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Der 29-jährige Krankenpfleger Chanki Belaliat würde lieber in Nizza wohnen, dort wo die Menschen eine Arbeit haben und nachts Ruhe herrscht.

Zwei-Klassen-Gesellschaft

Frankreichs ungeliebte Kinder

Sie leben im reichen Nizza – und doch nicht. Die Bewohner von Ariane, einer bettelarmen Vorstadtsiedlung, bekommen die Folgen der Zwei-Klassen-Gesellschaft besonders deutlich zu spüren.

Von Annika Joeres

Wenige Kilometer hinter der letzten Haltestelle der Straßenbahn beginnt die dunkle Seite der Stadt. Es riecht nach Müll und dem Ofen des Krematoriums, die vierspurige Ausfallstraße lärmt und graue Häuser ragen in den Himmel. Nur einige Busminuten von der glitzernden Strandpromenade von Nizza entfernt liegt das berüchtigte Viertel „Ariane“ in einer Bergsenke. „Wenn wir könnten“, sagt Amila N’drengat, „würden wir sofort umziehen.“ Die füllige Frau mit dem rostroten Sari-Tuch kauft gerade Tomaten und Lammfleisch für das Mittagessen ihrer fünfköpfigen Familie ein und schüttelt den Kopf. „Wer lebt denn schon freiwillig hier?“, fragt sie und lässt ihren Blick über die tristen Hochhäuser schweifen.

Eigentlich sollte sie hier gar nicht mehr hausen müssen. Eine vor zehn Jahren verabschiedete Reform die französischen Zwei-Klasse-Städte verschmelzen. Das Gesetz „Solidarité et renouvellement urbain“ (SRU) schreibt seit 2001 Orten mit mehr als 30.000 Einwohnern vor, mindestens 20 Prozent ihrer Wohnungen an einkommensschwache Personen und Familien zu vermieten. Das Wuchern der Vorstädte, ihre isolierte Lager, die gewaltsamen Ausschreitungen in diesen Quartieren: All das sollte künftig vermieden werden. Der Plan: Franzosen aus allen Schichten sollten möglichst in allen Stadtvierteln gemeinsam wohnen.

In vielen Metropolen hat das Gesetz auch zu einem Bau-Boom geführt. Allein in Marseille wurden in den vergangenen zehn Jahren knapp 9000 Sozialwohnungen gebaut. Die Millionenstadt gilt heute als sicherer und in allen Vierteln als vielfältig. Nizza aber hat das Gesetz ignoriert.

Ariane zieht sich knapp zwei Kilometer am Ufer des schmal rinnenden, dreckigen Flusses Peillon entlang. Eine unaufhörlich befahrene Schnellstraße begrenzt das Viertel. Im Westen wölbt sich direkt an den Hochhäusern ein Hügel auf, der mit dem größten Friedhof der Stadt überzogen ist. Im Süden entweichen aus dem 30 Meter hohen Schlot des Krematoriums unangenehme Gerüche. Und dazwischen wohnen die 30.000 Arianesen in gleichförmigen Blocks.

Die meisten Gebäude sind mindestens 14 Etagen hoch, der Putz ist abgeblättert und die Wände mit Parolen besprüht. Meist sind es Beschimpfungen der „Flics“, der ungeliebten Polizei. Die Straßen gehen alle rechtwinklig voneinander ab, die fleckigen Fassaden der Wohnsilos wiederholen sich monoton. Dieses Viertel ist 1962 auf dem Reißbrett innerhalb weniger Monate entstanden. Und hat seitdem keinen neuen Anstrich bekommen. „Unsere Wohnung wurde noch nie renoviert“, behauptet Amila N’drengat. Zeigen möchte sie ihre drei Zimmer aber nicht. „Zu voll“, sagt sie nur und schüttelt heftig den Kopf. Ganz Ariane wirkt zu voll. Die Straßen sind schmal, die Parkplätze belegt und Grünflächen mussten offenbar neuen Wohnhäusern weichen.

