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Frankfurt & Seoul: Das Gebäck aus zwei Städten

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Die deutsche Bäckerei „The Baker’s Table“ im südkoeranischen Ausgehviertel.
Die deutsche Bäckerei „The Baker’s Table“ im südkoeranischen Ausgehviertel. © Rebecca Wolfer

Brezeln und Brötchen in Seoul, Bingsu und K-Pop in Frankfurt: Wie zwei Bäckereien am jeweils anderen Ende der Welt versuchen, mit kleinen Köstlichkeiten ihre Kultur zu feiern

Es ist 5.30 Uhr morgens im Ausgehviertel Itaewon in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Freundesgruppen haben die ganze Nacht gefeiert, nun sind sie auf dem Heimweg, vereinzelt schlafen Menschen angelehnt an Hauswände.

Zwei Kilometer weiter beginnt im „The Baker’s Table“ jetzt die Arbeit: Drei Angestellte backen an diesem Tag Schwarzbrot, Hefekuchen, Brezeln und andere deutsche Spezialitäten. „The Baker’s Table“ ist die erste und bisher einzige deutsche Bäckerei in Seoul. Ihr Gründer, Michael Richter, kommt etwas später dazu, um seinen Mitarbeitern zu helfen. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Korea, aufgewachsen ist er in Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalen. 2011 gründete er die deutsche Bäckerei, die täglich von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends geöffnet hat. „Wir sind immer die ersten in der Nachbarschaft“, sagt Richter. „Normalerweise machen die Cafés in Korea erst ein paar Stunden später auf.“

Rund 8500 Kilometer entfernt öffnet das Café Kyubang in Frankfurt, nahe des Doms, erst um elf Uhr. Andrew Kim und seine Frau Janet Song führen das koreanische Café seit März 2020, es ist ebenfalls das erste seiner Art in der Stadt. Von Dienstag bis Sonntag können Gäste unter anderem Waffeln, Eis und Tee probieren. Auf den Regalen stehen Bücher und Vasen aus Korea, außerdem Fotos von BTS, der bekanntesten koreanischen Pop-Gruppe. An der Wand des Raumes hängen kleine Patchwork-Decken, die Janet Song genäht hat. Sie ist bereits ein paar Stunden vor elf im Café: „Meine Frau bereitet morgens zum Beispiel schon den Teig für unsere koreanischen Pfannkuchen vor“, erklärt Andrew Kim. Song führte in Seoul bereits ein kleines Café mit einem ähnlichen Angebot.

Kulturaustausch geht durch den Magen: Die Geschichte zweier Bäckereien in Frankfurt und Seoul

Auch Michael Richter hat jahrelange Erfahrung in der Gastronomie: Der 58-Jährige ist gelernter Konditormeister, sein Vater und sein Großvater waren Bäcker. Den Wunsch, die Welt zu sehen, hatte er schon lange: „Asien faszinierte mich schon immer. Mit 14 Jahren habe ich mir meine ersten Essstäbchen gekauft und meine Eltern dachten, ich wäre verrückt geworden“, erzählt er, während er Brötchen formt.

1989 trat er seine erste Stelle auf dem Kontinent an, als Pâtissier im Intercontinental-Hotel in Hong Kong. Vorher absolvierte er seine Ausbildung, arbeitete in London und in New Jersey. „Das Schlimmste für mich wäre, wenn ich mich auf einen Ort festlegen müsste. Ich will immer etwas Neues sehen“, sagt er.

Bei Marcel Richter gibt’s zum Brot auch Sauerkraut.
Bei Marcel Richter gibt’s zum Brot auch Sauerkraut. © Rebecca Wolfer

Mit seiner koreanischen Freundin zog er deshalb im Jahr 2000 nach Seoul und eröffnete dort mit ihr ein Restaurant. Doch die beiden trennten sich einige Jahre später: „Danach stand ich vor dem Nichts“, sagt Richter. „Ich war pleite, ohne Arbeit und wusste nicht, was ich machen soll“.

Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, in der Backstube ist es durch die Öfen deutlich wärmer als draußen.

„Die Idee, eine eigene Bäckerei zu eröffnen, hatte ich schnell. Ich musste mir aber viel Geld von Freunden und meiner Familie leihen, und hatte Glück, dass ich viele Geräte gebraucht kaufen konnte“, sagt er. Die Zutaten für seine Backwaren erhält er von verschiedenen Stellen: Roggen importiert aus Deutschland, Weizen aus den USA oder Kanada, die anderen Produkte kauft er unter anderem auf einem Markt in Seoul.

Cafékultur als Bindeglied zwischen Deutschland und Südkorea

Als die Brötchen fertig gebacken sind, nimmt Michael Richter sie aus dem Ofen. Sie sehen etwas dunkler aus, als es in Deutschland üblich ist. „Das kommt hier gut an, weil die dunklen Backwaren mit Körnern gesünder aussehen“, erklärt Richter. Er läuft die Treppe hoch und bringt die abgekühlten Brötchen in das Café. Es ist etwas größer als andere in der Umgebung. Die Gäste können drinnen oder im überdachten Außenbereich sitzen. In großen Körben liegen verschiedene Brotsorten, Croissants und Küchlein, auf dem Regal dahinter stehen Müslitüten und Sauerkraut-Konserven.

