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Der Kulturwissenschaftler Michael Fischer über das Donaulied.

Interview

„Die Frage lautet: Wollen wir als Gesellschaft heute solche Lieder hören?“

  • vonAndreas Sieler
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Der Freiburger Kulturwissenschaftler Michael Fischer im Gespräch mit der FR über die Ursprünge des Donauliedes, welcher Wert dem Begriff Tradition zukommt und die Bedeutung der Debatte für die Gesellschaft.

Herr Fischer, was ist über die Herkunft des Donaulieds bekannt?

Da sind wir schon bei einem Kernproblem der Debatte, das Lied liegt nämlich in zahlreichen unterschiedlichen Fassungen vor. Die ältesten Quellen sind 200 Jahre alt, allerdings hatte das Lied damals noch einen ganz anderen Text. Es geht aber immer um das gleiche Motiv – die schlafende Frau an der Donau und den Beischlaf. Die in der Petition zu Recht beklagte affirmative Darstellung der Vergewaltigung („Ich machte mich über die Schlafende her, Ohohohlalala …“) findet sich historisch gesehen in den wenigsten Fassungen.

In der ursprünglichen Form geht es also gar nicht um eine Vergewaltigung?

Ursprünglich handelt es sich um ein erotisches Lied im Stil des frühen 19. Jahrhunderts. Da kommt noch ein anderes wichtiges, damals humoristisch gemeintes Motiv vor: ein hüpfender Floh! Der Floh „sticht“ die Frau, was metaphorisch für den Geschlechtsakt steht. Am Ende findet aber das Paar zueinander und heiratet. Die Rahmung ist anders, obgleich auch hier die Frau als schlafend dargestellt wird und der Beischlaf nicht einvernehmlich geschieht. Der Liedanfang – „Einst ging ich am Ufer der Donau“ – ist jedoch identisch. Und das macht es schwierig, über das Donaulied zu sprechen: Die Frage ist, worauf man sich konkret bezieht. Die InitiatorInnen der Petition beziehen sich auf die Fassung mit der Vergewaltigung. Zeitweise gab es im Netz auch eine Verwechslung mit der Fassung, die Mickie Krause singt, darin kommt das Vergewaltigungsmotiv gerade nicht vor. Diese Version ist natürlich trotzdem sexistisch, man kann dem Sänger aber nicht vorwerfen, dass er eine Vergewaltigung besingt. Da läuft vieles in der Diskussion durcheinander.

Ist bekannt, wann die Fassung mit der Vergewaltigung erstmals aufgetaucht ist?

Zur Person

Der Kulturwissenschaftler Michael Fischer ist Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Populäre Kultur und Musik (bis 2014 „Deutsches Volksliedarchiv“) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Danach habe ich gesucht, bin aber in den Unterlagen des Deutschen Volksliedarchivs nicht fündig geworden. Es gibt Belege aus Zeiten des Ersten Weltkriegs, da geht es immer noch um den Floh und die metaphorische Einkleidung. Ich habe die Vermutung, dass die von der Petition gemeinte, brutale und obszöne Fassung relativ neu ist und möglicherweise erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.

Damit wäre das Argument der Befürworter, dass es ein traditionelles Lied ist, das schon immer auf Festen gesungen wird, widerlegt.

Selbstverständlich. Zumal das Traditionsargument ohnehin sehr schräg ist, denn Tradition ist natürlich kein Wert an sich. Die Frage, ob das Lied lange Zeit gesungen wurde oder nicht, ist eigentlich unerheblich. Die Frage lautet: Wollen wir als Gesellschaft heute solche Lieder hören und singen? Diese Frage muss man meiner Auffassung nach aufgrund von Werten beantworten, die bei uns gelten sollen.

Und Sie beantworten die Frage mit Nein …

Genau, denn auch die früheren Fassungen des Liedes sind nach unseren heutigen Maßstäben sexistisch. Die Grenze des Erträglichen wird ohnehin überschritten, wenn es direkt um Gewalt, Vergewaltigung, Unterdrückung und Demütigung geht. Da sind unsere gesellschaftlichen Werte und Normen berührt, und darüber müssen wir diskutieren.

Diese Wertefragen gab es aber schon immer. Das Lied ist heute nicht mehr zeitgemäß, aber war es das jemals?

Werte verändern sich, oder positiv formuliert: Sie entwickeln sich weiter. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten zurecht eine erhöhte Sensibilität bei Fragen von Diskriminierung, Sexismus und Genderfragen entwickelt. Kritiker wenden ein, „vor 100 Jahren hat dies oder jenes auch noch niemanden gestört“, aber das ist eben nicht die entscheidende Frage, sondern vielmehr, was uns jetzt stören muss. Selbst wenn man zugesteht, dass in einem anderen kulturellen oder historischen Kontext dieses Lied noch im Bereich des Singbaren war, ist nun relevant: Wollen wir das Lied heute noch in Bierzelten singen?

Beschäftigen Sie sich mit ähnlichen Fällen oder Liedern, bei denen eine solche Debatte ebenfalls angebracht wäre?

Ich finde man sollte nicht zu prüde an das Thema herangehen,auch wenn manche Lieder nicht sehr geschmackvoll sind. Eine ähnliche Diskussion gab es auf einer anderen kulturellen Ebene beim „Heidenröslein“ von Johann Wolfgang von Goethe. Bei diesem Gedicht sind sich heute fast alle WissenschaftlerInnen einig, dass dieser Text eine Vergewaltigung metaphorisch umschreibt. Da kann man sich fragen, was dieses Lied vom Donaulied unterscheidet. Ich denke, es ist zunächst die Rezeptionsoffenheit und die Mehrdeutigkeit des Goethe-Textes. Es bleibt in der Schwebe, worum es eigentlich geht, und das Geschehen wird im Gedicht selbst ja durchaus infrage gestellt. Das Thema wird also nicht gefeiert und mit Häme bedacht. Das ist ein zentraler inhaltlicher Unterschied. Es geht dabei aber nicht um den Unterschied zwischen „Kunst“ und populärem Lied.

Verstehen Sie die Argumente der Befürworter des Liedes?

Ich verstehe durchaus, dass manche Menschen die kulturelle Enteignung, den Verlust ihrer Identität befürchten. Wir haben eine Diskrepanz zwischen den Diskursen, wie sie die Meinungsführer – Medien, Universitäten – führen, und Menschen, die diesen Eliten fernstehen und oft nicht verstehen, was diese damit wollen. Da gibt es einen kulturellen Gap, den man thematisieren muss. Und die Menschen, die das Lied verteidigen – so nehme ich das wahr –, fürchten wohl diesen kulturellen Verlust. „Die Gebildeten nehmen uns unsere Traditionen und Kulturgüter weg und sagen uns immer, was wir alles nicht sagen und nicht denken dürfen.“ Auch wenn ich diese Ansicht überhaupt nicht teile, muss man diese Empfindungen ernst nehmen, und man darf nicht überheblich über diese Menschen hinweggehen. Oder sie gar aufgrund der besungenen Vergewaltigung gleich in die Nähe einer Verherrlichung einer tatsächlichen Vergewaltigung rücken. Das wäre ein Kurzschluss. Allerdings gehen auch die InitiatorInnen der Petition nicht in diese Richtung. Sie haben gesagt, es gehe um eine Bewusstwerdung. Die Menschen sollen darüber nachdenken und dann durchaus im Sinne einer Selbstermächtigung darüber entscheiden, ob sie die Argumente zurückweisen, weiter das Lied singen wollen oder vielmehr zu dem Schluss kommen: Nein, es ist höchste Zeit, in einer anderen Weise über Sexualität und das Verhältnis zwischen Männer und Frauen zu denken und zu sprechen – auch im Bierzelt.

Von einem Verbot halten Sie also nichts?

Nein. Das Thema „Verbot“ bzw. „Zensur“ wird zwar oft in Kommentaren im Netz zu dem Thema aufgegriffen. Allerdings haben die InitiatorInnen deutlich herausgestellt, dass es Ihnen gar nicht darum geht. Verbieten könnte man ja auch nur etwas strafrechtlich Relevantes. Verbote helfen sowieso kaum, man muss die Menschen überzeugen – und deshalb ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung zentral. Dabei können Befürworter und Gegner des Liedes ihre Stimmen einbringen. Was wir dann oft erleben ist allerdings, dass die jeweiligen Gegner verunglimpft und beleidigt werden. Oder es gibt Ausweichdiskurse: „Wir singen das schon seit 100 Jahren“ – was meistens gar nicht stimmt. Die Petition kritisiert aber gar nicht Traditionen an sich, sondern eine konkrete Liedfassung, in der eine Vergewaltigung positiv dargestellt wird und Teil der Feierkultur ist. Bei solchen Auseinandersetzungen muss am Ende auch nicht immer ein eindeutiges Ergebnis stehen: Darf gesungen werden oder darf nicht gesungen werden? Da glaube ich schon an die Kraft des Diskursiven. Der jetzt stattfindende öffentliche Disput ist so gesehen eine gute Sache, weil anhand des Liedes zentrale gesellschaftliche Fragestellungen verhandelt werden.

Interview: Andreas Sieler

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