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Nur noch nach Hause! In Frankreich sorgt der Metro-Streik für überfüllte Gleise.

„Excusez-moi!“

Leben mit dem Metro-Streik in Paris: Wie es sich in vollen Zügen lebt

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Streik in Frankreich: Wer es in eine der wenigen Metros in Paris schafft, muss schieben, drücken, pressen. Wie es sich in vollen Zügen lebt.

  • In Frankreich tobt der Streik
  • Wer in die Metro in Paris will, muss ordentlich Glück haben
  • Nahezu alle Metrolinien in Paris fallen aus

Paris - Gewisse Fragen stellt man sich erst, wenn es nicht mehr anders geht. Zum Beispiel: Wie gelange ich in den Metrowagen, der voller ist als eine Sardinenbüchse? Sicher ist nur: Um 18.45 Uhr beginnt an diesem Tag im Elysée-Palast die Pressekonferenz zum Ukraine-Gipfel, und Putin, Merkel oder Macron warten nicht gerne auf Journalistinnen und Journalisten.

Frankreich: Metro-Streik stürzt Verkehr in Paris ins Chaos

Also: Luft holen und rein ins Getümmel. Am besten mit dem Rücken zuerst. Sanft drücken und sich dabei wortreich entschuldigen. Das öffnet einen kleinen Spalt, in den man sich seitlich zwängen kann. Nochmal ein „excusez-moi“, ein „merci“ – und endlich ist man drin. Der fährt allerdings nicht gleich ab – denn nun versucht ein weiterer Passagier einzusteigen.

Das Schwierigste während der Fahrt ist nicht das Eingeklemmtsein, sondern die Erkenntnis, dass man noch zu den Glücklichen zählt. Auf der voll automatisierten Linie 1 kommt man immerhin noch vorwärts. Fast alle anderen der 16 Metrolinien sind geschlossen, da die Zugsführer streiken. Hart streiken, und das seit fast zwei Wochen. Als direkte Folge bilden sich morgens und abends über 400 Kilometer lange Staus um Paris. Viele Pendler tun sich via Mitfahrdienste wie „blablacar“ zusammen. In den Kolonnen bleibt aber auch ihr Wagen stecken.

Eine Alternative wäre das Fahrrad – wenn es nicht schon der Sohn für den Schulweg geschnappt hätte. Bleibt Schusters Rappen. Die Lehrerin des Sohnes, Madame Levasseur, hat die Strecke zwischen der Station Port-Royal und dem Vorort Cachan zu Fuß absolviert. Knappe zehn Kilometer. Abends noch mal.

Frankreich: E-Roller als Alternative während Metro-Streik in Paris

Vor dem Schuleingang diskutieren Mütter über das Leben in den Zeiten des Streiks. Da die Gattin derzeit an ihrem Arbeitsplatz in der Banlieue – 14 Kilometer entfernt – mit dem Schlafsack übernachtet, lernt man als Vater Eltern kennen, mit denen man nie ein Wort gewechselt hatte. Oder hätte. Ja, die Lehrerin sei da, heißt es; aber nein, die Schulkantine bleibe geschlossen, sagt Séverine, Mutter von Appoline. Sie schlägt vor, die Kinder abwechselnd zur Schule zu bringen und zu verköstigen.

Séverine sieht abgespannt aus. Schlafmangel? In Zeiten des Streiks verbringt man doppelt soviel Zeit im ÖV; man steht früh auf, geht spät ins Bett. Valérie ist dagegen in Form. Die energische Maman hatte sich schon im Herbst einen elektrischen Tretroller gekauft und fährt damit ihre Tochter zur Schule, als wäre sie Ben Hur im Circus Maximus. Die anderen schauen neidisch zu – sie wollten diese Woche auch ein E-Trottinett kaufen, trafen aber streikbedingt nur noch leere Regale an.

Frankreich: Bewohner von Paris müssen wegen Streik auf Metro verzichten

Auch Narguesse ist guter Dinge, als sie ihren Sprössling vorbeibringt. Sie macht derzeit „télétravail“, das heißt, sie arbeitet am Computer im Homeoffice. Das gehe aber auch nicht ewig, bedauert die Angestellte einer Pariser PR-Agentur. Morgen hat sie einen wichtigen Termin am Arbeitsplatz. Wie sie ihn einhalten wird, weiß sie selber nicht. „La débrouille“, seufzt sie. Ein sehr verbreitetes, sehr französisches Wort für Improvisationskunst. In Frankreich nimmt man die Dinge, wie sie kommen.

An einem Tag sind die Kinder schon am Morgen aus der Schule zurückgekehrt. Madame Levasseur streikt nun auch. Dafür ist das Fahrrad frei. Die Fahrt zum Presse-Event ist konstrastreich: Einzelne Seitenstraßen sind völlig leer, aber nur, weil der Boulevard blockiert ist. Nach einer Stunde auf dem Velo spürt man in den Beinen, wie gewaltig der Großraum Paris mit seinen zehn Millionen Einwohnern ist – und dass sich die Sehenswürdigkeiten der Lichterstadt auf einen kleinen Teil konzentrieren.

Pause: Im Café Le Verre Siffleur in der Rue Alésia stehen Passanten – einer mit zwischen die Beine geklemmtem Skateboard – am Tresen und tauschen Geschichten aus. Jeder hat eine. Etwa von der Notfall-Krankenschwester, die von ihrer Direktion im Hotel neben dem Spital einquartiert wurde. Oder von Alain, dem 55-jährigen Gebäudereiniger, der 30 Kilometer außerhalb von Paris wohnt und täglich fünf Stunden zu Fuß zur Arbeit geht.

Frankreich: Metro-Streik in Paris führt zu Streit

Und was halten die Bistrogäste vom Streik? Pardon, darüber spricht man nicht. Vielleicht, weil das Thema zu explosiv ist, zu stark polarisiert. Im Streik- und Nervenstress könnte das schnell zu Streit führen, und im Café wollen alle nur eines: den Frieden. Eine kleine Auszeit. Croissant tunken und Wärme tanken, bis es zurückgeht auf die Galeere. Richtig, „la galère“: So sagt man in Frankreich für Plagerei und Chaos, für das Leben in Zeiten des Streiks eben.

Der ist nicht nur für Pendler, sondern auch für die Streikenden eine harte Prüfung. Die Streikkasse sei leer, erzählt ein Vertreter der Gewerkschaft CGT vorm Bistro. Für Geschenke bleibt kein Geld. „Aber wir halten durch, wenn nötig, bis über Weihnachten hinaus.“

In Frankreich lähmen Streiks und Demos das öffentliche Leben in Paris. Mitten in der Krise wirft der Regierungsbeauftragte für die umstrittene Rentenreform das Handtuch. Emmanuel Macron will die Rentenreform „bis zum Schluss durchziehen“ - weitere Streiktage in Frankreich drohen. Inzwischen ist es Januar und die Proteste gegen die Rentenreform gehen nach wie vor weiter. Für Reisende bedeutet das: Geschlossene Museen und Verkehrsprobleme. Doch die meisten schlagen sich im Pariser Chaos immer besser durch.

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