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Sie steht und steht und steht ... und soll dereinst in neuem Glanze strahlen: Die Bakunin-Hütte im Herbst 2019. 

Bakunin-Hütte

Das Freigeisterhaus

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Seit fast hundert Jahren steht die Bakunin-Hütte auf der Hohen Maas in Thüringen. Wie ein Fels in der Brandung hat sie die Brüche der deutschen Geschichte überdauert – und doch grenzt es an ein Wunder, dass sie noch steht.

Weit geht der Blick nach Süden. Immer wieder bleiben die Spaziergänger und Pilzsucher, die an diesem nass-warmen Herbstsonntag auf dem kleinen Plateau unterwegs sind, stehen, um die Aussicht über das Thüringer Land zu genießen. Und manche von ihnen machen Halt an dem Haus, das hier knapp unterhalb des höchsten Punktes auf der Hohen Maas steht, und lassen sich von Mark Mence und Horst Puchta, dem „guten Geist der Bakunin-Hütte“, die wechselhafte Geschichte dieses Gebäudes erklären, das hier oben seit einem Jahrhundert den Wirren des Weltenlaufs trotzt. Und wenn man Mence und Puchta so zuhört, wird deutlich, dass es ein kleines Wunder ist, dass dieses Haus auch heute noch hier steht.

Als Mark Mence sich nach der Maueröffnung 1990 mit einem ebenfalls geschichtsinteressierten Freund in Meiningen auf die Suche nach der Hütte macht, über die er in einem Artikel über den Vagabunden und Wandervogel Fritz Scherer gelesen hatte, stößt er auf so manch verwirrende Antwort: „Die Baganinihütte?“, fragten etwa einige zurück, die Mence auf die Bakunin-Hütte angesprochen hatte. Ihr thüringisches Idiom hatte den Namen des anarchistischen russischen Revolutionärs und Denkers Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814 – 1876) phonetisch dem des italienischen Geigers und Komponisten Niccoló Paganini (1782 - 1840) angeglichen. Andere erinnerten sich an die „Anarchisten-Hütte“. Oder auch „die Hütte mit den schönen Männern“, ein Verweis auf die dortigen lebensreformerischen Aktivitäten der 1920er Jahre, zu denen selbstredend auch die Freikörperkultur gehörte.

Die beiden Berliner wurden auf den Berg Hohe Maas geschickt, etwa eine Stunde und 250 Höhenmeter von Meiningen entfernt. Als sie ein eingezäuntes Gelände fanden, das ausgehebelte Tor im Gebüsch, die ehemals offenen Flächen stark zugewuchert, da wussten sie: „Wir sind am Ziel“. In der Rückschau muss man sagen: Die beiden hatten die Hütte zwar gefunden, aber damit waren sie noch längst nicht am Ziel, sondern erst am Anfang ihres Weges angekommen.

Wollen das Haus mit Leben füllen: Mark Mence, Hannes Remmler und Horst Puchta vom Wanderverein Bakunin-Hütte (v.l.n.r.).

Heute, 30 Jahre später, sind Mence und seine Mitstreiter kurz vor dem Ziel und können – nach langwierigen Auseinandersetzungen mit verschiedenen Behörden – ihr Nutzungskonzept für das fast 100 Jahre alte Gebäude im besten Falle bald umsetzen. Sie wollen die Hütte renovieren und als Bildungsstätte sowie Wanderheim betreiben. Eine wichtige Etappe auf diesem Weg war sicherlich, als die Bakunin-Hütte 2015 als erstes und bislang einziges Denkmal der anarchosyndikalistischen Arbeiterbewegung in Deutschland offiziell anerkannt und auf die thüringische Denkmalliste gesetzt wurde. Doch bis das erreicht war, hatten das Gelände und die kleine Hütte mit ihren vier Räumen auf zwei Stockwerken eine fast zweistellige Zahl an Umbrüchen in der deutschen Geschichte überstanden. Sie illustrieren zugleich etliche der Brüche in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.

