Es gibt noch viel zu tun, bis die Bäume wieder ungestört in den Himmel wachsen. 
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Es gibt noch viel zu tun, bis die Bäume wieder ungestört in den Himmel wachsen. 

FR-Serie: „Die Welt nach Corona“

Klimaneutral mit Ansage - Die große Chance nach der Corona-Krise

Die Corona-Krise zeigt: Wenn Umweltschutz und Konsum nachhaltig sein sollen, darf es kein „Weiter so“ geben. Hier kann die Politik auf die Verbraucher zählen.

Der anstehende wirtschaftliche Neustart nach der Corona-Krise bietet die große Chance, die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit, Klimaschutz und mehr Fairness in den globalen Lieferketten zu stellen. Voraussetzung dafür sind verbindliche Rahmensetzungen, damit unnachhaltiges, klimaschädigendes Verhalten und Menschenrechtsverletzungen nicht länger ein Wettbewerbsvorteil sind.

Noch befinden wir uns mitten in der Corona-Pandemie oder vielleicht auch erst am Anfang. Und doch wird bereits deutlich, dass das staatliche Handeln in der Krisenbewältigung Erwartungen weckt für die Zeit danach. Bei einer Kurzumfrage auf Utopia.de, Deutschlands größtem Nachhaltigkeitsportal, stimmten über 90 Prozent der Befragten der Aussage zu: „Die Politik soll den Klimawandel genauso ernst nehmen wie die Corona-Pandemie!“ Das Krisenhandeln politischer Institutionen in Corona-Zeiten zeige, wie schnell und entschlossen dringliche Herausforderungen angepackt werden könnten. Genau das wünschen sich die Befragten auch für die Themen, deren zukünftiger Stellenwert beim Neustart nach der Corona-Krise noch umstritten ist: Nachhaltigkeit und Klimawandel. Mit dieser Erwartung stehen nachhaltigkeitsbewusste Konsumenten nicht alleine da. Immer lauter werden die Stimmen in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, die fordern, dass Programme für den wirtschaftlichen Neuaufbau nach dem Abklingen der Pandemie an Kriterien der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Die Corona-Krise als Weichenstellung

Mediale und politische Aufmerksamkeit bekommen auch jene Forderungen, die den (vermeintlichen!) Konflikt zwischen wirtschaftlicher Prosperität auf der einen und ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit auf der anderen Seite in den Mittelpunkt stellen. Ihre Position: Wegen der Corona-Krise hätten Unternehmen sowie öffentliche und private Haushalte künftig so geringe finanzielle Spielräume, dass Wachstum und Jobs absolute Priorität genießen sollten. So fordern insbesondere die Lobbyverbände von Industrien, die sich als weniger resilient erwiesen haben, dass unliebsame staatliche Regulierungen oder Gesetzesvorhaben zu Lieferketten, Nachhaltigkeit oder Klimaschutz zurückgefahren werden sollten. Zu den Aufregerthemen gehört zum Beispiel das schon seit längerem diskutierte Lieferkettengesetz. Es soll die Sorgfaltspflichten definieren, die deutsche Firmen im Umgang mit Lieferanten aus Entwicklungsländern künftig einhalten müssten. Jetzt heißt es aus Teilen von Industrie, aber auch seitens des Handelsverbands Deutschland: Es sei „absolute Unzeit“, über ein Lieferkettengesetz zu diskutieren. Ähnliches beim Klimaschutz: So bekennt sich der BDI zwar offiziell zum europäischen Ziel der Klimaneutralität im Jahr 2050, fordert aber gleichzeitig, die Zwischenziele für 2030 aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Lage auf den Prüfstand zu stellen. Die Automobilbranche versucht, die angekündigte Verschärfung der CO2-Grenzwerte von Autos zu verhindern, und fordert gleichzeitig Kaufprämien für Neuwagen – egal, wie viel CO2 sie ausstoßen. Airlines intervenieren gegen Kerosinsteuern und der Bauern-Dachverband versucht, Landwirte vor längst überfälligen schärferen Umweltauflagen zu bewahren.

Grüner Wiederaufbau als historische Chance

Meike Gebhard ist Mathematikerin, Umweltökonomin und Geschäftsführerin von Utopia.de, einer Internetplattform für nachhaltigen Konsum.