"Wir sind das ungeliebte Kind von Nizza"

Bis heute werden alle Immigranten in Ariane untergebracht. Auch als N’drengat vor 15 Jahren aus dem Senegal nach Frankreich flüchtete, schickte die Einwanderungsbehörde die junge Frau und ihren Mann sofort in die Vorstadt. Zehn Jahre nach dem Erlass des SRU-Gesetzes haben Nizza und etwa die Hälfte aller französischen Bürgermeister zu wenige Sozialwohnungen gebaut oder sogar gar keine. Der noble Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine beispielsweise bietet seinen Bewohnern nur 3,6 Prozent staatlich subventionierte Appartements an. Besonders aber in Südfrankreich fehlen Sozialwohnungen: Städte wie Toulon, Antibes und Nizza verkaufen ihr lukratives Land lieber an solvente Investoren als es für ärmere Bürger zu reservieren.

Die 400.000-Einwohner große Mittelmeer-Metropole Nizza ist eigentlich so wohlhabend wie nur wenige Städte in Europa. In Nizza tragen zur Winterzeit viele Touristen Pelzmäntel an der Promenade, in der pittoresken Altstadt reihen sich Restaurants und poppige Bars aneinander. Weiße Einheimische und Reisende aus Amerika, China und Russland bevölkern die sonnigen Terrassen und kaufen südfranzösische Delikatessen wie gelierte zuckrige Früchte und marinierte Oliven ein. „Diese Menschen kommen nie freiwillig in unser Viertel“, sagt N’drengat achselzuckend. „Wir sind wie das ungeliebte Kind von Nizza.“ Wut empfinde sie aber nicht, sagt die rundliche Frau. „Das war ja schon immer so“, sagt sie. N’drengat spricht von Nizzas Innenstadt wie von einem fernen Land, mehrfach hebt sie ihren Zeigefinger in Richtung Süden, wo das Meer liegt und die reichen Weißen wohnen.

In Ariane haben die meisten Bürger Vorfahren aus den Maghreb-Staaten oder sie sind aus allen Kriegsgebieten der Welt nach Frankreich geflüchtet und im Vorort gelandet. Die Mehrheit der Frauen trägt ein Kopftuch und die Menschen kaufen in kleinen arabischen Geschäften ein. Ein Restaurant für die 30.000 Einwohner gibt es nicht, sie müssen sich mit schmucklosen Eckkneipen begnügen.

Auch Chanki Belaliat möchte lieber zehn Kilometer weiter südlich wohnen. Dort, wo die Luft sauber und die Straßen gefegt sind, die Menschen eine Arbeit haben und nachts Ruhe herrscht. Aber der 29-jährige Krankenpfleger konnte sich keine Wohnung in der Innenstadt leisten. „Wir hätten mit unseren beiden Kindern für immer in einem kleinen Studio leben müssen“, sagt er. Da hätten sie lieber in Ariane eine Dreizimmerwohnung für 100.000 Euro gekauft. Belaliat erzählt mit leiser Stimme, als schäme er sich, seiner Familie kein besseres Viertel bieten zu können. „Wir leben hier im Alltag aber ganz gut“, versichert er immer wieder. Sie hätten dieselben Sorgen und Freuden wie jede Familie.

Trotzdem hofft der bebrillte junge Mann, dass seine Kinder später woanders leben können. „Ariane ist wie ein dunkles Loch, aus dem nur schwer herauszukommen ist“, sagt er. Arbeitssuchende versuchten häufig, sich eine andere Postadresse zu besorgen – mit Ariane als Wohnort hätten sie bei Bewerbungen schon verloren. Auch deshalb hat sich Belaliat selbständig gemacht. Unaufhörlich klingelt sein Telefon. Als Pfleger absolviert er täglich rund 40 Hausbesuche und kennt viele der maroden Wohnungen von innen. „Die Armut ist extrem“, sagt er. Einige Wohnblöcke würden er und seine Kollegen in der Dunkelheit nicht mehr anfahren, weil sie Überfälle fürchteten. „Von dort laufen Mütter selbst mit 40 Grad Fieber zum Arzt, sie haben keine andere Chance“, erzählt er. Manchmal lacht Belaliat, so unglaublich findet er selbst seine Erfahrungen. „Man könnte meinen, wir leben in einem anderen Land“, sagt er.

