachta Sachalina“. Er befürchtete, es gehe den Tieren schlecht: „Eine Woche im Container kann für die Wale schwere gesundheitliche Schäden oder gar den Tod zur Folge haben.“ Videos von der Entladung der Wale am Strand zeigen eine mit Blut befleckte Matte.

Vorher hatten die Ökologen gefordert, zu den Walen zu dürfen, vergeblich. „Die einzige Kontrolle, ob die Tiere noch leben, sind die Radarsonden, die man ihnen angelegt hat“, sagt Lisyzin. Aber zu deren Signalen hätte nur das WNIRO Zugang. „Und dieses Institut ist nicht vertrauenswürdig.“ Das WNIRO hat unterdessen vermeldet, es würden bereits die nächsten Jungwale in Nachodka auf ihren Abtransport vorbereitet.

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