In den vergangenen Wochen begegnet man aber auch einer gänzlich anderen Haltung, die darauf hoffen lässt, dass aus der Coronavirus-Pandemie Lehren für die Zukunft gezogen werden: So stellt die Leopoldina in ihrem im April veröffentlichten Gutachten fest: „Angesichts der tiefen Spuren, welche die Coronavirus-Krise hinterlassen wird, vor allem aber wegen der mindestens ebenso bedrohlichen Klima- und Biodiversitäts-Krise kann es nicht einfach eine Wiederherstellung des vorherigen Status geben … Staatliche Maßnahmen, die nach dem Abklingen der Pandemie wirtschaftliche Tätigkeit wieder anstoßen, sollten daher die Kriterien der Nachhaltigkeit in den Vordergrund stellen.“ Angela Merkel sprach sich gemeinsam mit UN-Generalsekretär António Guterres beim Petersberger Klimadialog überraschend deutlich für einen klimafreundlichen Neustart nach der Corona-Krise und eine Verschärfung der Klimaziele der EU aus. Die Stiftung 2° richtete sich in einem Appell für ambitionierten Klimaschutz an die Bundesregierung, den 68 große deutsche Unternehmen aus allen Branchen unterzeichnet haben, Krisenbewältigung und Klimapolitik eng zu verzahnen und Unternehmen durch langfristig gedachte Konjunkturprogramme und verlässliche Rahmenbedingungen dabei zu unterstützen, die Pariser Klimaziele zu erreichen. Auch die Entscheidungsträger bei der EU wollen an ihrem „Green Deal“ festhalten und dafür Sorge tragen, dass Konjunkturpakete in Folge des Covid-19-Ausbruchs nicht gegen die Prinzipien des European Green Deal verstoßen dürfen. Im April kündigte EU-Justizkommissar Didier Reynders an, 2021 einen Gesetzesentwurf für ein europäisches Lieferkettengesetz vorzulegen.

Der Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft, der Schutz der Artenvielfalt und die Umgestaltung der Agrar- und Lebensmittelindustrie bieten den Gesellschaften Europas die historische Chance, wirtschaftlichen Wiederaufbau und Nachhaltigkeit zu verzahnen, neue Jobs zu schaffen und dazu beizutragen, unsere Gesellschaften widerstandsfähiger zu machen. Insofern ist dem früheren Bundesaußenminister Joschka Fischer beizupflichten, wenn er davor warnt, diese „historische Chance“ zu vertun und auf eine „industriepolitische Restauration“ zu setzen. Denn dann würde aufgrund der Dimension der jetzigen Konjunkturprogramme ein später nötiges drastischeres Umsteuern extrem schwierig werden. Was wir jetzt brauchen, ist nicht weniger, sondern mehr Nachhaltigkeit, „hat doch gerade die Covid-19-Krise uns allen quasi im Zeitraffer vor Augen geführt, dass sich eine Menschheit von knapp acht Milliarden Menschen, die von einer globalisierten Wirtschaft abhängt, den Luxus infantiler Verdrängung unerwünschter Tatsachen einfach nicht mehr erlauben kann und darf“ (Joschka Fischer in politik & kommunikation).

Mit Freiwilligkeit allein kommen wir nicht weiter

Ein erfolgreicher Post-Corona-Weg Richtung Nachhaltigkeit ist ohne starkes staatliches Handeln und klare Rahmensetzungen durch den Gesetzgeber schwer vorstellbar. Bislang setzt die deutsche Politik vor allem auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft, wenn es um Nachhaltigkeitsanforderungen geht. Mit mäßigem Erfolg. Denn wenn es keine verbindlichen Regeln für alle gibt, sind die „Guten“ allzu oft am Ende doch die „Dummen“.

Wer als Textilunternehmen existenzsichernde Löhne in den Herstellungsländern zahlen will, wer Kaffee, Kakao oder Bananen zu fairen Preisen einkaufen will, muss seine Produkte entsprechend teurer anbieten – und sieht sich dadurch oft mit Wettbewerbsnachteilen konfrontiert. Wer hingegen alle Verantwortung an die Zulieferer in den Herkunftsländern delegiert, kann mit billigeren Produkten beim Verbraucher punkten. Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung als Wettbewerbsvorteil – viel zu oft ist das der perverse Status quo.