1919, also 70 Jahre bevor Mark Mence in Thüringen ankam, begannen anarchosyndikalistische Arbeiter und Arbeiterinnen auf der Hohen Maas mit einer kleinen Landwirtschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten viele Menschen hungern, so entschieden sich Reichsbahner und andere Arbeiter aus Meiningen und Umgebung, die in der zu SPD und KPD und deren Gewerkschaften oppositionellen Freien Arbeiter Union Deutschland (FAUD) organisiert waren, die Sache selbst in die Hand zu nehmen: Sie pachteten 6400 Quadratmeter Land auf der Hohen Maas und begannen mit dem Anbau von Gemüse, Kartoffeln und Getreide zur Selbstversorgung. Bald entstand ein kleiner, in die Erde gegrabener Unterstand, um sich vor Wind und Wetter auf dem 495 Meter hohen Berg schützen zu können. Aus dieser so genannten „Erdgamme“, deren Wände mit Zweigen und Moos gepolstert waren, entstand eine einfache, niedrige Steinhütte, deren Bau 1926 abgeschlossen war. Zudem gründeten die Arbeiter und Arbeiterinnen den „Siedlungsverein gegenseitige Hilfe“. Bis 1925 betrieben sie auf der Hohen Maas kollektive Landwirtschaft und verteilten wohl auch die Erträge nach dem Solidarprinzip – zumindest unter ihren Mitgliedern, wie der Historiker Kai Richarz in den „Blättern zur Landeskunde Thüringen“ schreibt. Richarz hat am Institut für Geschichtswissenschaften der FU Berlin eine Bachelorarbeit zur Bakuninhütte verfasst.

Auch wenn ab 1925 Landwirtschaft eine geringere Rolle spielte, so war die Kunde vom schönen Flecken doch herumgekommen – und die Funktion von Gelände und Hütte wandelte sich von Versorgung zur Erholung. Im Sonntagsstaat pilgerten die Arbeiter mit ihren Familien herauf, im Gepäck Musikinstrumente und Picknickkörbe. Der Steinbau wurde zum Kellergeschoss des ersten Erweiterungsbaus – alles in Eigenleistung. Baumaterialien mussten über einen etwa vier Kilometer langen Waldweg transportiert werden. Noch heute ist das Gelände nur über Forstwege erreichbar, von denen einer künftig aufgrund amtlicher Anforderungen zumindest so ausgebaut werden soll, dass die Feuerwehr im Notfall das Gelände anfahren kann.

Freie Menschen, klare Worte.

Auf dem Hüttengelände stehen heute noch zwei verrostete Stahlträger, wo sich vor Jahrzehnten ein Kettenkarussel mit sechs Sitzen drehte, angetrieben per Handkurbel. Neben dem Karussell gab es auch Schaukeln und im Winter – das belegen alte Bilder, die Puchta und Mence zeigen – stiegen die Leute auf Skiern auf. Auch von weiter her kamen Genossen und Genossinnen der südthüringischen Anarchosyndikalisten, etwa aus dem Rhein-Main-Gebiet und aus Berlin. Auch Berühmtheiten waren darunter, 1930 kam der Schriftsteller Erich Mühsam zum ersten Mal herauf zur Bakunin-Hütte und schrieb seiner Frau begeisterte Karten, auch später hielt er sich mehrfach dort auf. Auch der anarchistische Schriftsteller Augustin Souchy war in der Hütte zu Gast.

Schon an der ersten Steinhütte prangte ein Gedenkschild für den 1876 gestorbenen Bakunin. Und 1926 schließlich stellten die Meininger Anarchisten zu Ehren des von ihnen bewunderten Berufsrevolutionärs und prominenten Gegenspielers von Karl Marx in der Ersten Internationalen einen Weihestein auf, der – anders als die Hüttentafel – die Jahrzehnte wechselhafter Geschichte überdauerte. Mehr als 200 Splitter der von den Nationalsozialisten zerschlagenen historischen Hüttentafel existieren noch, eine fast originalgetreue Nachbildung ist in die Außenwand eingelassen. „Freies Land und freie Hütte / freier Geist und freies Wort / freie Menschen, freie Sitte / zieht mich stets zu diesem Ort“ steht da, so wie es auch die FAUD’ler in den 1920er Jahren formuliert hatten, geziert vom schwarzen Stern der Anarchisten. Einziger Unterschied: Der Stern auf der historischen Tafel trug Hammer und Sichel. Auch das eine Spur der tiefen Brüche zwischen dem anarchistischen und dem kommunistischen Teil der Arbeiterbewegung.

