Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im Zentrum der Affäre: Olivier Duhamel.
+
Im Zentrum der Affäre: Olivier Duhamel.

#MeTooInceste

Klage nach Inzestaffäre gegen Starjurist in Frankreich - Präsident Macron kennt ihn gut

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
    schließen

Frankreichs Inzestaffäre zieht ihre Kreise bis in den Elysée-Palast. Auch Präsident Emmanuel Macron pflegte eine enge Beziehung zu dem tatverdächtigen Starjuristen Olivier Duhamel.

  • Seit Beginn der Inzestaffäre um Olivier Duhamel melden sich immer mehr Opfer sexueller Gewalt zu Wort.
  • Starjurist Duhamel wird von seinem Opfer nun angeklagt.
  • Auch Präsident Emmanuel Macron hatte engen Kontakt zu Duhamel.

Paris - Als käme die ganze Wut und Verzweiflung hoch: Nach der Buchenthüllung der Anwältin Camille Kouchner über den Missbrauch ihres Bruders durch den prominenten Politologen Olivier Duhamel outen sich immer mehr Französinnen und Franzosen als Opfer sexueller Gewalt in der Familie. „Papa, ich wollte dir sagen, dass ich mich nach fast 19 Jahren Gedächtnisverlust erinnere, wie du dein noch nicht fünfjähriges Mädchen ‚geliebt‘ hattest“, schreibt eine Frau. „Verbrenn’ in der Hölle!“ Ein über Jahre regelmäßig vergewaltigtes Opfer hält lapidar fest: „Dabei schrie ich aus voller Kraft: ‚Nein!‘“

Aus vielen Bekenntnissen geht hervor, wie wichtig, aber auch unendlich schwierig der Gang an die Öffentlichkeit ist. „Ich war elf, es dauerte ein Jahr lang. Es war mein Vater. Ich fühle mich jede Sekunde innerlich zerstört“, berichtet eine Französin, um dann anzufügen: „Ich weiß selbst nicht, warum ich das hier schreibe.“ Eine andere: „Die Leute verstanden unser Schweigen nicht. Wir haben das Unsagbare durchgemacht, den Schmerz, die Schande. Ich habe 40 Jahre gebraucht, um diese paar Zeilen hier schreiben zu können.“

So geht es endlos weiter unter dem Hashtag #MeTooInceste, seitdem die Duhamel-Affäre begonnen hat. Der Macron-Abgeordnete Bruno Questel machte auf anderem Weg publik, dass er als Kind vergewaltigt worden sei – von wem, sagte er nicht.

Inzestäffare in Frankreich: Emmanuel Macron pflegte Umgang mit Olivier Duhamel

Da Olivier Duhamel in der Pariser Politik sehr stark vernetzt war, verwundert es nicht, dass sich in den öffentlichen Aufschrei auch Schweigen mischt. Die zahlreichen Freundinnen und Freunde des 70-jährigen Verfassungsrechtlers, die wohl im Bild waren, weil in Paris seit einem Jahrzehnt entsprechende Berichte und Gerüchte kursierten, reagieren unterschiedlich. Die ehemalige Justizministerin Elisabeth Guigou ist aus einer Inzestkommission zurückgetreten. Der Direktor der Eliteuni Sciences Po, Frédéric Mion, klammert sich hingegen an seinen Posten. Dabei hatte ihn die ehemalige Kulturministerin Aurélie Filippetti schon 2019 persönlich informiert. Duhamel blieb aber auf Veranlassung Mions als Präsident der Sciences-Po-Stiftung im Amt.

Heikel ist dieser Umstand, weil auch der Sciences-Po-Absolvent Emmanuel Macron Umgang mit beiden pflegte. Olivier Duhamel war schon früh von den Sozialisten ins Macron-Lager übergelaufen. Er beriet den Präsidentschaftskandidaten 2017 und nahm an dessen Wahlfeier im „La Rotonde“ teil. In Medienauftritten verglich er Macron mit General de Gaulle, was in Paris einer politischen Heiligsprechung gleichkommt. Und als der Verfassungsrat einen Gesetzestext des jungen Präsidenten skeptisch beäugte, fiel Duhamel mit einer Brandschrift über das höchste Landesgericht her.