Gleiches gilt beim Thema Klimaschutz: Noch wird klimaschädigendes Verhalten von Konsumenten und Unternehmen mit Kosten- und Wettbewerbsvorteilen „belohnt“. Wer auf die Zulassungszahlen von SUVs in Deutschland, die steigende Zahl von Flugbewegungen oder den Fleischkonsum in Deutschland im vergangenen Jahrzehnt schaut, dem muss klar sein, dass wir allein mit moralischen Appellen nicht zu einer CO2-neutralen Gesellschaft werden. Sondern nur über einen angemessenen Preis. Mit einem niedrigeren CO2-Preis hingegen werden auch beim Klimaschutz die „Vorreiter“ bestraft. Die Folgekosten klimaschädlichen Verhaltens werden vergesellschaftet, Investitionen in eine klimaneutrale Zukunft abgewürgt. Mit dem Ende 2019 verabschiedeten Klimaschutzgesetz und der beschlossenen schrittweisen Anhebung des CO2-Preises wurde auch hier ein erster – wenn auch kleiner Schritt – in die richtige Richtung getan.

Lange Zeit dominierte bei Wirtschaft wie Politik die Überzeugung, dass Unternehmen das Heft des Handelns in Form von freiwilligen Selbstverpflichtungen lieber selber in die Hand nehmen sollten, statt sich vom Staat regulieren zu lassen. In jüngster Zeit dreht sich die Stimmung, in der Öffentlichkeit, bei Nichtregierungsorganisationen und auch bei vielen Unternehmen. 2019 war das Jahr, in dem auf Nachhaltigkeitskonferenzen immer häufiger der Satz zu hören war: „Ohne staatliche Regulierung kommen wir nicht weiter.“

In der Post-Corona-Zeit wiegt dieser Satz noch schwerer. Wenn die Krise eine Chance sein soll für mehr Nachhaltigkeit, dann führt an staatlicher Regulierung im Sinne eines Green Deal kein Weg vorbei.

Politischer Mut ist gefragt

Die Corona-Krise zeigt schonungslos, wohin uns die Vernichtung und Abnahme der Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen, der Klimawandel und endlos lange Lieferketten geführt haben: zu mehr Verletzbarkeit und weniger Krisenfestigkeit. Gleichzeitig demonstriert sie, wie durch entschlossenes staatliches Handeln eine Krise globalen Ausmaßes eingedämmt werden kann.

Die Erfahrungen der vergangenen Wochen sollten die politischen Entscheidungsträger in Berlin und Brüssel ermutigen. Denn in dieser Krise steckt auch ein politisches Learning: dass eine wissenschaftsgestützte Politik, die den Menschen schonungslose Wahrheiten und persönliche Einschränkungen zumutet, nicht per se abgestraft wird. Fragt man die Menschen direkt, wie sich die Corona-Krise auf ihr persönliches Konsumverhalten auswirken wird, sagt eine Mehrheit, dass sie nach Corona insgesamt nachhaltiger konsumieren wollten. So kommt eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung Accenture, die in 15 Ländern durchgeführt wurde, zu dem Ergebnis, dass die Coronavirus-Pandemie das Verbraucherverhalten dauerhaft zugunsten von Nachhaltigkeit und Gesundheit verändern könnte. Und eine Befragung der Nachhaltigkeitsplattform Utopia.de liefert Hinweise darauf, in welche Richtungen diese Veränderungen gehen könnten: zugunsten der Unterstützung lokaler Anbieter und Kauf regionaler Produkte. Mehr Fokus auf Bio und Qualität beim Einkaufen. Und in Richtung Suffizienz („Dinge, auf die man verzichten kann“).

DieCorona-Krise ist eine Zäsur. Durch sie wird so viel ökonomisch, ökologisch und sozial Fragwürdiges schonungslos offengelegt, dass eine Kurskorrektur unumgänglich ist. Das Fenster der Möglichkeiten steht dafür heute so weit offen wie nie zuvor. Auf allen Ebenen: Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft.

Wir sollten diese Chance nutzen – mutig und entschlossen.

Von Meike Gebhard

FR-Serie: Die Welt nach Corona

Mitten in der Kriseüber die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspektesoll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autorenhaben ihre Teilnahme zugesagt, etwa die Philosophin Nancy Fraser und der Soziologe Harald Welzer. Die nächste Folge erscheint am Mittwoch. Alle veröffentlichten Beiträge stehen online unter fr.de/welt-nach-corona. FR

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