Im Nachbarland Deutschland finden sich in vielen großen Städten Viertel wie Bruckhausen in Duisburg oder Neukölln in Berlin, die mehrheitlich von armen und arbeitslosen Menschen bewohnt werden. Aber in Frankreich sind die als „Banlieue“ bezeichneten Quartiere oft kilometerweit von den Innenstädten entfernt, manchmal fahren nicht einmal Busse zu den Betonburgen auf der grünen Wiese oder im Industrieviertel.

Der Staat hatte nach dem Ende des blutigen Algerienkrieges 1962 in kürzester Zeit zehntausende Wohnungen für die französischen Siedler hochgezogen, die aus dem Maghreb-Staat geflüchtet waren. Auch in Nizza wurde aus dem bäuerlichen Olivenhain in Ariane innerhalb von wenigen Monaten ein Wohnhaus-Ghetto. „Seitdem werden hier alle Menschen reingesteckt, die nicht zur wohlhabenden französischen Mehrheit gehören – Flüchtlinge, Arbeitslose, Alleinerziehende“, sagt George Claude Trova, der Vorsitzende des Nachbarschaftsvereins „Ariances“. Der 62-jährige Rentner wurde als Beamter eines staatlichen Unternehmens für Sozialwohnungen vor 30 Jahren nach Ariane versetzt und versucht nun ehrenamtlich, das Viertel zu verschönern. „Es ist ein toller Ort zum Leben“, versucht der Grauhaarige mit der roten Brille etwas schüchtern, Werbung zu machen. Er sitzt in einem großen Ledersessel in seinem kleinen Büro. Bunte Hochglanz-Prospekte über ein Straßenfest und ein neues Wohnhaus stapeln sich auf seinem Schreibtisch. Im Nachbarzimmer können Jugendlich kostenlos im Internet surfen, in der „Cyberwelt“, wie Trova distanziert sagt. An diesem Morgen aber ist der Computerraum menschenleer. „Er ist aber sehr beliebt“, sagt Trova.

Bei vielen Bewohnern des Viertels blitzt im Gespräch ein ambivalenter Stolz auf. Schließlich wollen sie auf ihr Elend aufmerksam machen und so Renovierungen und Projekte beim Rathaus einfordern. Gleichzeitig soll das Image verbessert und die vermögendere Mittelschicht angezogen werden. Ein fast unmöglicher Spagat. Auch Trova verrenkt sich dabei. Er lobt die „tolle Gemeinschaft“ in dem Viertel und die vielen Feste, die zusammen gefeiert würden. Er selbst habe den Karneval nach Ariane gebracht und die Menschen würden den jährlichen Spaßumzug lieben.

Der Rentner wohnt seit drei Jahrzehnten in derselben Wohnung zwei Etagen über seinem Büro und schwört mehrfach mit erhobenen Zeigefingern, gar nicht woanders leben zu wollen. Als Trova später durch einige Straßen von Ariane führt und redselig auf das neue Theater mit den erfolgreichen Komödien und die Bibliothek hinweist, wird sein lobender Vortrag von lautem Geschrei aus einer oberen Etage unterbrochen. Teller fliegen vom Balkon, ein Handy zerschellt wenige Zentimeter neben Trova auf dem Asphalt. „Krach gibt es ja wohl überall“, sagt er etwas hilflos.

Kurz darauf verhallen die jähzornigen Schreie, das Knattern der getunten Mopeds bildet wieder die übliche Geräuschkulisse. Mädchen und Frauen sind nur selten auf der Straße zu sehen. An diesem Wintermorgen stehen fast an jedem Hauseingang jugendliche Männer zusammen, gelangweilt hören sie Handy-Musik und ziehen an ihren selbst gedrehten Zigaretten. Es riecht nach Haschisch. Misstrauisch und herausfordernd mustern sie jede Person, die nicht nach Ariane zu gehören scheint. Die Bewohner kennen sich untereinander. „Es sind auch immer dieselben zehn bis 15 Jugendlichen, die Stress machen“, sagt Krankenpfleger Belaliat. Wenn Arianesen, wie sie sich nennen, von anderen Bewohnern des Viertels ausgeraubt würden, ginge keiner von ihnen zur Polizei. „Die klären das unter sich“, sagt er. Die paar Touristen, die sich jährlich ins Hinterland verirrten, würden aber regelmäßig beklaut.