Emmanuel Macron: Was wusste er über die Inzestaffäre von Olivier Duhamel?

Zumindest die politische Beziehung zwischen Emmanuel Macron und Olivier Duhamel war so eng, dass „Le Monde“ nun kommentiert, im Elysée-Palast sei man „erstarrt“ wegen der Affäre. Der Präsident verfolge ihre Entwicklung „wie die Milch auf dem Feuer“. Bisher fragen allerdings keine Pariser Medien, ob und wie weit der Präsident von Duhamels pädophilen Neigungen gewusst oder auch nur gehört habe. Zu Macrons Entlastung ist zu sagen, dass in Paris viele einflussreiche Leute im Bild gewesen sein müssen. Duhamels Schwägerin Marie-France Pisier hatte in Paris möglichst viele Bekannte über Duhamels Umtriebe informiert, bevor sie 2011 auf ungeklärte Weise starb.

Die politische Opposition macht ihrerseits keine Anstalten, sich aufgrund der Affäre auf Emmanuel Macron einzuschießen. Zu groß ist die allgemeine Verlegenheit über das Ausmaß der Inzestenthüllungen, zu groß bleibt in Frankreich auch das Bemühen, das öffentliche und das Privatleben der Menschen strikt zu trennen.

Trotzdem lastet die Duhamel-Affäre schwerer auf Emmanuel Macron, als man im Elysée-Palast zugeben würde. Das zeigt seine widersprüchliche Reaktion: Wie unter Schock schwieg der Präsident fast drei Wochen lang zur Affäre – nun wählt er umso stärkere Worte. Als wolle er jeden Mitwisserverdacht von sich weisen, bezeichnet er Olivier Duhamel als „Kriminellen“, er lobt den „Mut“ der sich outenden Opfer, deren Leben „im Heiligtum des Kinderzimmers zerbrochen“ worden sei. Konkret kündigt Macron an, dass alle französischen Schülerinnen und Schüler in der Grund- und Mittelschule bei den obligaten Arztbesuchen vertraulich zum Thema Inzest befragt werden sollen. Das Parlament soll die heute zwanzig- und dreißigjährigen Verjährungsfristen revidieren.

Inzestaffäre um Olivier Duhamel in Frankreich: Opfer reicht Klage gegen Stiefvater ein

Duhamels Opfer hat am Dienstag nach rund 35 Jahren Klage gegen seinen Stiefvater eingereicht. Der Akt ist wohl nur symbolischer Natur, da die Verjährung unwiderlegbar sein dürfte. Der Meinungsumschwung dieses heute 45-jährigen Mannes, der die „Sache“ über all die Jahre ruhen lassen wollte, sagt viel aus über den rasanten Bewusstseinsprozess der ganzen Nation.

Das Interesse gilt dabei nicht mehr nur der Inzestthematik. Auf Twitter zirkuliert bereits ein neues Schlagwort, #MeTooGay für Opfer homosexueller Gewalt. Auch dieser Hashtag geht letztlich auf Kouchners Buchenthüllung namens „Die große Familie“ zurück. Davon inspiriert will ein junger Mann ein Mitglied der Kommunistischen Partei im Stadtrat von Paris, Maxime Cochard, wegen Vergewaltigung belangen. Diese Woche berichtete die Zeitung „Le Monde“ zudem über eine ähnliche Klage gegen den bekannten Fernsehproduzenten Gérard Louvin und dessen Ehegatten, eingereicht von einem Neffen.

Auch Feministinnen halten den Blickwinkel Inzest für zu eng. Zur Debatte stehe generell sexuelle Gewalt, die nicht ohne eine Vormachtstellung möglich sei. Das zeigt sich indirekt darin, dass Meinungsmacher Olivier Duhamel 2012 einen anderen Machtträger in Schutz genommen hatte, der wegen Vergewaltigungsvorwürfen zurücktreten musste: den ehemaligen Währungsfondschef Dominique Strauss-Kahn, der eine New Yorker Hotelangestellte attackiert haben soll. Duhamel verteidigte ihn gegen die journalistischen „Hunde“ und die „Polizei des Benehmens“. Heute versteht man Duhamels Antrieb besser. (Stefan Brändle)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare