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Unbeschwert mit Partnerin und Kind lebe n– das wünschen sich tausende Frauen in Frankreich.

Künstliche Befruchtung

Der Kinderwunscherfüller

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Frankreichs Präsident Macron will sein Versprechen umsetzen, lesbischen und Single-Frauen eine künstliche Befruchtung zu ermöglichen. In rechtskonservativen Kreisen formiert sich Widerstand.

Es gilt als Emmanuel Macrons großes gesellschaftliches Reformprojekt, um zu zeigen, dass er nicht nur die französische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt modernisieren und damit vor allem das rechtskonservative politische Spektrum bedienen will. Frankreichs Präsident präsentiert sich auch als ein Liberaler hinsichtlich der Öffnung der Gesellschaft, indem er alleinstehenden Frauen und lesbischen Paaren mit Kinderwunsch die künstliche Befruchtung ermöglicht.

Bislang ist dies in Frankreich nur innerhalb einer heterosexuellen Beziehung und aus medizinischen Gründen erlaubt. Die Zahl der Französinnen ohne Partner oder mit Partnerin, die jedes Jahr ins Ausland fahren – meistens nach Belgien oder Spanien – um sich dort in Kliniken künstlich befruchten zu lassen, wird auf 2000 bis 3000 geschätzt.

Dies künftig auch in Frankreich zu erlauben und von der Sozialversicherung bezahlen zu lassen, sieht ein neues Bioethik-Gesetz vor, das am gestrigen Mittwoch im französischen Ministerrat vorgestellt wurde. Die Kosten für den französischen Staat werden auf zehn bis 15 Millionen Euro im Jahr geschätzt – es handelt sich um einen Bruchteil der rund 300 Millionen Euro, die bislang für die künstliche Befruchtung in Frankreich aufgewendet werden. Das Parlament wird ab Mitte September darüber debattieren. Spätestens dann dürfte sich auch der Widerstand auf der Straße dagegen formieren.

Unvergessen sind die massiven Proteste im Jahr 2013 der Gegner der „Ehe für alle“, die der damalige sozialistische Präsident François Hollande einführte. Vor allem katholische Kreise und die Vereinigung „Die Demo für alle“ („La manif’pour tous“), unterstützt von rechtskonservativen und rechtsnationalen Politikern, machten damals über Monate hinweg gegen das Vorhaben mobil – auch mit dem Argument, auf die Homo-Ehe werde unweigerlich die künstliche Befruchtung für lesbische und Single-Frauen folgen. Davon sah Hollande in der Folge dann aber ab.

Macron wiederum machte daraus ein Wahlkampfversprechen, äußerte zugleich Verständnis für die Skeptiker und bemühte sich um bessere Beziehungen zu Vertretern der Kirche als sein Vorgänger. Auch zog er im Vorfeld den Staatsrat, Frankreichs oberstes Verwaltungsgericht, zu Rate. Dieser gab grünes Licht und sah dabei vor, dass im Falle eines lesbischen Paares beide Teile noch vor der Geburt eine Willenserklärung vor dem Notar abgeben, um das Abstammungsverhältnis festzuschreiben.

Laut Umfragen befürworten mehr als 60 Prozent der Franzosen das Gesetz; fast ebenso viele sagen zugleich, ein Kind habe ein Recht auf Mutter und Vater. Ähnlich ambivalent äußern sich die Mediziner. Nelly Acour-Frydman, Leiterin des Labors für künstliche Befruchtung im Pariser Vorort Clamart, begrüßt die Entscheidung grundsätzlich, fordert aber nach dem Vorbild Belgiens, dass Sozialarbeiter alleinstehende Frauen mit Kinderwunsch begleiten sollten.

Außerdem warnt sie vor einem drohenden Mangel an Geschlechtszellen: „Heute müssen heterosexuelle, unfruchtbare Paare nach einer Anfrage zwischen zwölf und 18 Monaten warten. Wenn sich das Gesetz ändert, ohne dass es zusätzliche Mittel gibt, werden sich die Fristen beträchtlich verlängern und jeder wird darunter leiden.“ Auch die „Demo für alle“ ist längst aktiv und warnte in einem offenen Brief vor dem „Beginn der menschlichen Vermarktung“. Leihmutterschaft, die in Frankreich verboten bleibt, werde Tür und Tor geöffnet und Medizin verkomme zur Dienstleistung, um individuelle Wünsche zu erfüllen, kritisierte die Vereinsvorsitzende Ludovine de la Rochère. Es werde „natürlich viele Leute auf der Straße geben“, kündigte sie an.

Als weitere Maßnahmen sieht das neue Bioethik-Gesetz Erleichterungen für Frauen vor, ihre Eizellen einfrieren zu lassen. Ebenso die Erlaubnis der Forschung an Embryonen in Ausnahmefällen sowie die Aufhebung der totalen Anonymität von Samenspendern: Kinder, die nach 2020 auf diese Weise geboren werden, könnten auf Anfrage Zugang zu Daten ihres Erzeugers wie Alter oder Vorerkrankungen erhalten und im Falle seines Einverständnisses auch dessen Identität erfahren.

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