Bei den Kundinnen und Kunden im Café Kyubang komme Bingsu am besten an, erklärt Andrew Kim. Dafür presst eine Maschine gefrorene Kondensmilch und Eis zu kleinen Eisflocken. Serviert wird Bingsu in verschiedenen Varianten, zum Beispiel mit Früchten oder süßer, roter Bohnenpaste. Die Portionen sind groß, üblicherweise teilen sie sich zwei oder drei Personen.

Das koreanische Café Kyubang in der Frankfurter Innenstadt.
Das koreanische Café Kyubang in der Frankfurter Innenstadt. © Rebecca Wolfer

„In Korea lieben es die Menschen, sich auf einen Kaffee zu treffen“, erzählt Andrew Kim. Oft arten diese Treffen aber zeitlich etwas aus. Für Martin Henkelmann, Geschäftsführer der Auslandshandelskammer Korea in Seoul, ist das manchmal zu anstrengend: „Ich bin den ganzen Tag im Café unterwegs, und wenn man dann abends nicht mehr mit in eine Kneipe gehen will, verliert man schnell den Anschluss“, sagt er. Wegen seiner Arbeit sei es auch schwierig gewesen, Sprachkurse zu belegen und Koreanisch zu lernen, weshalb er noch häufig auf Englisch kommuniziert. „Die Sprachbarriere erschwert es, neue Bekannte in Korea kennenzulernen“, sagt Richter. „Manchmal fühle ich mich deshalb schon etwas einsam.“

Dazu kommt, dass Seoul mit knapp zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sehr hektisch und anstrengend sein kann. Das war der Grund, warum Andrew Kim und Janet Song aus der Stadt weggezogen sind. „Wir sind viel gereist und haben uns in die europäischen Städte verliebt. Daraufhin haben wir uns entschieden, dass wir lieber dort als in Seoul leben wollen“, sagt Kim. Er kündigte seinen Job bei einer Investmentfirma, für die er knapp zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte.

Gemeinsam entschieden sie sich für Frankfurt als neuen Wohnort, weil es dort eine vergleichsweise große, koreanische Community gibt: Rund 2500 Koreanerinnen und Koreaner leben in der Stadt. „Die Luft ist frischer, es ist nicht so stressig und geschäftig – nur das Internet ist hier schlechter als in Seoul“, sagt Kim lachend.

Janet und Andrew Kim sammeln in ihrem Café kleine Andenken aus ihrem Herkunftsland.
Janet und Andrew Kim sammeln in ihrem Café kleine Andenken aus ihrem Herkunftsland. © Rebecca Wolfer

In Frankfurt Fuß zu fassen war für die beiden nicht einfach, alleine wegen der hohen Mietskosten. Da sie mitten in der Corona-Pandemie eröffneten, mussten sie zwischendurch außerdem mehrfach schließen. „Das war sehr hart für uns“, sagt Andrew Kim. „Wir waren uns nicht sicher, wie lange wir das Café noch betreiben können.“

In Südkorea waren die Corona-Maßnahmen weniger streng: „Koreanerinnen und Koreaner trugen in der Öffentlichkeit fast überall Masken. Außerdem hat fast jeder in Seoul ein Smartphone und konnte zum Beispiel einen QR-Code nutzen, um sich in Restaurants einzuchecken – auch die älteren Menschen“, erklärt Martin Henkelmann. Nur die Abendgastronomie musste teilweise früher schließen. Michael Richter und sein Café waren davon aber nicht betroffen.

Aus Liebe zum Backen: „Café Kyubang“ in Frankfurt und „The Baker`s Table“ in Seoul

„The Baker’s Table“ lief in den letzten Jahren so gut, dass er eine zweite Filiale in Seoul eröffnen konnte, einige Kilometer weiter nördlich von der ersten Bäckerei. Mittlerweile arbeiten rund 30 Angestellte bei ihm.

Mit der Zeit erweiterte Richter das Angebot um herzhafte Gerichte und orientierte sich dabei auch an den Gewohnheiten der Koreanerinnen und Koreaner: Statt der Fischsuppe, die in Korea häufig zum Frühstück gegessen wird, serviert er zum Beispiel Erbsensuppe. „Die Leute, die morgens vom Feiern aus Itaewon kommen, sagen, dass die zusammen mit Brot gut gegen ihren Kater hilft“, sagt Richter lachend.

Die Autorin

Rebecca Wolfer ist Stipendiatin der Karl-Gerold-Stiftung. Diese wurde von dem langjährigen FR-Herausgeber und Chefredakteur Karl Gerold gegründet und verleiht regelmäßig Fördergelder und Reisestipendien an Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten. Informationen zu dem Stipendium und der Bewerbung dafür unter www.karl-gerold-stiftung.de

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