Als im Jahr 1928 die Meiniger FAUD die erste Erweiterung des Steinkellers zur richtigen Hütte und damit auch den Stein mit dem Hüttenspruch einweihte, da war vom großen Bruch des Jahres 1933 noch wenig zu ahnen. Bis dahin durften sie und ihre Besucher, zu denen viele Wandervögel und Mitglieder anderer lebensreformerischer Bewegungen – Alternativkulturen würden wir heute sagen – gehörten, noch einige unbeschwerte Jahre auf der Hohen Maas genießen. Das Gelände war so beliebt, dass schon 1932 eine zweite Erweiterung begonnen wurde. Beendet wurde sie aber erst einige Jahre später – von einer Familie aus einem nahegelegenen Ort, die die Hütte der SS abgekauft hatte. Diese hatte das Gelände nach der Enteignung der Anarchisten im Jahr 1933 durch das Nazi-Regime zwei Jahre lang genutzt.

Sammelkarte: Reproduktion der historischen „Baufondskarte“, mit der einst um Geld für den Ausbau der Hütte geworben wurde.

Es mag wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen, dass ein so stark von der Idee der Freiheit geprägter Ort einer Organisation wie der SS in die Hände fiel. Und es darf durchaus als glückliche Fügung bezeichnet werden, dass die stets von Kollektiven getragene Hütte in private Hände überging. Es scheint, als wäre es dieser Familie gleich zweifach zu verdanken, dass die Hütte heute noch steht: Zum einen, weil nicht sicher ist, ob die Nazis die Hütte nicht dem Erdboden gleich gemacht hätten, zum anderen weil die Familie den zweiten Erweiterungsbau fertigstellte und dadurch vermutlich schwerwiegende Schäden an der Bausubstanz verhinderte.

1945 schließlich: erneute Enteignung, dieses Mal durch die Sowjetische Militäradministration in Deutschland. Einige Meiniger Anarchosyndikalisten, die den Krieg überlebt hatten, unternahmen den vergeblichen Versuch, ihr früheres Eigentum zurück zu bekommen. Um den Anschein der Rechtmäßigkeit des Eigentumsübergangs zu wahren, folgte ein vorgeblicher Verkauf des Geländes durch einen der beiden ursprünglichen FAUD-Besitzer an die SED Meiningen – woraufhin sich die beiden bis heute Wand an Wand wohnenden Familien für lange Zeit tief zerstritten.

Ein zweiter, eher kurzer Nutzungsversuch zur Bekämpfung des Hungers nach dem Zweiten Weltkrieg, erinnert an die Anfangszeit, dann stand die Hütte lange leer und drohte zu verfallen. Die Stadt Meiningen und die örtliche Freie Deutsche Jugend (FDJ) retteten das Gebäude und sanierten das Nötigste, um es von 1953 bis 1959 für Ferienlager und bis 1962 für Ausflüge mit Kindergruppen zu nutzen. So kam Horst Puchta, der gute Geist, erstmals herauf zur Bakunin-Hütte, 1959 verbrachte er, wie er sagt, „aufregende und beglückende Tage“ dort. Das merkt man dem heutigen Ruheständler noch immer an, wenn er davon erzählt. Natürlich hieß die Hütte in dieser Zeit nicht mehr nach Bakunin, sondern war nach August Bebel benannt. Heute gehen in Meiningen die Meinungen auseinander, ob es nun lustig ist oder nicht doch absurd, dass die SED die ehemalige Hütte von Anarchisten nach einem der SPD-Gründer benannte.

1962 dann: ein neuer Bruch, ein neuer Name. Aus der August-Bebel-Hütte wird die Karl-Kneschke-Hütte, der Kulturbund der DDR übernimmt die Regie. Dessen Bundessekretär Kneschke – ein seit 1919 hauptamtlich für den Kommunismus arbeitender Parteiaktivist – war wenige Jahre zuvor verstorben und wurde wohl darum zum Namenspatron. Die Kulturbundler widmeten sich vornehmlich dem Naturschutz rund um die Hütte, bis sie ihnen 1968 wieder weggenommen wurde – angeblich sollen dort getarnte Bakunin-Feiern veranstaltet worden sein. Puchta und Mence bezweifeln, dass sich alte FAUD-Strukturen in den offiziellen Organisationen gehalten haben. Eher dürfte das ein leicht vorzubringender und kaum gefahrlos zu widerlegender Vorwand gewesen sein, die Hütte der Bereitschaftspolizei zu übergeben, die auf der Hohen Maas bis 1989 ihre Übungen absolvierte.