Die Mehrzahl der Bewohner ist selbst angewidert von der Brutalität in der Nachbarschaft. In Ariane haben laut Vereinschef Trova selbst Muslime die rechtsradikale Partei „Front National“ gewählt, weil sie ihre kriminellen Landsleute gerne ausweisen würden. „Eine Handvoll Krimineller terrorisiert hier alle“, sagt er und vergisst für einen kurzen Moment, Werbung zu machen. In Ariane sei jeder Vorfall ungleich dramatischer als im touristischen Zentrum von Nizza. Und am nächsten Tag, sagt Trova bedauernd, ist Ariane wieder auf der Titelseite der einzigen Lokalzeitung, der Nice Matin.

Schon oft habe er versucht, die Journalisten für die schönen Dinge in Ariane zu begeistern und über den Karneval sei auch „mit einem großen Foto“ berichtet worden. Trotzdem bleibt Ariane für die örtliche Presse ein dramatischer Ort mit dramatischen Bildern. Wenn hier ein Diebstahl angezeigt wird, rückt die Polizei mit 15 Wagen aus. Mit ihren kugelsicheren Westen und Maschinenpistolen sehen sie so martialisch aus wie bei einem Anti-Terror-Einsatz. Die Bewohner verachten die Beamten und beschmeißen sie regelmäßig mit Tomaten und Bierflaschen von ihren Balkonen. Sie fühlen sich durch die „Flics“ mehr bedroht als beschützt.

Tagsüber arbeiten einige Arianesen „in der Stadt“, wie sie Nizza bezeichnen. Sie sind dort auf den zahlreichen Baustellen für Luxusappartements beschäftigt oder schälen Kartoffeln in den Touristen-Restaurants. An den ambitionierten Projekten der Stadt aber haben sie kaum teil: Die 2007 eingeweihte Tram stoppt drei Kilometer vor den Toren von Ariane. Ursprünglich sollte die moderne Straßenbahn bis in den Vorort fahren, in letzter Sekunde wurde aber die Verlängerung gestoppt. „Der Bürgermeister will keine ärmeren Menschen in seiner polierten Innenstadt sehen“, sagt Paul Cuturello, Vorsitzender der Sozialisten im Regionalparlament der Côte-d'Azur.

Laut Cuturello leben in Nizza 10.000 Menschen unter der Armutsgrenze. „Diese müssen aus ihrem Loch in Ariane ins Zentrum geholt werden“, sagt er. Dann wiederum könnten auch wohlhabendere Familien in das Viertel mit dem bislang schlechten Ruf ziehen. Aber bis heute zeige der konservative Bürgermeister Christian Estrosi kein Interesse an Ariane. „Die Menschen werden aussortiert und dann sich selbst überlassen“, sagt Cuturello drastisch.

Auf Politiker hoffen die Arianesen ohnehin nicht. Nur ein Drittel von ihnen geht wählen und ihre Stimme hat stadtweit wenig Gewicht: Wie in vielen Regionen Frankreichs wurden auch in Nizza die Wahlbezirke so zugeschnitten, dass die Banlieue keinen eigenen Abgeordneten stellt. Ariane wählt zusammen mit dem wohlhabenden und konservativen Nachbarort und so schafft es nie einer der sozialistischen oder gar kommunistischen Politiker aus Ariane ins Parlament.

Auch Amila N’drengat hat noch nie gewählt. Sie findet schon die Frage danach befremdlich. Sie glaubt aber trotzdem, dass auch Ariane eine bessere Zukunft bevorsteht. Heute gibt es ein Theater und eine Bibliothek, einige marode Hochhaustürme wurden abgerissen und durch kleinere und modernere Mietshäuser ersetzt. Nachbarschaftsvereine organisieren Straßenfeste und Nachhilfestunden für die Schüler. „Vor zehn Jahren war hier alles doch viel schlimmer“, sagt sie. Irgendwann würden „die beiden Städte“ zusammenwachsen. „Das kann aber noch dauern.“

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