Zehn verschiedene Verwendungen binnen 56 Jahren – das sind viele Brüche. Aber die Bakunin-Hütte scheint auch von einem guten Geist der Kontinuität getragen zu werden. So konnten Mark Mence, Horst Puchta und die anderen Aktiven aus dem Verein beispielsweise herausfinden, dass in der Kulturbundzeit (und auch während der Nutzung durch die Polizei) der historische Bakunin-Gedenkstein auf dem Gelände entdeckt, dann aber wieder mit der Inschrift nach unten abgelegt worden war. So konnte er der Vernichtung entgehen und die wechselhaften Zeiten überdauern. Heute steht er als ausgewiesenes Einzeldenkmal in der Hütte. Und wenn das Treppenhaus eines Tages renoviert ist, soll der Stein dort einen Ehrenplatz bekommen.

Die Bakunin-Hütte

Der Wanderverein Bakunin-Hütte wurde 2006 gegründet, hat über 130 Mitglieder, organisiert wöchentliche Wanderungen, betreibt einen Stammtisch, bietet geführte Wanderungen zur Hütte und Führungen auf Anfrage und kümmert sich um den Erhalt sowie die Renovierung der Hütte. Auch historische Forschung betreibt der Verein intensiv: kontakt@bakuninhuette.de und www.bakuninhuette.de

Das Gelände ist von Meiningen aus auf verschiedenen Wegen in gut einer Stunde erreichbar. Das Gebiet rund um Hohe Maas und die Hütte lädt zum Wandern ein, mit offenen Flächen, wertvoller und artenreicher Kalkmagerwiese und schönen Mischwäldern. An Wochenenden ist meistens jemand auf dem Gelände anzutreffen.

Zwei Preise wurden dem Verein jüngst für sein Engagement verliehen: Im September der Hermann-Brill-Preis für ehrenamtliches lokales Engagement der SPD-Fraktion im Thüringer Landtag sowie Ende Oktober der Erich-Mühsam-Förderpreis. 

Anarchosyndikalismus

Die Freie Arbeiter Union Deutschland (FAUD) wurde 1919 gegründet, in ihr sammelten sich zur SPD, KPD und deren Gewerkschaften oppositionelle Arbeiter und Arbeiterinnen. Berlin, das Ruhrgebiet und Thüringen waren in der Hochzeit der FAUD zwischen 1919 und 1923 Schwerpunkte dieser Arbeiterbewegung.

Im Ruhrgebiet war die FAUD 1920 maßgeblich am Widerstand gegen den Kapp-Putsch beteiligt und gründete die Rote Ruhrarmee mit zeitweise 50 000 Bewaffneten. Sie wurde später auch von kommunistischen und sozialdemokratischen Organisationen getragen. Anders als in anderen Teilen Deutschlands zielte die Rote Ruhrarmee nicht nur auf die Abwehr der Putschisten, sondern auf die Übernahme der Macht in Verwaltungen und Unternehmen. Der „Ruhraufstand“ dauerte bis in den April, obwohl der Kapp-Putsch am 13. März bereits nach vier Tagen niedergeschlagen war. Die Ruhrarmee wurde mit Rückendeckung der sozialdemokratischen Reichsregierung von der offiziellen Reichswehr, gemeinsam mit Freikorps, blutig niedergeschlagen. 

Die FR-Serie „Du gehörst zu mir“

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Wie bringen wir die Demokratie, wo sie zu verderben droht, wieder zum Blühen? Fragen, die sich 2019 mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde im Mai

70 Jahre alt, Ende Mai haben Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament gewählt, und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Damit befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit Anfang des Jahres.

Noch bis zum 9. November werden wir unter dem Stichwort „Brüche“ Geschichten erzählen von Menschen, deren Leben von Wirrungen und Wendungen geprägt wurden. Wir betrachten das Wort Bruch näher, auch, um die hellen Seiten dieses oft eher mit Angst und Unsicherheit besetzten Begriffs zu beleuchten. Und um Mut zum Bruch zu machen. FR

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